Erziehung 0 eine absichtliche Einwirkung der Erwachsenen auf die Unmündigen, welche dem geistigen Leben der letztern eine bestimmte Gestaltung geben will. Alle E. setzt einerseits die Bildsamkeit des Zöglings und die dem Erzieher innewohnende Erkenntnis der Mittel voraus, deren Anwendung zu jenem Ziele führt. Andererseits ist sie von dem Ziele, von dem Ideal der Persönlichkeit abhängig, welches dem Erzieher vorschwebt. Die Wissenschaft von der E., die Pä dagogik, beruht daher auf der Psychologie, welche die Gesetze alles geistigen Geschehens, und auf der Ethik, welche die idealen Ziele des menschlichen Strebens lehrt. Alle Verschiedenheiten der ethischen Ansichten und alle Vorzüge und Mängel des psychol. Wissens übertragen sich demnach notwendig auf die Pädagogik und die Praxis der E. Je höher und freier der Standpunkt ist, welchen die Pädagogit einnimmt, desto weniger darf sie von äußern Umständen und niedern Rücksichten abhängig sein. Zwar dringen neben dem notwendigen Zweck der sittlichen Kultur, die ohne eine richtige intellektuelle und ästhetische weder entstehen noch sich ausbreiten und befestigen kann, die Bedürfulsse des äußern Lebens dem Menschen mancherlei untergeordnete Zwecke und Zielpunkte seiner Thätigkeit auf. Unter diesen ist die Möglichkeit, die Bedingungen der äußern Existenz sich zu sichern, in den allermeisten Fällen der dringendste. Daher verwechselt man oft das, was den Menschen hierzu geschickt macht, also die Mitteilung der Kenntnisse und Einübung der Geschicklichkeiten, welche für ein Geschäft, einen Stand, einen äußern Beruf nützlich und notwendig sind, mit der eigentlichen C. Gleichwohl sind bloße Fachschulen, wie zweckmäßig sie auch als Lehranstalten sein mögen, nicht mit Sch ausanstalten zu verwechseln. Alles, was sich ausschließend auf solche äußere Zwecke bezieht, liegt ebenso außerhalb der eigentlichen E. als das, was man gewöhnlich physische C., Sorge für Gesundheit, Kraft und Abhärtung des Körpers nennt: obwohl beides sich der C. anschließen soll und kann, weil die Ausbildung und normale Entwickelung des Körpers für die Lösung der höchsten menschlichen Aufgaben unerläßlich ist. Werden die sittlichen Zwecke in den Mittelpunkt der eigentlichen E. gestellt, so muß sich die Sorge des Erziehers wesentlich in der Bildung des sittlichen Charakters konzentrieren, d. h. darin, daß in dem Zögling selbst sich ein solches Wollen erzeuge und befestige, welches den sittlichen Ideen gemäß ist. Wegen der Beziehung des Ethischen auf das Religiöse wird eine wahrhaft sittliche E. auch eine echt religiöse sein. Die Pädagogik hat demnach von dem Begriff des sittlichen Charakters aus die Bedingungen aufzusuchen, unter welchen derselbe entstehen und sich befestigen kann. Die Bildung des Charakters hängt aber teils von der natürlichen Anlage, teils von einer fast unübersehbaren Menge von Umständen ab, die in ihren Wirkungen oft weit mächtiger sind als das, was Hhabsichtlich gethan werden kann. Die Umgebungen, unter welchen der Mensch aufwächst, fremdes Beispiel, die Erfahrungen, die er macht oder sich bereitet, sind reichlich und unaufhörlich fließende Quellen eines Begehrens oder Wollens, deren Wirkung dem Zufall überlassen bleibt, solange es nicht gelingt, die wohlthätigen Wirkungen zu sichern und zu verstärken, die schädlichen abzuhalten und statt der letztern andere Quellen eines den sittlichen Ideen entgegenführenden Wollens zu eröffnen. Deshalb ist neben der Zucht, die teils negativ, abhaltend, teils positiv, fördernd und belebend, wirken muß, der Unterricht, d. h. der erziehende Unterricht, eins der wesentlichsten Mittel der E., und die —. von diesem Unterricht ein Teil der Pädagogik. Nur derjenige Unterricht, der durch alle seine Stufen hindurch die Interessen, welche dem sittlichen Leben seine Beziehungs⸗ und Haltepunkte geben, erweckt, belebt, bereichert, ordnet und kräftigt, dergestalt, daß sie als geistige Kraft das eigene innere Leben des Erzogenen zu tragen und zu lenken vermögen, ist ein wahrhaft erziehender. Ein solcher Unterricht wird, wenn er gelingt, dem Zögling zu einer Harmonie, wenn auch nicht immer mit der ihn umgebenden Außenwelt, doch mit sich selbst verhelfen, und darin liegt auch die wahre Bedeutung der Bestimmung, die man oft an die Spitze der Pädagogik gestellt hat, daß das Ziel der