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GeschichteBrockhaus 1882

Gera, Haupt⸗ und Residenzstadt des Fürstentums Reuß jüngere Linie, anmutig in einer kesselartigen Ausbnchtung des Thals der Weißen Elster, 189 m über dem Meere, 20 km im SSW. von Zeitz und 30 km südwestlich von Altenburg gelegen, ist eine in neuerer Zeit rasch aufgeblühte, wohlhabende Fabrikstadt, die 1805 erst 7000, 1843 noch 11300 und 1880 bereits 27118 überwiegend evang. Einwohner zählte. Die Stadt, Station der Linien Weißenfels-G. und G.⸗Eichicht der Preußischen Staatsbahnen, der Linie Gößnitz-G. der Sächsischen Staatsbahnen und der Weimar-Geraer Bahn, hat neun hahen, m lätze, über 100 breite, meist gerade, mit hohen, modernen bnte W. besetzte Straßen und besitzt zwei ausgedehnte Wasserleitungen, sowie seit 1854 Gasbeleuchtung. Unter den vier Kirchen ist nur die neuerdings im got. Stil erbaute St. Johanniskirche und die St. Trinitatiskirche, unter den übrigen Gebäuden sind das fürstl. Schloß, das Rathaus, das Theater, der Bahnhof, die Post, die Reichsbank, Geraer Bank, Tonhalle, Kaisersaal, Voß' Etablissement und die Gebäude der städtischen Schulen Ornamentzrmt Durch Eleanz des Stils, reiche Ornamentierung und Ien usstattung zeichnen sich neuerdings die Villen mehrerer Großfabrikanten aus. Die Stadt ist Sitz der fürstl. Staatsregierung, des Landratsamts, eines Hauptsteueramts, eines gemeinschaftlichen Landgerichts, eines HH sowie Sitz des Schwurgerichts für den östl. Teil Thüringens. An Unterrichtsanstalten besitzt G. ein Gymnasium, ein Realgymnasium, eine höhere Töchterschule, drei Bürgerschulen, eine gewer in Fortbildungsschule und eine Sonntagszeichenschule, an Privatanstalten eine höhere Handelsschule (Handelsakademie), eine Fachwebeschule und eine Fortbildungsschule für erwachsene Töchter. Dem um die Stadt verdienten Fürsten Heinrich Posthumus ist ein Standbild errichtet. Die in der Zeit von 1876 bis 1883 ammwe entfaltete Industrie beschäftigt nur in der ammwollwarenfabrikation, den Appreturen und ärbereien schon ungefähr 10000 Arbeiter, die zur Hälfte in der Stadt wohnen. Außerdem bestehen: Fabrikation in Halbseidenwaren, Rot⸗ und Weißgerberei, Handschuh- und Instrumentenlederbereitung, Fabrikation von Harmonikas, Accordions und Drehorgeln, Roßhaarspinnerei, Pechsiederei, Tabaksfabrikation, Spirituosen⸗ und Essigbereitung, Maschinenbau und Eisengießerei, Buch⸗, Stein- und Kunstdruck, Bierbrauerei und Ziegelbrennerei, Geldschrankfabrikation, Nähmaschinenfabrikation und die Fabrikation massiv goldener Ringe. Im Dienste der Fabriken arbeiten in G. und nächster Umgegend 130 Dampfkessel; es bestehen hier etwa 1300 Haupt⸗ und 450 Nebengeschäfte. Die Zahl der Kunst⸗ und Handelsgärtnereien um G. beträgt 40, sämtlich mit Warmhäusern. Die ländliche Umgebung betreibt außer Landwirtschaft auch Holzhandel, Bruchstein⸗ und Ziegelindustrie. Der Handel G.s, dessen Interessen eine Handelskammer vertritt, kann auf über 60 Mill. Mark veranschlagt werden, nachdem sich das Exportgeschäft anz besonders großartig entfaltet hat. Die Geraer ne mit 7½ Mill. Grundkapital wurde 15. Jan. 1856 errichtet, 1872 wurde die Handels⸗ und Kreditbank begründet. An andern Geldinstituten sind noch zu nennen: die Reichsbankstelle, die Gewerbebank, die fürstl. Sparkasse und ein 8 ößeres Bankhaus. In der nächsten Umgebung Ges tritt besonders das auf dem Hainberg erbaute Schloß Osterstein, Residenz des jetzt regierenden Fürstenhem pl hervor. Wahrscheinlich gehörte der — ein zu jenem Gürtel von Burgen, die im 9. Ja an der Saale und der Elster gegen die Einfälle der Sorben errichtet waren. Seit 1848 Residenzschloß, ist es unter Fürst Heinrich LXVII. 