FeedEierstockswassersucht (Hydrops ovarii)
HeilkundeBrockhaus 1882

Eierstockswassersucht (Hydrops ovarii), die mehr oder minder beträchtliche Ausdehnung des krankhaft entarteten Eierstocks durch angesammelte Flüssigkeit, hat in den meisten Fällen ihren Grund darin, daß ein Graafscher Follikel des Cierstocks (.. d.) infolgeübermäßiger Ansammlung von Flüssigkeit allmählich zu einem größern, mit Wasser erfüllten häutigen Sack (sog. Eierstocks⸗-oder Ovariencyste) heranwächst, der den eigentlichen Cierstock vollständig in sich aufnimmt und nach und nach einen so großen Umfang erreichen kann, daß er 10—15 und noch mehr Liter Flüssigkeit faßt und schließlich beinahe die ganze Bauchhöhle ausfüllt. Man unterscheidet mehrere Arten derartiger Eierslockscysten: einfache Cysten, die nur einen einzigen mit Wasser erfüllten Hohlraum umschließen, zusammengesetzte Cysten oder Eierstockscystome, die aus vielen, größern oder kleinern, meist dünnwandigen und zu einer höckerigen Geschwulst vereinigten Blasen bestehen und so zahlreiche, miteinander nicht in Verbindung stehende Hohlräume darbieten, und sog. Derm oidey en, die nicht mit einer Flüssigkeit, sondern mit einer grützbreiartigen, oft Fett, Haare und zahnähnliche Gebilde enthaltenden Masse erfüllt sind. Die Entwickelung derartiger Cysten des Cierstocks wird gewöhnlich nicht vor dem 25., meist zwischen dem 30. und 40. Jahre beobachtet; doch kann sie auch noch in spätern Lebensjahren erfolgen. Die Symptome der Cierstockscysten sind je nach ihrer Größe, Ausdehnung und Lage sehr verschieden; während kleinere Cysten entweder gar keine oder nur sehr unbedeutende Beschwerden verursachen, bedingen die großen eine ganz außerordentliche Auftreibung des Leibes, drängen das Zwerchfell stark nach oben, erschweren dadurch die Atmung in hohem Grade und Iukalrender eftige Atemnot, ja, lönnen durch ihren anhaltenden Druck auf lebenswichtige Organe das Leben des Kranken direkt gefährden. Behufs Beseitigung dieser Beschwerden vflegt man die Geschwulst vermittelst eines Troikars auden zue und so ihren wässerigen Inhalt nach außen zu entleeren. Allein gewöhnlich hält die dadurch gewährte Erleichterung nicht lange an, da sich der Sack bald wieder mit Wasser anfüllt; durch oft wiederholtes Abzapfen der Flüssigkeit wird aber der Körper allmählich sehr geschwächt und schließlich olgt der Tod + von allgemeiner Erschöpfung. Auch der Versuch, durch Einspritzung von reizenden Substanzen, namentlich Jodtinktur, in den vorher entleerten Cystensack eine Entzündung und damit eine Schrumpfung und Verklebung desselben hervorzurufen, führt durchaus nicht immer zu dem er-Renhe⸗ Ziele und setzt zudem die Patientin einer eihe erheblicher Gefahren aus. In einzelnen allerdings sehr seltenen Fällen kommt eine Spontanheilung der Cierstockswassersucht dadurch zu Stande, daß infolge eines zufälligen Stoßes oder Schlages gegen den Unterleib die Cystenwand einreißt und sich nun der wässerige Cysteninhalt entweder in die Bauchhöhle ergießt und resorbiert wird oder, wenn die Cyste vorher mit benachbarten Organen verwachsen war, durch den Darm, die Scheide, die Harnblase oder den Nabelring der Bauchwand nach außen entleert wird, worauf der entleerte Sack sich entzündet und zu einer soliden Bindegewebsmasse zusammenschrumpft. Mit Sicherheit läßt sich die radikale Heilung der Cierstockswassersucht allerdings nur von der Operation der Ovariotomie s.d.) erwarten, bei welcher die Bauchwand mit dem esser gespalten, die meist gestielte Geschwulst durch die Bauchwunde hervorgezogen und mit dem Messer entfernt wird. Dank den modernen antiseptischen Verbandmethoden sind die Gefahren dieser einst gefürchteten Operation so weit gemindert worden, daß z. B. Spencer Wells in London bereits über taufend Operationen ausgeführt und in 75 Proz. der Fälle Heilung erzielt hat, und daß die Operation jetzt nicht mehr bloß von einzelnen Spezialisten, sondern von fast allen namhaftern Chirurgen und Gynäkologen mit gutem Erfolge unternommen wird.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 814Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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