FeedErdbeere (Fragaria)
PflanzenreichBrockhaus 1882

Erdbeere (Fragaria), eine der natürlichsten Gattungen der großen Familie der Rasaceen. Ihr wichtigstes botan. Merkmal besteht in dem fleischig und saftig gewordenen Fruchtboden, in dem die kleinen Trockenfrüchtchen (Achänen) eingebettet liegen, sodaß die E. nicht eine Beere im botan. Sinne, sondern eine Scheinbeere ist. Die Gattung Pragaria ist fast über die ganze Erde verbreitet. Sieumfaßt perennierende, fast stammlose Kräuter mit dreizähligen, gezähnten, bald glatten und glänzenden, vald mattgrünen und mehr oder weniger behaarten Blättern, aus deren Mitte sich aufrecht gabelteilige oder trugdoldig verästelte Sten el erheben, welche die bald zwitterigen, bald durch Fehlschlagen eingeschlechtigen Bluten tragen. Aus den Blattachseln entwickeln sich die Ausläufer, d. h. uber den Boden hinlaufende langgliederige Aste, welche an den Knoten urzeln schlagen und oberseits eine kleine Blattrosette als Anfang einer neuen Pflanze erzeugen. Die Blumen bestehen aus einem mit einem Hüllkelche verwachsenen fünfteiligen Kelche und einer fünfblätterigen, immer weißen Blumenkrone. Die Einführung der E. in die Gärten datiert erst aus dem 16. Jahrh. Die Alten haben denselben kaum einige Beachtung geschenkt, und in ihren Schriften finden sie sich nur einigemal und ganz vorübergehend erwähnt. Die wissenschaftlich festgestellten Arten der Gattung Fragaria sind folgende: 1) Die gemeine Erdbeere (Pragaria vesca), durch ganz Europa, Asien und Amerika verbreitet. Ihre Früchte sind die kleinsten unter den E., aber die besten und würzigsten. Die Blätter sind oben grün, unten weißlich und die Blütenstiele mit angedrückten Haaren besetzt. Durch die Kultur werden die Früchte doppelt so groß wie die der wildwachsenden Pflanzen. Eine wahrscheinlich in den Gärten entstandene Form derselben ist die Monats-Erdbeere [Fragaria semperflorens), fälschlich Alpenerdbeere genannt. Sie ist die einzige C., welche den ganzen Sommer hindurch blüht und fruchtet. Aus ihr ist wieder eine Spielart hervorgegangen, welche keine Ausläufer bildet. Die Monatserdbeere wird nicht in dem Maße geschätzt, wie sie es zu sein verdient. 2) Die Moschus-Erdbeere (Pragaria elatior). Sie hat einen viel beschränktern Verbreitungsbezirt als die vorige Art, ist aber in Mitteleuropa ziemlich gemein. Die Blatt⸗ und Blütenstiele sind, wie auch die Blätter oben und unten, weich behaart. Die Frucht ist ziemlich groß, spitz und stumpfkantig, reich und moschusartig gewürzt. Wildwachsende Pflanzen werden durch Fehlschlagen des einen oder des andern Geschlechts oft zweihäusig und darum unfruchtbar. In den Gärten jedoch, in denen eine größere Anzahl von Individuen dieser Art und anderer, stets zwitteriger Arten nebeneinander kultiviert zu werden pflegt, ist die Befruchtung fast immer gesichert und die Moschuserdbeere lerland Ihre verbreitetste Kulturform ist die Vierlander Erdbeere. 3) Die Virginische oder Scharlach-Erdbeere (Fragaria virginiana) ist in Nordamerika zu Hause und wurde erst in der Mitte des 17. Jahrh. in Europa eingeführt. Die Blattstiele sind mit abstehenden weichen Haaren besetzt, die Blätter auf der obern Fläche glatt, die Frucht groß und schön. Diese ausgezeichnete Art hat entweder auf dem Wege natürlicher Wandlung oder infolge einer Kreuzung mit andern Arten, Dorzugsmeije mit der RN viele Varietäten hervorgebracht. 4) Die Chili-Erdbeere (Fragaria chilensis), eine andere amerik. Art, unterscheidet sich 1 die Größe der Blätter und der Blüten, wie au die Größe der Frucht, welche bei einigen ihrer Spielarten das Volumen eines mittelgroßen Hühnereies erreicht. Die Blätter und Blattstiele sind von abstehenden Haaren weißlich-grau. Auch sie wird durch Fehlschlagen oft zweihäusig und darum unfruchtbar, wenn sie nicht durch in der Nähe stehende Pflanzen der eigenen oder einer andern Art befruchtet wird. Sie wurde 1712 in Europa eingeführt und zunächst in Frankreich kultiviert. 