Etrurien (lat. Etruria, grch. Tyrrhenia) hieß im Altertume das ital. Land am Tyrrhenischen oder Untern Meer, das von Ligurien durch den kleinen Fluß Macra, vom cispadanischen Gallien durch den Kamm der Apenninen, durch den Tiber von Umbrien, den Sabinern, Latinern und dem Gebiet von Rom geschieden ward. Der Name Tuscia ward für das Land erst in späterer Zeit, dagegen war der Name Tusci neben Etrusci schon früh für das Volk üblich. Das Land wird von zahlreichen Hügelketten, teils Ausläufern des Apennin, teils selbständigen Höhenrücken, durchzogen, von denen besonders das Ciminische Waldgebirge im Südosten zu nennen ist. Zwischen den Hügeln öffnen sich fruchtbare Thäler, teils von Flüssen durchzogen (unter denen der Arnus, jetzt Arno, der bedeutendste ist), teils mit Landseen vulkanischen Ursprungs bedeckt, wie der Lacus Trasimenus westlich von Perusia (Perugia), der Lacus Vulsiniensis bei Vulsinii (Bolsena) und der Lacus Sabatinus bei Sabate (jetzt Lago di Bracciano). Nach den Anaben der Alten gehörte die älteste Bevölkerung des ndes dem umbrischen Stamme an, wurde aber durch die von der See her eingedrungenen Tyrrhener oder Tyrsener (von den Griechen gewöhnlich tyrrhenische Pelasger Rach d. und aus Lydien hergeleitet) verdrängt. Nach der von Niebuhr zuerst aufgestellten Vermutung dagegen wurde die alteinheimische Bevölkerung des Landes vielmehr frühzeitig von einem andern Volke unterworfen, Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VI. das sich selbst Rasena nannte, dann aber von den Umbrern Turscer, bei den Latinern Tusker oder Etrusker, von den Griechen Tyrrhener genannt wurde. Jenes Volk der Rasenen, von den Alten gewöhnlich mit den eigentlichen Tyrrhenern verwechselt, war zunächst aus Rhätien in Italien eingewandert und hatte, allmählich gegen Süden vor⸗ [dringend, das ganze Land zwischen den Alpen, dem Ticino und der untern Etsch, südlich bis über Bologna oder, wie es etruskisch hieß, Felsina, hinaus eingenommen. Während es aus dem nördlichern Italien durch die Gallier wieder verdrängt wurde, begründete es in E. eine dauernde Herrschaft, einen zur See wie zu Lande mächtigen Staat, der seine kacht teils durch Eroberung, teils durch Kolonisation weit über die Grenzen der Landschaft hinaus geltend machte, so namentlich in Campanien und auf den Inseln Elba (Ilva) und Corsica. Zu welcher Völkerfamilie dies Volk zu zählen, ist wie seine Sprache, von der sich Reste in Inschriften, besonders Grabschriften, erhalten haben, wissenschaftlich noch nicht festgestellt. Doch erscheint die Zuge-Familte der Etrusker zu der indogerman. Völkerfamilie immer wahrscheinlicher, wenn sich auch ihre Sprache von den Sprachen des übrigen Italien unterschied und weder mit dem Griechischen noch mit dem Keltischen oder Germanischen bisjetzt ein Zusammenhang sicher nachgewiesen worden ist. Verfehlt waren die Versuche, die etrusk. Sprache den semit. Sprachen zuzuteilen, und auch die Verwandtschaft derselben mit den turanischen scheint sich als ein Irrtum herauszustellen. Die Schrift ist im wesentlichen die altgriechische und wahrscheinlich von Großgriechenland her eingeführt. Unter den etrusk. Städten sind namentlich Vesi, Pernie Vulsinii (jetzt Bolsena), Clusium (Chiusi), erusia, Cortona, Arretium (Arezzo), Fäsulä (Fiesole) im Innern des Landes, und teils an der Küste, teils ihr nahe Luna, Pisä, Volaterrä, Populonia, Rusellä, Vetulonium, Saturnia, Cosa, Volci, Tarquinii und Cäre zu erwähnen. Von diesen Städten bildeten 12 unabhängige, selbständige Staaten, die zu einem Bunde