FeedEpigramm
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Epigramm (d. i. Aufschrift) bezeichnete bei den Griechen ursprünglich wirklich die üblichen Aufschriften auf Kunstwerken, namentlich solchen, die eine religiöse iese Jus erhielten, auf Grabmälern u. dgl. Da diese Inschriften, meist in Distichen abgefaßt, ihren Gegenstand dichterisch erklärten oder auch neue Gedanken an denselben anknüpften, so wurde das E. bald eine selbständige Dichtungsart, welche in knappster Fassung die mannigfachsten Gedanken abrundete, wobei eine schar zugespitzte Pointe immer wefentliches Erfordernis, aber die größte Verschiedenheit des Inhalts möglich blieb. Die äußerst zahlreichen E. der griech. Dichter, in denen die höchste Zartheit mit dem kectsten Witz wechselt, wurden im byzant. Zeitalter zu umfangreichen Anthologieno (s. d.) vereinigt, deren weh rere noch erhalten sind. Bei den Römern war das E. fast nur in satirischer, ie Maefialsf d Richtung ausgebildet, in welcher Weise Martial (s. d.) 14 Bücher höchst beißender, oft unsauberer E. schrieb. Im buddhistischen wie im brahmanischen Indien und im mohammedanischen Persien sind die E. sinnige Sprüche der Weisheit. Auch bei den roman. Völkern war das E. meist eine Waffe des Spotts, besonders bei den lateinschreibenden Humanisten; in der ital. Litteratur aber ging es allmählich in die Form des Madrigals, zum Teil auch des Sonetts über. Am meisten war es in Frankreich beliebt, wo Clément Marot (1495—1544) als der erste bekannte Epigrammatiker gilt. Weniger künstlerisch vollendet, aber desto schärfer und wirksamer waren in Frankreich zahllose mündlich und schriftlich verbreitete E., die seit Richelieus Zeiten, besonders aber kurz vor dem Ausbruch der Revolution der sonst zum Stillschweigen verurteilten polit. Opposition Ausdruck gaben. Als die ältesten deutschen E. muß man die Präambelno oder «Priamelno des 13. und 14. Jahrh. ansehen, die jedoch mehr allgemeine Sittensprüche ohne spezielle Beziehung sind. Im 17. Jahrh. begann man hier, wie in allen andern Dichtungsarten so auch im E. die Alten nachzuahmen, und zwar vorzugsweise den bittern Spott des Martial. Das Bedeutendste leistete Friedrich von Logau (s. d.). In u Wer Richtung folgten ihm im 18. Jahrh. Christian Wernike (s. d.) und Abraham Gotthelf Kästner (s. d.), im 19. 1 rh. F. Haug. Die zahlreichen E. Goethes und Schillers sind meist Sinnsprüche von allgemeiner Wahrheit; nur in den berühmten «Xenieno trieben sie die Schärfe des epigrammatischen Angriffs auf die Spitze; Schiller zeigt sich in ihnen als der unbedingt größte deutsche Epigrammatiker. Die Theorie des E. wurde mit unübertroffenem Scharfsinn behandelt von Lessing in den Anmerkungen über das E.», in welchen er jedoch vorzugsweise das witzig spottende E. der Römer vor Augen hatte, und von Herder in der Abhandlung elüber das griechische C.»„welcher eben durch die Berücksichtigung der griech. aefanck⸗ zu einer umfassendern und höhern Ansicht gelangte. Sammlungen von E. veröffentlichten Benedix (Lpz. 1861) und Booth (Lond. 1863).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 223Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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