FeedEpistel
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Epistel (grch.) nennt man in der Poetik den poetischen Brief, der keiner besondern Dichtungsart beigezählt werden kann, indem er bald erzählend (episch), bald lyrisch und gewöhnlich didaktisch ist, wie schon die bekannte Epistola ad Pisoneso des Horaz. Der Ton, welcher in der E. vorherrschen soll, läßt sich im allgemeinen nicht angeben, weil er sich jederzeit nach dem Inhalte und nach dem Verhältnisse des Schreibenden zum Empfänger richtet. So grenzen Ovids Epistolae ex Pontop durchgehends an die Elegie; die Horazischen Epistolaen an die Satire; mehrere E. von Voltaire, Göckingk, Jacobi, Gleim u. a. sind lyrische Ergüsse einer scherzhaften Laune, und bei den Römern gehört selbst die Heroide (s. d.) hierher. Die E. muß eine deutlich hervortretende Beziehung auf die Person haben, welche schreibt, und auf die, an welche geschrieben wird, denn durch die Richtung an eine bestimmte Person gewinnt ein solches Gedicht wesentlich an Wahrheit, Individualität und Lebendigkeit. In derschristlichen Kirche nennt man E. vorzugsweise die im Neuen Testament enthaltenen Briefe der Apostel und dann die aus denselben zu Predigttexten von alters her ausgewählten Abschnitte lepistolische Perikopen).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 233Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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