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HeilkundeBrockhaus 1882

Erbliche oder hereditäre Krankheiten nennt man diejenigen Krankheiten, deren Entstehung im gegebenen Falle auf eine von den Eltern oder Voreltern ererbte Krankheitsanlage zurückzuführen ist. Der Einfluß der Eltern auf den Organismus der von ihnen erzeugten Kinder ist so groß, daß sich auch die besondern (individuellen) Eigenschaften, welche einen Menschen von dem andern unterscheiden, durch die Zeugung und Schwangerschaft auf die Kinder wenigstens zum Teil übertragen, vererben. Daher finden sich zwischen dem Aussehen der Eltern und dem der Kinder manche AÄhnlichkeiten (Gesichtszüge, Färbung des Haars und der Augen, geistige Fähigkeiten), welche sich bald schon bei der Geburt, bald erst im spätern Alter bemerkbar machen. Wie nun in der einen Familie die Adlernase, in der andern die Stumpfnase durch Generationen hindurch wiederkehrt, so bertragen sich zunächst in einzelnen Familien manche äußere Mißbildungen, wie überzählige Finger, Hasenscharten, Abnormitäten der Ohrmuschel, Warzen, Muttermäler, gewisse Mißbildungen der Geschlechtsteile u. dgl. durch Erblichkeit oder Heredität von Geschlecht zu Geschlecht. Auf die gleiche Weise können auch gewisse Abnormitäten innerer Organe, welche die Anlage zu besondern Krankheiten darstellen, von den Eltern auf die Nachkommen durch Vererbung übertragen werden. In der That kommt es nicht selten vor, daß der Sohn in demselben Lebensalter von einem Gebrechen oder einer Krankheit ergriffen wird, in welchem der Vater daran litt. Was hier vererbt wird, ist nicht die Krankheit, sondern die Anlage zu derselben; die Ausbildung der wirklichen Krankheit ½5 immer noch andere Umstände, welche sie begünstigen. Doch auch diese sind oft gewissermaßen mit fortgeerbt, z. B. Wohnort, Berufsart, Lebensweise, Gewohnheiten, welche sich in der Familie delen werde Von eigentlichen Krank Daekre werden nicht bloß die sog. Konstitutionskrankheiten, wie Tuberkulose, Syphilis, Gicht, Zuckerharnruhr, Bluterkrankheit, Fettleibigkeit u. a., sondern auch Geisteskrankheiten, Epilepsie, Hypochondrie und Hysterie, Kretinismus, Neigung zu Schlagfluß und Steinbildung vererbt. Die Fischschuppen⸗ und die Bluterkrantheit, auch manche Mißbildung, zeigen dabei die auffallende Eigentümlichkeit, daß sie fast nur bei Männern vorkommen, so aber, daß die Töchter, welche selbst nicht an der Krankheit leiden, dieselbe auf ihre Söhne übertragen. Die Tuberkulose, die Gicht, die Fettleibigkeit u. s. w. brechen bei den Kindern gewöhnlich erst zu der Zeit aus, wo diese Krankheiten überhaupt am häufigsten sind. Die Kinder schwindsüchtiger Eltern z. B. sind oft bis in das 20. und 25. Jahr ganz gesund und erkranken dann auf einmal und gewöhnlich viel babene als bei erworbener Tuberkulose; freilich sterben viele auch schon in den ersten Lebensjahren. Es kommt nicht selten vor, daß beide Eltern zur Zeit, wo sie die Kinder zeugten, noch ganz gesund zu sein schienen, daß aber der eine Erzeuger, aus einer schwindsüchtigen Familie stammend, den Keim der Krankheit schon in sich trug: die Kinder werden doch tuerkulös. Nicht immer sind es die gleichen Gebrechen und die gleichen Krankheitsanlagen, die in der Familie sich wiederholen, sondern häufig nur ähnliche Formen, die sogar, während sie dem einen Gliede zum Verderben dienen, dem andern zum größten Vorteil gereichen können, gerade wie man oft genug in dem schönen und veredelten Gesicht eines rden Bruder dennoch manchen Zug, der vielleicht den Bruder abschreckend häßlich macht, wiedererkennen kann. So ist es eine allgemeine Erfahrung, daß in Familien, in denen Geistes½ einheimisch sind, zugleich die intelligentesten und genialsten Köpfe vorkommen. Noch merkwürdiger ist, wie oft zwei ganz gesunde Eltern fast lauter Kinder mit Mißbildungen oder Gebrechen hervorbringen; gewöhnlich handelt es sich hier um Rückschläge auf die Großeltern oder noch entferntere Ahnen. (S. Atavis mus.) Die physiologischen Gesetze, nach denen die Vererbung körperlicher und geistiger Eigentümlichkeiten und damit auch die erbliche Übertragung von Krankheitsanlagen vor sich geht, sind uns noch völlig unbekannt, doch lassen sich die der Vererbung zu Grunde liegenden Bedingungen in ihren allgemeinsten Zügen durch einen Blick auf die Fortpflanzung der niedern Organismen wenigstens annähernd erschließen. Bei denjenigen niedern Tieren, welche sich durch einfache Quer⸗ oder Längsteilung fortpflanzen, ist jedes Individuum der neuen Generation im buchstäblichen Sinne die Hälfte eines Individuums der vorhergehenden, und jede