5) Die Ananas-Erdbeere (Fragaria ananassa, F. grandiflora). Das Herkommen dieser E. ist nicht genau bekannt, wahrscheinlich aber ist sie eine botanische oder Gartenform der vorigen. Blätter und Blütenstiele sind mit weißen abstehenden Haaren besetzt, erstere nur auf der obern Fläche; Kelchblätter aufrecht, die Früchte rot oder blaßrot, von erhabenem Ananasgeschmack. Andere Arten sind für die Gartenkultur bedeutungslos, z. B. der in Mitteleuropa gemeine Bresling (Fragaria collina), welcher in der Hauptsache durch den der Frucht eng sich anschließenden Kelch charakterisiert ist. ö Von den zuletzt beschriebenen drei Arten stammen alle großfrüchtigen Spielarten (Sorten) der Gärten ab. Diese 1.80 nach Hunderten. Solange man aber nicht alle Sorten unter gleichen lokalen Verhältnissen kultiviert und jahrelang beobachtet uen wird es immer schwer sein, die anbauwürdigten unter ihnen herauszufinden. Als feststehend muß betrachtet werden, daß Varietäten, welche unsern veränderlichen Winter nicht ohne Schaden überstehen, oder deren Blüten durch Abortus oft unfruchtbar bleiben, oder deren Blätter vor oder nach der Frucht verdorren, aus den Gärten verbannt werden müssen. Ebenso wenig für die Kultur sind diejenigen geeignet, welche nicht reichlich Frucht tragen, oder welche ihre Früchte auf einmal und nicht in angemessener Folge zur Reife bringen, oder die auf Kosten des Ertrags übermäßig viele Ausläufer erzeugen, oder deren Frucht kein volles, festes Fleisch besitzt. Es sind nicht allzu viele Sorten, welche unter allen lokalen Verhältnissen in Betreff der Dauerhaftigkeit des Stocks und des Ertrags, sowie der Größe und Beschaffenheit der Frucht Befriedigendes leisten. Wenn man aber die eine oder die andere gute Sorte in seinem Garten hat, so sollte man sich begnügen und nicht nach andern suchen, welche möglicherweise an dem einen oder andern dieser Hauptfehler leiden. Die E. werden durch Ausläufer vermehrt, durch Samen nur dann, wenn man neue Sorten erziehen wollte. Zur Anlage von Erdbeerbeeten wählt man von den an den Ausläufern entstandenen jungen Pflanzen nur diejenigen, welche den Mutterstöcken am nächsten stehen. Auch sollte man sie nur von einjährigen Stöcken wählen. Die beste Zeit zur Anlage einer Pflanzung ist der Monat August, da sie dann schon im nächsten Jahre ertragsfähig ist. Die E. erfordert einen tiefgründigen, frischen (nicht feuchten), nahrhaften Boden und eine zwar freie, aber weder rauhe, noch der Mittagssonne ausgesetzte Lage. Das Gedeihen der Pflanzung wird durch Überspritzen der Beete abends bei trockener Witterung, durch mehrmalige Lockerung des Bodens, Unterdrückung des Unkrauts und dadurch, daß man die Entwickelung von Ausläufern in den nötigen Schranken. hält, gefördert. Letztere werden von August bis November mit der Schere abgeschnitten, nicht abgerissen, bei welcher Gelegenheit man auch die alten Lenden stengel und die zu unterst am Stocke stehenden alten, lebensschwachen Blätter wegnimmt. Im Frühjahr sollte man keine Ausläufer (Ranken) schneiden wollen, da sie in dieser Zeit nur sparsam auftreten und weder den Stock, noch die Blüten- und Fruchtbildung benachteiligen, andererseits auch bis zum August die kräftigsten jungen Pflanzen liefern. Nach dem Schneiden muß das Erdreich nicht nur behackt, sondern auch mit gut verrottetem Rindermist oder mit der aus Mistbeeten ausgeworfenen Erde gedeckt werden, nicht nur um den Boden frisch zu erhalten, sondern auch, um ihn egen tief eindringenden Frost zu schützen. Das Dedmaterial aber wird in der zweiten Hälfte des März wieder abgeräumt und wenn mö lich durch etwas guten Kompost ersetzt. Bei trockener Witterung ist dem dt gießen, während der Blütezeit nur mit dem Rohr und stets nur am hun er Pflanze, um nicht die Befruchtung zu ver indern. Um die Früchte gegen die Berührung mit dem etwa aufgeweichten Boden zu sichern, stützt man die Pflanzen durch kleine Drahtgestelle, sog. Erdbeerhalter, oder bedeckt den Boden rings um den Stock mit Flachsschäben, Flachsknoten oder gesiebter, körniger Coksasche. Gegen die Nackts necken, welche die Früchte anfressen und mit ihrem Schleim beschmutzen, muß man mit allen Mitteln einschreiten. (S. Schnecken.) Länger als vier Jahre sollte man keine Pflanzung konservieren wollen, da die Stöcke nach dieser Zeit immer weniger leisten und die Früchte an Größe und Güte verlieren. Wer sich eine immer reiche Ernte an guten Früchten sichern will, muß neue Beete anlegen, solange die alten no in vollem Ertrage stehen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 262Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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