Ethik, Moral oder Sittenlehre ist diejenige philos. Wissenschaft, welche sich mit den Prinzipien des sittlichen Lebens beschäftigt, und da diese Prinzipien einerseits als Grundsze für Willensentscheidungen und Handlungen, andererseits als Kriterien der Beurteilung von Handlungen und Charakteren auftreten, so pflegt man die E. auch als praktische Pbensder zu bezeichnen. Sie entnimmt ihr Problem der Thatsache, daß wir fremde und eigene Willensakte, Rmmten 2 und Charaktereigenschaften einer bestimmten Art von Beurteilung unterziehen, deren Resultat als Billigung oder Misbilligung sich durch die Kasduch agute und eböser ausdrückt und mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit auftritt. Die Berechtigung dieses Anspruchs zu untersuchen und diejenigen Grundsätze festzustellen, welchen solche Allgemeingültigkeit des praktischen Werts zukommt, und welche deshalb als Maximen unsers sittlichen Lebens und als Maßstab für die Beurteilung desselben gelten sollen, kurz die Begründung und Aufstellung des Sittengesetzes ist im allgemeinen als die Aufgabe dieser Disciplin u bezeichnen. Vorgebildet in gelegentlichen Reexionen von Dichtern und Denkern, hat die E. ihre prinzipielle funden. w. in die Philosophie durch Sokrates gefunden, welcher durch die innige Verbindung, in welche er das Wissen mit der Tuend brachte, der gesamten ue. Dieser einen ethiierenden Charakter aufdrückte. Dieser zeigte sich alsdann in dem auf ethischen Überzeugungen aufgebauten Grundriß der platonischen Metaphysik, in der teleologischen Tendenz des Aristotelischen Denkens, vor allem aber in der freilich durch noch andere Kultureinflusse bedingten Wendung, welche die nacharistotelische Philosophie nahm, indem sie in der E. den Hauptzweck aller Wissenschaft und in den übrigen Teilen der Philosophie nur Mittel für dieselbe sah. Die gesamte antike E. erhielt durch den sokratischen Grundgedanken von der Identität der Tugend und Glückseligkeit eine mehr oder minder eudämonistische Färbung. Dieselbe trat anfangs mehr zurück, als bei Plato und Aristoteles noch die Unterordnung des Individuums unter den Staatsgedanken als überzeugung lebendig war und deshalb die ethischen Untersuchungen sich in einer philos. Theorie des Staats vollendeten, sodaß alle Gebiete des menschlichen Lebens, die öffentlichen wie die privaten Verhältnisse, als ein zusammengehöriges Ganzes betrachtet wurden, in welchem 0 das sittliche Ideal in aufsteigender Vollkommenheit realisiere: jedoch schon bei den Cynikern und Cyrenaikern und ausgesprochener noch bei den Stoikern und Epikureern trat der Gedanke an das individuelle Wohl, an die weiseste Einrichtung des persönlichen Lebens als leitendes Prinzip der E. stark in den Vordergrund. Doch leden der Zerfall des griech. und des röm. Staatsebens, mit welchem diese egoistische Tendenz der spätern E. offenbar zusammenhing, zugleich die wichtige Folge, daß mit immer größerer Intensität sich der Begriff des Menschentums geltend machte und namentlich schon bei den Stoikern eine ethische Bedeutung gewann: es kam hinzu, daß die letztern ihrem Grundsatze, eder Natur gemäß zu lebeno, vermöge des pantheistischen Charakters ihrer Physik die Wendung gaben, das sittlichs Leben bestehe in der Befolgung der göttlichen Gesetze. So vorbereitet, vertiefte das Christentum die E. einerseits durch die umfassende Forderung der „Liebes, andererseits durch die unmittelbare Anlehnung der sittlichen Uberzeugung an den religiösen Gottesglauben; zu gleicher Zeit betonte es, nicht ohne Zusammenhang mit seiner ursprünglichen Ablehnung des her Weltlebens, als das eigentliche Objekt der sittlich-religiösen Beurteilung den Willen selbst im ut dein 38 u den äußerlichen Handlungen, und stellt sein hö stes Ideal in der reinen, heiligen Gesinnung der Gottes- und Menschenliebe