Hälfte muß gleichmäßig an den Anomalien der Gestalt und der Mischung des frühern einen Individuums teilnehmen. Ebenso ist es bei denjenigen Tieren, deren Stücke sich nach der Trennung vom Ganzen durch Erzeugung neuer Organe zum vollkommenen Tiere ergänzen, leicht begreiflich, wenn Abnormitäten des Muttertiers mit auf den Sprößlin übergehen. Nun sind aber die Keimstoffe, nämlich der männliche Same und die weiblichen Cier, bei den höhern Tieren auch nichts anderes als integrierende Bestandteile des elterlichen Organismus, welche alle hervorragendern Eigenschaften und Eigentümlichkeiten der letztern in sich vereinigen, und da nun das neue Wesen aus der innigen Verschmelzung von Samen und Ei hervorgeht, so kann es nicht auffallend erscheinen, daß an ihm die konstitutionellen Eigentümlichkeiten ebensowohl wie gewisse pathologische Abnormitäten seiner Eltern wieder hervortreten. Die übertragung vom Vater aus wird nach den neuern Forschungsresultaten, nach denen die Samenfäden das Ei nicht bloß, wie man früher annahm, einfach berühren, sondern durch eine feine ffnung der Eikapsel, die sog. Mikropyle, in dasselbe eindringen, sich innig mit ihm vermischen und förmlich in ihm aufgehen, unserm Verständnis noch wesentlich näher gerückt. Nach Erfahrungen an Tieren zu urteilen, ist der Einfluß des Vaters auf die Übertragung von Eigenschaften auf den Sprößling im allgemeinen den M. größer als der der Mutter, doch sind für den Menschen hiervon zahlreiche Ausnahmen bekannt. Der Einfluß des Vaters hinsichtlich der Vererbung von Krankheitsanlagen kann natürlich nur während der Zeugung stattfinden; die Mutter wirkt dagegen auch während der Schwangerschaft und während des Stillens noch auf das Kind, und es ist die Möglichkeit zuzugestehen, daß auch hierdurch noch die Gelegenheit zu erblichen Krankheiten, namentlich der Tuberkulose, gegeben wird. Es scheint übrigens, als ob im Durchschnitt die schlechtere Organisation, sei es nun die väterliche oder mütterliche, den größern Einfluß ausübt und daher eine Verschlechterung der Familienrasse leichter zu Stande komme als eine Veredlung. 4. Für die Behandlung der erblichen Familienübel ist es von der größten Wichtigkeit, daß man ihre Entstehung und Ausbildung durch zweckmäßige Verhaltungsmaßregeln schon beizeiten zu hindern sucht. Wer eine erbliche Anlage besitzt, der heirate keine Person, welche dieselbe Anlage ererbt hat, sondern eine solche, welche von entgegengesetzter Konstitution ist. Da bei der Bildung des Embryo (. d.) männliche und weibliche Zeugungsstoffe zusammenwirken, so kann die Frucht in der Bildung ihrer Teile nur dem einen oder dem andern von den Eltern folgen; soweit sie nach dem Vater artet, muß sie aufhören der Mutter zu gleichen, und umgekehrt, und so kann durch Übergewicht von einer Seite her der Einfluß von der andern eliminiert und aufgehoben werden. Aus diesem Grunde ist eine vernünftige geschlechtliche Auslese und die durch sie bedingte der rlus (‚. d.) der Stämme das beste Mittel, um der Ausartung der Geschlechter vorzubeugen, während bekanntlich durch fortgesetzte Inzucht oder Heiraten unter nahen Verwandten sich gewisse Familienzüge und Familienübel bis zum Extrem ausbilden und fortpflanzen. Namentlich ist vom Kretinismus und von der Idiotie bekannt, wie sie durch Heiraten unter nahen Verwandten befördert, durch Ehen mit Stammes⸗ und Landesfremden aber beschränkt werden. Man richte +1. bei dem Verdachte einer erblichen Krankheitsübertragung von der Geburt an alle Umstände, unter denen das Kind lebt, so ein, daß die ererbte Anlage nicht nur nicht befördert, sondern im Gegenteil möglichst wirksam bekämpft wird. Man sorge zu diesem Behufe für eine verständige Kräftigung und Abhärtung (s. d.) des Körpers, wobei namentlich der möglichst ungeschmälerte Aufenthalt in guter reiner Luft von Bedeutung ist, und suche namentlich in dem Lebensalter, in welchem die Krankheit bei den Eltern entstanden war, alle jene zufälligen Gelegenheitsursachen möglichst De zu halten, die erfahrungsgemäß die Entstehung er betreffenden erblichen Krankheit begünstigen. Vgl. Lucas, KTraité de I'hérédité naturelles (Par. 1847); Darwin, Das Variieren der Tiere und Pflanzeno (übersetzt von J. V. Carus, Stuttg. 1868); Locher-Wild, aliber Familienanlage und erbliche Krankheitens (Zür. 1874); Ribot, Die CErblichkeit» (deutsch von Hotzen, Lpz. 1876); C. Roth, „Historisch-kritische Studien über Vererbungo (Berl. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 248Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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