FeedErfurt
ErdkundeBrockhaus 1882

Erfurt, Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks der preuß. Provinz Sachsen, an der dreiarmigen Gera, an der Linie Halle-Bebra der Preußischen Staatsbahn, von welcher hier die Linien nach Sangerhausen (Preußische Staatsbahn) und die Nordhausen-Erfurter Bahn abzweigen, und in dem Vorlande des Thüringerwaldgebirges 208 m hoch gelegen. E. war früher starke Festung, wurde als solche aber 1874 aufgegeben, wiewohl die Werke noch größtenteils vorhanden sind (die ehemaligen Citadellen Petersberg und Cyriaksburg). Die Stadt ist Sitz der Bezirksregierung, des Landratsamts für den Landkreis E., eines Land⸗, Schwur⸗ und eines Amtsgerichts, einer Oberpostdirektion, einer Generalsteuerinspektion, einer Berginspektion, eines Hauptsteueramts, einer Handelskammer, einer königl. Eisenbahndirektion, eines Eisenbahnbetriebsamts, einer Reichsbankstelle, einer Forstinspektion, einer Vorschußbank u. s. w., der Stäbe der 8. Division, der 15. und 16. Infanterie⸗ und 8. Kavalleriebrigade und ist Garnison vom Stab, 1. und 2. Bataillon des Magdeburger Füsilierregiments Nr. 36 und Stab, 2. und 3. Bataillon des 3. thüring. Infanterieregiments Nr. 71, Regimentsstab und 1. Abteilung des thüring. Feldartillerieregiments Nr. 19, des Landwehrbezirkskommandos des 3. thüring. Landwehrregiments Nr. 71. E. hat ein schönes von Sommer erbautes Ratsouch in spätgot. Stil mit Bildern aus E.s Geschichte von Janssen in Düsseldorf, ein neues Gerichtsgebäude auf dem Friedrich-⸗Wilhelmsplatz, ein neues Krankenhaus, Schlachthaus und wird ein neues Postgebäude, einen Centralbahnhof, ein Denkmal und einen monumentalen Brunnen erhalten. Unter den öffentlichen Plätzen sind u erwähnen der Friedrich-Wilhelmsplatz am Dom, sonst vor den Graden (ante gradus) genannt, mit einem Denkmal des Kurfürsten Friedrich Karl Rudr von Mainz, der Fischmarkt mit einer Roandssäule und der seit 1876 mit einem Kriegerdenkmal geschmückte Hirschgarten. Unter den 20 teils evang., teils kath. Kirchen sind der (kath.) Dom, zu dem eine breite Treppe (die sog. Graden) hinaufführt, und die dicht neben demselben gelegene, mit drei Türmen versehene, 1878 restaurierte Kirche zum heil. Severus die wichtigsten. Der Dom ist besonders in Betreff des Chors, der 1349 zu bauen begonnen wurde, eine der edlern got. Kirchen und enthält nächst einem sehr reichen Portal Skulpturen und Erzgüsse vom 11. bis 16. Jahrh., unter anderm eine Krönung Mariä von Peter Vischer, einen trefflichen Cranach u. s. w. Andere Sehenswürdigkeiten des Doms sind die 275 Ctr. schwere Glocke Maria gloriosa und das angebliche Grabmal des doppelt beweibten Grafen von Gleichen. Außerdem sind zu erwähnen die jetzt zum Militärmagazin dienende Benediktinerkirche auf dem ler Bädt die Prediger⸗, die Schotten⸗, die Regler⸗ und die Barfüßerkirche, die beiden letztern mit prachtvollen Altären und schönen Grabsteinen aus dem 14. Jahrh. Die zahlreichen Klöster sind sämtlich aufehoben, zuletzt (1879) das der Ursulinerinnen, das fruher eine Erziehungsanstalt enthielt. In dem ehemaligen, durch Luthers Aufenthalt (1505—8) berühmten Augustinerkloster, dessen Zelle 1872 durch Brand zerstört wurde, befindet sich seit 1820 das Martinsstift für arme verwahrloste Kinder und die sog. Ministerialbibliothek. Die 1378 gestiftete, aber erst 1392 eingeweihte Universität wurde 1816 aufgehoben und ihr Fonds andern Anstalten überwiesen. An sie erinnern noch die 1754 gestiftete, jetzt