vereinigt waren. Das Bundesverhältnis scheint ziemlich lose gewesen zu sein; doch wurden zu religiösen und polit. Zwecken Bundesversammlungen gehalten. In den einzelnen Staaten bestand eine strenge Geschlechterherrschaft und priesterliche Aristokratie. Aus den Geschlechtern, deren Häupter, wie es scheint, mit dem Namen Lucumonen bezeichnet wurden, war der Senat abgeordnet; an die Stelle der Könige scheinen später überall jährlich wechselnde Magistrate getreten zu sein. Unter jenem Herrenstande stand ein großer Teil der Bevölkerung in einer Clientel, die hier einen härtern und strengern Charakter als bei den andern mittelital. Völkern gehabt zu haben scheint. Der Stand der Gemeinfreien in den Städten gelangte zu keiner Bedeutung. Die Kämpfe des Volks gegen den Adel blieben nicht aus, hatten aber hauptsachlich nur die Wirkung, die Staaten zu zerrütten und ihre Widerstandskraft gegen Rom zu schwächen. Der Einfluß der etrusk. Staatsverfassung auf die römische wird im ganzen wohl nur auf einzelne Außerlichkeiten, wie die Magistratsinsignien, die Triumphzüge u. dgl., zu beschränken sein. Dagegen kann eine Einwirkung des etrusk. Religionswesens, in welchem sich allgemein-italische Vorstellungen und Gebräuche mit ganz eigentümlichen sehr innig verschmolzen zu haben scheinen, auf die Gestaltung des römischen kaum geleugnet werden. Die Religion der Etrusker, tiefsinnig, aber düster und phantasiearm, war in ihrer Anwendung auf das Staats⸗ und Privatleben sehr sorgfältig bis in das einzelnste ausgebildet. nter den vielen heiligen Büchern genossen die des Tages, eines Dämons, der den etrusk. Lucumonen die Lehre von der Opferweissagung, der Blitzbeobachtung und andere Teile dieser etrusk. „Weisheito verkündet haben sollte, besonderes Ansehen; daneben enthielten die sog. Acherontischen Bücher die Lehre von der Tals den Dan Götter, der Aufschiebung des Schicksals, der Vergötterung der Seelen. Außerdem gab es weitläufigere Werke, in welchen die «etrusk. Disciplino ausführlich entwickelt war. Diese zerfielen, wie es scheint, in „Fulguralbüchero (über die Deutung und Sühnung der Blitze), Haruspizinbücher (über die Deutung der Eingeweide der Opfertiere und wohl auch des Vogelflugs), Ostentarien (Verzeichnisse und Deutung von ungewöhnlichen Vorfällen) und in Ritualbücher, in welchen die Anwendung der Lehren dieser sonderbaren Wissenschaft mit den daraus sich ergebenden Vorschriften für alle dund Won Verhältnisse und älle des öffentlichen und Privatlebens durchgehrt war. Die Götter selbst, Asar genannt, deren Sitz im Norden gedacht ward, zerfielen in zwei Ordnungen, die der obern und verhüllten Götter, und die der von den lat. Autoren als Consentes oder Complices bezeichneten. Die Etruskische Kunst nimmt eine Art Mittelstellung neben und zwischen der griech. und der röm.⸗griech. Kunstübung ein. Ihre ältesten Denkmäler zeigen sowohl in Hinsicht der Ornamentik als in der Bildung phantastischer Menschen⸗ und Tierfiguren mannigfache Analogien mit der altorient. (babylon. und assyr. und der von jener wie von der ägypt. abhängigen phöniz.) Kunst, welche wohl durch alten Verkehr mit den Völkern Vorderasiens zu erklären ist. Der griech. Einfluß wurde teils unmittelbar durch griech. Städte in Kleinasien und Benw teils durch die griech. Kolonien Unteritaiens vermittelt. Im allgemeinen fehlt den Werken der etrusk. Kunst der feine ½½ und der ideale Zug der griechischen; es überwiegt die Richtung auf das Individuelle, der Naturalismus, um nicht zu sagen der Materialismus. In der Baukunst haben sie