E. die harmonische Ausbildung aller Anlagen und Kräfte sei, unbeschadet der zu pflegenden Eigentümlichkeit jeder einzelnen Natur. Die Art, wie die E. praktisch ausgeübt worden, ist von dem Zustand der Gesittung und Kultur, sowie von dem Geist des öffentlichen und Familienlebens abhängig. Nicht nur bei verschiedenen Völkern in verschiedenen Perioden, sondern auch bei verschiedenen Ständen einer und derselben Zeit haben aehe Unterschiede der E. verschiedene Richtung gegeben. Eine der wichtigsten Verschiedenheiten, die sich hier geltend machen, ist die, ob die E. lediglich als Privatsache oder als Angelegenheit des Staats betrachtet wird, und ob der Einzelne seer n um seiner selbst willen oder lediglich in einer Beziehung auf den Staat erzogen wird. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit hat in der neuern Zeit die Kindergartenerziehung auf sich gelenkt, welche von Fröbel ins Leben gerufen wurde und von seinen äußerst zahlreichen Freunden und Anhängern ausgebreitet und vervollkommnet worden ist. Sie ist auf das vorschulpflichtige Alter berechnet und sucht das Kind durch Spiel und Beschäftigung körperlich und geistig allseitig zu entwickeln. Von verschiedenen Seiten Wur man sreilich diese Kindergartenerziehung nur für ein notwendiges übel erklärt, das in der Vernachlässigung der häuslichen E. durch die Mutter seinen Grund habe. (S. Kindergärten.) Eine auf alle Verschiedenheiten eingehende Geschichte der E. würde ein sehr wesentlicher Teil der Kulturgeschichte der Menschheit sein. Aus der Litteratur sind hervorzuheben: Cramer, „Geschichte der E. und des Unterrichts in welthistor. Entwickelung » (Bd. 1 u. 2, Lpz. 1832 — 38); desselben 6 Geschichte der E. und des Unterrichts in den Niederlanden » (Strals. 1843); K. von Raumer, «Geschichte der Pädagogik seit dem Wiederaufblühen klassischer Studien (4. Aufl., 4 Bde., Gütersloh 1872 — 74); Schmidt, «Ge3u der Pädagogiko (4 Bde., Köthen 1860—62; 3. Aufl., herausg. von Lange, 1873). Ein Einfluß theoretischer Ansichten auf die Maßregeln der C. ist überall erst da bemerkbar, wo pädagogische Fragen Gegenstand methodischer überlegung und Untersuchung wurden. Die Geschichte der Pädagogik hängt daher in vielen Punkten genau mit der Geschichte der E. zusammen. Die Entwickelung der neuern Pädagogik beginnt mit Baco von Verulam und wurde defonders durch Amos Comenius, Ratich, Locke, Francke, Rousseau, die Philanthropisten und Pestalozzi herbeigeführt. Die Pädagogik als Wissenschaft gehört dem jehigen Jahrhundert an. Von deutschen Werken über allgemeine Pädagogik sind hervorzuheben: Jean Paul, (Levana oder Erziehungslehrey (Braunschw. 1807; 4. aus dem litterarischen Nachlaß vermehrte Aufl., Stuttg. 1861); Fr. H. Chr. Schwarz, «Erziehungslehren (2. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1829); derselbe, (Lehrbuch der Pädagogik und Didaktikv (2 Tle., Heidelb. 1805; seit 1843 neu bearbeitet von Curtman als «Lehrbuch der E. und des Unterrichts v); A. H. Niemeyer, «Grundsätze der E. und des Unterrichts „ (9. Aufl., 3 Bde., Halle 1845); Herbart, „Die allgemeine Pädagogik, abgeleitet aus dem Zweck der E.» (Gött. 1806); derselbe, «Umriß pädagogischer Vorlesungen » (2. Aufl., Gött. 1841); Graser, «Divinität, oder das Prinzip der einzig wahren Menschenbildung » (3. Aufl., 2 Bde., Hof von Platz, Berl. 1849); Beneke, „Erziehungs⸗ und Unterrichtslehrer (3. Aufl., von Dreßler bearbeitet, 2 Bde., Berl. 1864); Gräfe, «Allgemeine Pädagogiky (2 Bde., Lpz. 1845); G. Baur, «Grundzüge der Erziehungslehrey (3. Aufl., Gieß. 1876); Palmer, «Evang. Pädagogikv (4. Aufl., 1869); Waitz, »Allgemeine Pädagogik» (2. Aufl., enram von Willmann, Braunschw. 1875); Roenkranz, »Die Pädagogik als System » (Königsb. 1848); Ziller, «Einleitung in die allgemeine Pädagogiko (Lpz. 1856); derselbe, »Die Regierung der Kinder » (Lpz. 1857); derselbe, «Grundlegung zur Lehre vom erziehenden Unterrichte (Lpz. 1865); derselbe, „Vorlesungen über allgemeine Pädagogiko (Lpz. 1876); H. Kern, 4Grundriß der Pädagogiko (3. Aufl., Berl. 1881); Strümpell, «Psychol. Pädagogiko (Opz. 1880); Stoy, (Encyklopädie der Pädagogiko (2. Aufl., Lpz. 1878). Das umfassendste Sammelwerk über alle Teile des Erziehungswesens ist K. A. Schmids «Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens v (11 Bde., Gotha 1859 — 78; 2. Aufl. 1876 fg.).