königl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften, die königl. Bibliothek von etwa 65000 Bänden und über 1000 Handschriften und das Universitätsgebände in der Michaelisstraße. Gegenwärtig bestehen in E. ein Gymnasium, ein Realgymnasium, eine höhere Bürgerschule, ein evang. Schullehrerseminar, eine Handelsschule, eine Kriegsschule, eine Kunst⸗ und Baugewerkschule, eine Hebammenschule, eine Landwirtschaftsschule und andere Schulen; ferner eine Feuer⸗, Lebens⸗ und Transportversicherungsgesellschaft Thuringia), ein Gewerbeverein, zwei Musikvereine, ein Altertumsverein, ein geographischer Verein, eine Gartenbau⸗ und eine Bibelgesellschaft. Außer dem Martinsstift gibt es auch zwei Waisen-Amntz ein Hospital, zwei Krankenhäuser, eine Instalt für Augenkranke und eine Taubstummenanstalt. Die Zahl der Einwohner beläuft sich (1880) auf 53254 (44158 Evangelische, 8477 Katholiken, 546 Juden, 17 Sektierer, 56 Andersgläubige beziehungsweise ohne Angabe), zur Zeit ihrer Blüte im Mittelalter auf etwa 40000. Berühmt ist E. durch seinen Gartenbau (auf 170 ha), Kunst⸗ und Handelsgärtnerei und Gemüse⸗ und Sämereihandel; es gibt hier 36 Kunst⸗ und Handelsgärtnereien, von denen mehrere gegen 1000 Personen beschäftigen, und 34 Gemüsegärtnereien; was die Blumenzucht anbetrifft, so werden hier Levkoje und Aster in je 250 Arten, serner Georgine, Nelke und Edelrose gezogen; Gemüsebau (Blumenkohl, Brunnenkresse) findet sich besonders auf dem Dreienbrunnen unter dem Steigerwald. Die Erzeugnisse der Gärtnereien werden nach allen Weltteilen versandt. Neben dem örtlichen Verbrauch werden in den Sommermonaten wöchentlich 900— 1200 Ctr. Blumenkohl und im Laufe des Jahres ungefähr 50000 Schock Brunnenkressenbündel ausgeführt; 1865 und 1877 fanden große Gartenbauausstellungen hier statt. Außerdem bestehen eine Eisenbahnwerkstätte, eine königl. Gewehrfabrik, Eisengießereien, Maschinenfabriken, Wollgarnfärberei, Garnbleicherei, wole Mühlwerke, zwei Gasanstalten, Fabriken in wollenen, baumwollenen und leinenen Waren, in Zwirn, Band, Strumpfwaren, Schuhwaren, Posamentier⸗ und Gummiwaren, in Tabak, Cigarren, Essig, Leder, pharmaceutisch-chem. Präparaten, Möbeln, Geldschränken, Strohhüten, Tapeten, Stiefelwichse, Goldleisten, Schirmen, Bürsten, Lampen u. s. w. Auch gibt es ansehnliche Brauereien und Destillationen. Geschichtliches. Der Sage nach soll E. zu Anfang des 5. Jahrh. von einem gewissen Erpo oder Erpes gegründet und nach diesem Erpesford genannt worden sein. Im 6. Jahrh. war es bereits vorhanden. Bonifacius gründete daselbst 741 ein Bistum, welches jedoch bald wieder einging. Karl d. Gr. erhob E. 805 zu einem der Handelsplätze für die Slawen, worauf die Stadt sehr bald an Bedeutung gewann. Im 14. bis 15. Jahrh. gehörte es zur Hansa; 1181 unterwarf sich hier Heinrich der Loöwe dem Kaiser Friedrich J. Obschon E. keine eigentliche Freie Reichsstadt war, so behauptete es doch im Mittelalter trotz der Ansprüche, welche Kurmainz auf die Landeshoheit über die Stadt machte, beinahe vollständige polit. Unabhängigkeit. Mehrere Andubnen wurden hier gehalten, so 1289 unter König Rudolf I.; 1289 und 1290 zerstörte letzterer mit Hilfe E.s eine Anzahl Raubburgen in Thüringen. Mit Sachsen erneuerte es 1483 ein Schutz⸗ und Trutzbündnis und verpflichtete sich dabei zu einem jährlichen Schutzgelde von 1500 meißener Gülden. In den J. 1509 und 1510 fanden Aufstände des Volks gegen den Rat statt. Erst nach der Mitte des 17. Jahrh. gelang