auf. Indem jedoch die gesamte christliche E. des Mittelalters diese Richtung verfolgte, konnte sie weder der Außerlichkeit entgehen, welche in ihre Prinzipien ˙ die Ableitung derselben aus einem göttlichen Willensakt hineinkam und den dem sittlichen Bewußtsein selbstständig innewohnenden Wert schmälerte, noch vermochte sie immer den eudämonistischen Gefahren des Unsterblichkeitsglaubens zu widerstehen, vermöge dessen man den menschlichen Egoismus durch Andro-Rer zukünftiger Strafen zu schrecken und durch erheißung zukünftiger Belohnungen zu reizen suchte. Aus der Betonung der Gesinnung im Ge-Art vor zu den Handlungen ergab sich zunächst eine rt von ethischem Dualismus, der fur die Beurteilung des Willens und diejenige des Thuns gesonderte Prinzipien aufzustellen Henechn war und schließlich vermöge der eigentümlichen Entwickelung des kath. Kirchenlebens wieder in eine gesteigerte Wertschätzung der äußern Handlungen umschlug, während die prot. Lehre zu der ursprünglich christl. Hervorhebung der Gesinnung zurückkehrte. Die philosophische E. der neuern Zeit acceptierte Rechtel diesen Dualismus, indem sie für die echtslehre und für die E. im engern Sinne gesonderte Prinzipien aufzustellen suchte, unterscheidend Hut en den Forderungen an die menschlichen Handlungen, welche im Interesse des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens erzwingbar sind, und denjenigen Pflichten, welche dem persönlichen Gewissen jedes einzelnen Menschen entspringen. Dieser Dualismus von 4Legalitäto und «Moralitäto kulminierte schließlich in der für die eigentliche Moral das prot. Prinzip der Gesinnung ganz scharf präzisierenden Lehre Kants und Fichtes. Vor allem jedoch war in Betreff der E. das Bestreben der neuern Philosophie darauf gerichtet, dieselbe unabhängig von religiösen Voraussetzungen in ihrer für die ganze Menschheit gültigen Allgemeinheit und Notwendigkeit zu entwickeln, und in dieser Hinsicht erfuhr die E. wesentliche Förderung von seiten des sog. Freidenkertums der Aufklärung des 18. Jahrh., welche im Interesse der Toleranz die Unabhängigkeit des moralischen Wertes des Menschen von religiösen Meinungen nachzuweisen suchte, ein Bestreben, welches in Frankreich von P. Bayle, in England von D. Hume, in Deutschland von Lessing am reinsten und kräftigsten zur Geltung gebracht wurde. In dem Bedürfnis nun, an die Stelle der theologischen andere Grundlagen für die E. zu setzen, griff man, dem allgemeinen Zuge des 18. Weh folgend, zunächst zu psychol. Theorien, und die engl. und franz. Moralisten von Lord Shaftesbury bis zu Helvetius mühten sich ab, das moralische Leben aus dem natürlichen Wesen des Menschen zu begreifen, indem sie entweder eine moralische Anlage des Menschen in irgendwelcher Form statuierten oder die sittlichen Prinzipien aus den Müttel ihrer gen Neigungen als die vernünftigen Mittel ihrer Befriedigung abzuleiten suchten. Dieser in beiden Fällen doch immer eudämonistischen Richtung setzte sich mit voller Schärfe Kant entgegen, welcher die praktische Philosophie als eine notwendige und allgemein gültige Wissenschaft, gleich unabhängig von Metaphysik, Theologie und Psychologie, ganz selbständig zu machen unternahm und als ihr oberstes Prinzip den «kategorischen Imperativo der Pflichterfüllung um 96 0 selbst willen statuierte. Kant glaubte diese apriorische Begrün—⸗ dung der E. so festgelegt 1 haben, daß er darauf die Nötigung eines moralischen Glaubens an die Realität der Bedingungen für die Erfüllung des kategorischen Imperativs, als welche er die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ansah, dauen wollte, und in der Fortführung dieser Gedanken schuf Fichte sein System, in welchem die gesamte Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt betrachtet wurde, daß in derselben das Ideal der