früher als die Griechen die Gewölbekonstruktion geübt und zu einem hohen Grade der Vollkommenheit geführt, wie dies überwölbte Thore in einigen etrusk. Städten (z. B. in Volaterrä) und einige Werke außerhalb E.s zeigen, welche, wie der große Abzugskanal (die cloaca maxima) in Rom, offenbar unter der Leitung etrusk. Werkmeister entstanden sind. Interessant sind dann die Grabmäler, von denen es drei Arten gibt. Die erste Gattung ist aus der Form der rohen Grabhügel hervorgehannlerischr nur durch einen steinernen Unterbau nstlerisch verziert; sie entwickelte sich zu kegelförmigen Türmen, von denen oft mehrere einen gemeinsamen Unterbau haben. Ein Beispiel bietet das sog. Grabmal der Horatier und Curiatier bei Albano. Die zweite Art besteht aus architektonischen Fagaden, zu denen man die Wände der Felsen ausgemeéißelt hat; die einfache Hauptform und der zum Teil in den griechischen ähnlichen Bauformen gearbeitete Fries mit Kranzgesims gibt diesen Monumenten den Charakter feierlichen Ernstes. Zahlreiche Beispiele finden sich in den Nekropolen unfern von Viterbo, die unter dem Namen der Nekrovole von Castelllaccio) d'Asso, in welcher man das alte Castellum Axia vermutet, und der von Norchia (Castellaccio d'Orchia) berühmt sind. Die dritte Gattung endlich ist ganz unterirdisch und in Tuffstein eingegraben. Für den etrusk. Tempelbau ist die von der griechischen abweichende Form des Grundplans, die Nachbildung des Holzbaues in Stein und eine andere orm der Säule (die sog. toscanische Säuenordnung) charakteristisch. Der Grundplan näherte sich einem Quadrat (die Breite betrug fünf Sechstel der Länge) und zerfiel der Länge nach in bm Hälften: die Vorhalle und den dahinter liegenen eigentlichen Tempelraum, welcher öfter drei 5 für drei verschiedene Gottheiten enthielt. en Etruskern gehört wohl auch die erste Ausbildung der von der griechischen abweichenden italischen Häuseranlage an. Auf dem Gebiete der Plastik entwickelten die etrusk. Bildhauer die umfassendste Thätigkeit in den Thonarbeiten, teils in der Bildung thönerner Götterstatuen und von Thonreliefs zum Schmuck der Giebelfelder der Tempel, teils in der Anfertigung der verschiedenartigsten Gefäße, von denen in den Gräbern ein großer Vorrat er-Eond worden ist. Zwei Gattungen davon sind besonders merkwürdig: Aschengefäße mit Deckeln in der Form eines menschlichen Kopfes (sog. Kanopen) und schwarze Gefäße (die sog. Buechero-Vasen), denen kleine Reliefdarstellungen mit Stempeln aufer Erzguß, worin die etrusk. Bildnerei ihren höchsten Ruhm erreichte. Wichtige Beispiele solcher Erzarbeiten sind: in der Galerie von Florenz eine Chimära, falls diese wirklich ein etrusk. Werk ist, und die Porträtstatue eines Redners, zu Rom die berühmte Wölfin des Kapitols und eine Statue des Mars, zu Leiden die naive Figur eines Knaben mit einer Gans. (S. Tafel: Bildnerei IV, Fig. 4.) Sehr zahlreich sind in allen größern Sammlungen, besonders in den Museen zu Florenz und zu Perugia und im Museo Gregoriano in Rom, die kleinen etrusk. Bronzefiguren. Der größte Ruhm der etrusk. Bronzearbeit aber bestand in der Anfertigung dekorativer Gegenstände, als Prachtwagen und Throne, Waffenstücke, Kandelaber, Schilde, Schalen, wozu auch die Spiegel und Cisten mit gravierten Zeichnungen gehörten. Auch geschnittene Steine, Ringlatten mit gravierten Darstellungen und Schmuckachen aus Gold wurden meist in der phantastischen, der orient. Kunst verwandten Richtung gefertigt. Weniger wurde die Skulptur in Stein geübt; die Reste derselben, die Sarkophage mit den Rss