es Kurmainz, seine Ansprüche auf E. vollkommen geltend zu machen; mit Hilfe von franz. und Reichsexekutionstruppen wurde die Stadt durch Kurfürst Johann Philipp von Mainz 1664 genommen, Sachhen aber verzichtete auf seine Schutzgerechtigkeit. Seitdem blieb E. ein unbestrittenes Besitztum der Kurfürsten von Mainz, die es zugleich mit dem Eichsfeld (s. d.) durch Statthalter regieren ließen, bis es 1802 nebst jenem an Preußen kam. Nach der Schlacht bei Jena ging E. durch Kapitulation 16. Okt. 1806 an die Franzosen über und blieb unmittelbar unter franz. Herrschaft, während das Eichsfeld nachher zu Westfalen geschlagen wurde. Vom 27. Sept. bis 14. Okt. 1808 hielt Napoleon daselbst eine Zusammenkunft mit dem Kaiser von Rußland, bei welcher auch die Könige von Sachsen, Bayern, Württemberg und Westfalen, der Fürst-Primas und viele andere Große erschienen und zahlreiche Festlichkeiten veranstaltet wurden. Im Jan. 1814 ergab sich die Stadt auf Kapitulation an die Preußen, die Citadelle auf dem Petersberge erst im Mai dieses Jahres. Infolge des Wiener Kongresses kam E. nebst seinem Gebiete (770 qkm mit etwa 45000 C.), von dem jedoch etwa die Hälfte an Weimar abgetreten ward, und dem Eichsfelde wieder unter preuß. Hoheit. Im Frühjahr 1850 hielt hier das deutsche Unionsparlament seine Sitzungen. (S. Deutschland und Deutsches Re 3 2 Zu Versammlungslokalen diente die Kirche des Augustinerklosters. Vgl. Falckenstein, «Historie von E. » (2 Bde., Erf. 1739—46); Dominikus, «E. und das erfurter Gebiete (2 Tle., Erf. 1793); Beyer, Neue Chronik von E.v (Erf. 1821—23); Schorn, «über altdeutsche Skulptur, mit besonderer Rücksicht auf E. » (Erf. 1839); Puttrich,Denkmale der Baukunst des Mittelalters in Sachsen (Abteil. 2, Heft 14—16, Lpz. 1846); Hermann, «Bibliotheca Erfurtina (Erf. 1863); von Tettau, «E. in seiner Vergangenheit und Gegenwarte (Erf. 1868; 2. Aufl. 1880); Lambert, Die ältere Geschichte und Verfassung der Stadt E.v (Halle 1868); «Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete (Bd. 1: „Erfurter Denkmälerv, Halle 1870; Bd. 2: «Akten der erfurter Universitätꝰ, Halle 1881); Kruspe, «Neuester Führer durch CE. (2. Aufl., Erf. 1879); derselbe, Die Sagen der Stadt C. » (2 Bochn., Erf. 1879). Der RegierungsbezirkErfurt hat ein Areal von 3530,41 ꝗkm, zählt (1880) 403 604 E. (304 293 Cvangelische, 96599 Katholiken, 1800 Juden, 620 Sektierer, 292 Andersgläubige beziehungsweise ohne Angabe), also 114 E. auf 1 akm, und zerfällt in den Stadtkreis E. und neun Landkreise (Erfurt, Weißensee, Langensalza, Schleusingen, Ziegenrück, Heiligenstadt, Worbis, Nordhausen und Mühlhausen). Ergameénes war ein griech. Bildung Hulland ger äthiop. König, welcher das ganze obere Nilland beherrschte zur Zeit, als Ptolemäus Philadelphus König in Agypten war. Seine Hauptstadt war das ältere Aigen Len Meroé, das spätere Napata, bei dem heutigen Berge Barkal. Er brach die hierarchische Gewalt, welche bis zu seiner Zeit die Priester selbst über den König udl. und verlegte dann Räß Residenz nach dem südl. Meroé, wo in der lähe des heutigen amide sieh noch 17 eine halbzerstörte Grabespyramide steht. Er hieß in hieroglyph. Schrift Arkamen, wie er auf einem kleinen Tempel zu lesen ist, den er ganz im Norden seines großen Reichs in Pselchis erbaute, und welcher jetzt die Mittelkammer eines größern Tempels bildet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 282Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6