sittlichen Freiheit ausgestaltet werden sollte. Die Kluft, welche jedoch dabei zwischen dem Kunbedingten Solleno und der erfahrungsmäßigen Wirklichkeit stehen blieb, glaubten die spätern Identitätsphilosophen, Schleiermacher, Schelling und Hegel dadurch zu vermeiden, daß sie die E. wieder in den Rahmen einer theoretischen Weltansicht einfügten und ihre Prinzipien auf metaphysischem Wege zu begründen suchten, wobei namentlich Hegel sie mit seiner Philosophie der Geschichte in engere Beziehung brachte, während die ihm nahentehenden Daub und Ulrich Wirth von der Idee des Guten aus das ethische Leben dialektisch zu entwickeln unternahmen. Von anderer Seite her glaubte Schopenhauer den starren Rigorismus des Kantischen apriorischen «Sollenso zu überwinden, indem er in seiner Theorie des Mitleidso die C. metaphysisch und pfychologisch zugleich zu unterbauen glaubte; in letzterer Hinsicht traf mit ihm L. Feuerbach zusammen, welcher nur an die Stelle des negativen Mitleids die positive »Mitfreude setzte und auf diesem Wege den CEudämonismus als moralischen Glückseligkeitstriebo wieder in seine Rechte einsetzen wollte. Danebenher liefen andere Bestrebungen, welche das Wesen der Moral so gut wie des Rechts nur in histor. Satzung suchten und in ihrem Hauptvertreter Stahl ganz in den Dienst politisch-religiöser Reaktion traten; dem Prinzip nach ihnen verwandt waren die Versuche, die E. wiederum auf die Lehren der der. R. eligion zu gründen, wie sie von Baader, R. Ph. Fischer u. a. ausgingen und als christliche C. von Aumon. Bearbeitern, wie Reinhard, De Wette, mmon, Harleß u. a., fortgeführt wurden. Eklektisch endlich mit Benutzung eines metaphysischen Theismus und mit größerer oder 4. Momen Verwendung anthropolog. und psychol. Momente ist die E. von Rothe, dem jüngern Fichte, Chalybäus, Ulrici, Krause, Weiße und Seydel behandelt worden. Allen diesen Richtungen gegenüber steht die Absicht Herbarts, zu der Kantischen Apriorität und Selbständigkeit der E. in der Aufstellung der fundamentalen, gesetzgebenden Ideen zurückzukehren, nach welchen die moralische Beurteilung vollzogen wird, wobei freilich die Ausschließung des psychol. Moments nicht als gelungen betrachtet werden darf. In Frankreich und England wurde im 19. Jahrh., wesentlich unter dem Einfluß Comtes, der Gesichtspunkt der Philosophie der Gesellschaft ie gestelt u an die Spitze der praktischen Philosophie gestellt und in neuerer Zeit besonders von Herbert Spencer durchgeführt. Litteratur: Garve, alibersicht der vornehmsten Prinzipien der Sittenlehre von dem Zeitalter des Aristoteles bis auf unsere Zeiten» (Bresl. 1798); Meiners, «Geschichte der ältern und neuern E.⸗ (Gött. der di Schleiermacher, «Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehres (Berl. 1803); Stäudlin, (Geschichte der Moralphilosophier (Hannov. 1823); von Henning, «Die Prinzipien der C. in hister. Entwickelung „ (Berl. 1825); Mackintosh, «Dissertation on the progress of ethical philosophys (Lond. 1830); Feuerlein, «Die philos. Sittenlehre in ihren histor. Hauptformen» (Tüb. 1857); Werner, «Grundriß einer Geschichte der Moralphilosophiev (Wien 1859); P. Janet, Histoire de la philosophie moralev — 1858); Whewell, Lectures on the history of moral philosophyy (Lond. 1862); Blakey, History of moral science) (2. Aufl., Edinb. 1863). Für einzelne Teile: Matter, «Histoire des doctrines morales et politiques des trois derniers siècleso (Par. 1836); J. H. Fichte, Die aRun Lehren von Recht, Staat und Sitte seit der Mitte des 18. Jahrh. v Hid 1850); Vorländer, «Geschichte der philos. oral, Rechts- und Staatslehre der Engländer und Franzosen» (Marb. 1855); Neander, „Vorlesungen über die Geschichte der christlichen E.» (Berl. 1864); F. Jodl, «Geschichte der E. in der neuern Philof ophie „ (Bd. 1, Stuttg. 1882).