1859 — 63 restauriert, mit bequemem Auffahrtsweg und neuen Seitengebäuden versehen worden. Fürst einrich XIV. vollendete seit 1868 den innern Ausau. Es enthält 5 Säle, ungefähr 160 Zimmer, eine große Bibliothek (30000 Bände), Rüstsaal und Waffensammlung, Glas⸗ und Porzellankabinett, naturhistor. und Altertumssammlung und eine Menge Kunstschätze. Unterhalb des Schlosses liegt das 3066 E. zählende Dorf Untermhaus mit schöner Kirche, Porzellanfabrik, Brauerei und kae Heinrichst Unweit G. liegt ferner die Saine Heinrichshall und die chem. Fabrik Heinrichshall, letztere seit 1872 ein Aktienunternehmen. croß⸗ bestehen seit 1873 die bei Triebes anelegte große Geraer Jutespinnerei und Weberei, owie die Aktienbierbrauereien Tinz und Pforten. — G. besteht seit dem Jahre 1000. En Dr. eine feste Stadt, wurde es in dem sächsischen Bruderkriege 1450 durch die böhm. Hilfsvölker unter Podiebrad vollständig zerstört und ausgemordet; 1639 legten die Schweden beinahe die Hälfte der Stadt in Asche, und 1780 verheerte es das Feuer fast vollständig. Die Herrschaft Gera war früher, wenn auch nicht ganz in demselben Umfange, Besitztum einer eigenen, danach benannten Linie des vogteilichen Hauses, welche zu Ende des 12. Jahrh. Heinrich, der jungste Sohn Heinrichs des Reichen, des Herrn des gesamten Vogtlandes, stiftete. In der Folge atte diese Linie aus dem arnshaugkischen Nachasse zu Ende des 13. Jahrh. die Herrschaften Lobenstein, Saalburg, Schleiz, Ebersdorf und Burgk durch eine Heirat dazu erworben und mehrmals, jedoch immer nur für kurze Zeit, diese 6 Erblande geteilt. Als sie 1550 ausstarb, fiel Nan die einzige noch übrige vogteiliche Hauptlinie, die Plauensche, und wurde 1562 dem jüngern Zweige derselben, den Grafen Reuß (s. d.), überlassen, welche sich 1564 dergestalt in drei Äste teilten, daß der jüngere derselben unter anderm G. erhielt. Im J. 1647 teilten die drei Söhne und ein Enkel des Heinrich Posthumus das Gesamtland abermals untereinander, wobei die Herrschaft G. in ihrem gegenwärtigen Umfange an Heinrich II., den ältesten dieser drei Brüder, kam. Als nach dem Absterben eines der letztern 1666 abermals eine Gebietsteilung vorgenommen wurde, fiel noch die alte Herrschaft Saalburg an die Linie G., welche 1802 mit Heinrich XXX. abermals ausstarb. G. fiel nun an die beiden jüngern Linien des Hauses Reuß (s. d.), den Fürsten Reuß-Schleiz und Reuß-Lobenstein-Ebersdorf, welche seitdem die Regierung gemeinschaftlich führten und die jährlichen Einkünfte teilten. Im J. 1848 entsagte der Fürst einrich LXXII. Reuß-Lobenstein-Ebersdorf der egierung, die diese Teile des reuß. Gesamtlandes, sowie die Alleinregierung der Herrschaft G. dem Fürsten Reuß-Schleiz zufielen. Jetzt bildet die Herrschaft G. (ohne Saalburg) das Landratsamt Gera oder den Unterländischen Bezirk, der 284,11 ꝗkm mit 61425 E. umfaßt. 1 demselben liegen noch der Marktflecken Langenberg, rechts von der Weißen Elster, mit 1648 E., einer Kaltwasserheilanstalt und der chem. Fabrik Heinrichshall (s. oben), das Pfarrdorf Köstritz (s. d.). Vgl. Klotz, «Beschreibung der Herrschaft und Stadt G.» (Ronneb. 1817); Hahn, «Geschichte von G.v (2 Bde., Gera 1850 — 55); Elm, «Führer durch G. und Umgebungo (Gera 1880); «Urkundensammlung zur Geschichte der Herrschaft G. im Mittelaltero (Gera 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 818Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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