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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Estnische Sprache und Litteratur. Die Urbewohner Est- und Livlands sind nächste Stammverwandte der Suomalaiset oder fälschlich sog. — nen im Norden des Finnischen Golfs. Obgleich von Anfang seines histor. Daseins, d. h. seit ungefähr einem halben Jahrtausend, bis weit in die Neuzeit unter schwerem Drucke, hat der Landmann von Eesti-oder Wiron-ma manch tiefempfundenes Lied und manche reizende Sage aus seiner Vorzeit im Gedächtnis bewahrt. Von den alten Volksliedern kam jedoch eine lange Periode hindurch wenig und keineswegs das Beste, von den Märchen und Sagen des heidnischen Altertums so gut als nichts an die Offentlichkeit, da man so ehrwürdige Überlieferungen wie unveräußerliche Güter Ausländern vorenthielt. Im 17. henlte begannen im Lande angesessene oder angestellte Deutsche dem Volke Bücher religiösen und moralischen Inhalts in estnischer Zunge anzubieten; aber erst im 19. Jahrh. schritt man, die Sprache dieser Bücher mit der lebenden Volkssprache vergleichend, zu Ausmerzung der in jener wimmelnden Germanismen. Ein Pastor Rosenpläntner (1782—1846), seit 1813 Herausgeber der „Beiträge zur genauern Kenntnis der estnischen Sprachev, und seine Mitarbeiter Knüpffer (1777—-1843) und Heller (1786 —1849) erwarben sich bedeutendes Verdienst in histor. Kritik, Sprach- und Sachforschung. Einen auch für die gebildeten Stände befriedigenden estnischen Stil schrieben zuerst Masing (1763—1832) in seinen „Estnischen Originalblättern für Deutsches, und Graf Manteuffel in dem 1839 neu aufgelegten Lesebüchlein „Zeitvertreib beim Scheine des Pergelso (aAjaviite pero valgusselo), worüber W. Schott (in Ermans „Archivo, Bd. 13) berichtet. Ein 0 vorher trat die noch bestehende Gelehrte Estnische Gesellschaft, gegründet von Männern mit deutschen Namen, aber zumeist estnischer Abkunft, wie Fählmann, Kreuzwald, Boubrig, Hollmann u. s. w., ins Dasein. Diesen verdankt man außer gründlichen Abhandlungen zu Mythologie und Geschichte der Heimat die Auffindung und Nacherzählung vielbewunderter Mythen und zum Teil herrlicher Volkslieder (bgl. über die von Neus 1850 —52 herausg. Sammlung solcher das vorerwähnte «Archivo im gleichen Bande), endlich (durch Kreuzwald) eines ganzen volkstümlichen Epos (1857 fg.), dessen vornehmster Held, der «Sohn Kalewso, ein tragisches Ende nimmt wie Herakles und wie der Kullerwo jener berühmten Episode des finn. Epos „Kalewalav. In seiner Beurteiler beider Heldengedichte nennt der deutsche Beurteiler (W. Schott, Die Sagen vom Kalewi-Poego, Berl. 1863; vgl. die Monatsberichte der Akademie vom J. 1866) das nnchen einen frischen Frühlingsmorgen mit Silberwölkchen im blauen Ather, den Sohn Kalews aber einen in bunter, zuweilen phantastischer Farbenmischung schillernden herbstlichen Abend. Die der ersten Ausgabe des Textes beigegebene übersetzung Reinthals ist zumeist eine wahre Entstellung. Prosaisch erzählte „Vorzeitliche Sagen des Estenvolkso (Eesti rühwa ennemuistesed jutudo) ließ Kreuzwald (1866) den von ihm gesammelten und geordneten Schätzen in Versen nachfolgen. Eine der anziehendsten, von ihm selbst in deutscher Ubertragung vorangeschickt, ist Der dankbare Fürstensohny. Seit 1873 besteht eine nur estnisch schreibende Litterarische Gesellschaft (Eesti kirjameeste seltsi), zu deren hervorragenden Mitgliedern Hurt, Weske, Kurrik u. a. gehören. Die regelmäßig erscheinenden Besorgungen (Toimetusedo) derselben sind vorwiegend für die reifende Jugend bestimmte, alle Lehrfa er in musterhafter Weise anbauende Schriften. Auszeichnende Erwähnung unter den lebenden Schriftstellern verdienen auch mehrgenannter Kreuzwald, der Entdecker und Ordner des epischen Sagenkreises, wegen seiner meisterhaften Nachbildungen lyrischer Poesie des Auslandes, besonders Deutschlands, und Lydia Jannsen, eine vorzügliche selbständige Dichterin in Versen und Prosa. Mit den Schwesteridiomen Finlands verglichen, zeigt die estnische Sprache mehr Kürze und Gedrungenheit, gegenüber den öftern Vokalhäufungen und uberwiegend vokalischen Endungen des Suomi, besonders sofern dieses Eigentum der karelischen Finnen (Karjalaiset). Daher eignet sich das Estnische besser zur Nachbildung von Versmaßen des klassischen Altertums, wenn auch nicht in gleichem Grade wie das beiden Idiomen entfernter verwandte Magyarische. Als reinster Dialekt gibt sich der von Reval, welcher schon lange in der Schriftsprache obgesiegt hat. Estlands bedeutendster Grammatiker und Lexikograph ist Wiedemann, Heo. 1805 in Hapsal und seit 1857 Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 387Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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