an des Verstorbenen auf dem Deckel und Reliefs an der Vorderseite und den Seitenflächen, sowie die kleinen, häufig aus Alabaster gearbeiteten Aschenkisten mit dem gleichen bildnerischen Schmuck gehören größtenteils der spätesten Periode der etrusk. Kunst an. Von der Malerei der Etrusker geben die Wandmalereien in den Gräbern, besonders die von Tarquinii, Zeugnis. Ihre Aushrung ist insgemein einfach: es wurden lichte, unte Farben rein und unvermischt aufgetragen, und es ist mehr Farbenharmonie in der Färbung der Bilder zu finden als Naturwahrheit. Die Gefäßmalerei, welche in einigen Gegenden E.s nach dem Muster der griechischen, deren Waelt nisse in großer Menge eingeführt wurden, geübt wurde, kam nie über plumpe Nachahmung der Originale hinaus. Nachdem Rom besonders in der spätern Königszeit in enger Verbindung mit E. gestanden, dann nach Vertreibung der Könige sich des Angriffs des clusinischen Porsena kaum erwehrt hatte, begann es 485 die Kämpfe mit der mächtigen etrusk. Nachbarstadt Veji, die, durch Waffenstillstände mehrmals unterbrochen, 396 mit der Zerstörung von Veji durch Camillus endeten, da das übrige E. durch die Angriffe der Gallier beschäftigt war. Auch der Ciminische Wald, der etwa seit 375 die Grenze Lain die Römer bildete, wurde von diesen (unter uintus Fabius Rullianus) überschritten und die Macht E.s gebrochen, namentlich durch die großen Schlachten am Vadimonischen See, wo jener Fabius der Macht der Etrusker den ersten entscheidenden Schlag versetzte, und 283, wo die Römer den Etruskern und den mit ihnen verbündeten Galliern eine schwere Niederlage beibrachten. Von Norden her hatten Ligurer und Gallier die Grenzen der Etrusker geschmälert. Das Bundesgenossenverältnis, in welches E. 280 trat, wurde zu Anfang es Bundesgenossenkriegs, da E. den Römern treu blieb, mit der Civität (dem röm. Bürgerrecht) vertauscht. Den Untergang der etrusk. Eigentümlichkeit beförderten besonders Sullas Anweisungen von Land an seine Veteranen in dem ihm feindlichen C., und die Militärkolonien, die Octavian anlegte. Vgl. O. Müller, Die Etruskero (2 Bde., Bresl. 1828; 2. Aufl. von Deecke, Stuttg. 1877); Abeken, ⸗Mittelitalien vor den Zeiten röm. Herrschaft nach seinen Denkmalen dargestelltyo (Stuttg. u. Tüb. 1843); Dennis, The cities and cemeteries of Etruriah (2 Bde., Lond. 1849; 2. Aufl. 1879; 10 von Meißner, Lpz. 1852); Noel Desvergers, L'Etrurie et les Etrusqueso (2 Bde., Par. 1863); Inghirami, Monumenti etruschis (10 Bde., Flor. 1821—26); Taylor, truscan researches (Lond. 1874); W. Corssen, «über die Sprache der Etruskerp (2 Bde., 1874—75). — In späterer Zeit wurde der alte Name E. durch den Namen Tuscien verdrängt, der nachher in den Namen Toscana (s. d.) überging. Nur noch einmal tauchte der alte Name des Landes wieder auf, und zwar seit dem 10. Okt. 1800, wo E. oder, wie man es oft, obwohl mit Unrecht, auch genannt hat, Hetrurien vom franz. en Konsul Bonaparte dem Erbprinzen Ludwi von Parma als Königreich überlassen wurde. Nach Rearie Tode übernahm seine Witwe, die Infantin arie Luise von Spanien, als Vormünderin Sohnes Karl Ludwig die Regierung, die sie jedoch schon 10. Dez. 1807 aechlos eines zwischen Frankreich und Spanien geschlossenen Vertrags wieder niederlegen mußte. C. wurde hierauf franz. Provinz und durch einen Senatsbeschluß vom 30. Mai 1808 ur einen Teil des franz. Reichs erklärt, 1809 aber apoleons Schwester, Elisa, als Generalstatthalterin des woßhers ubergeben, die von da ab den Titel einer Großherzogin von Toscana führte, das Land aber 1814 wieder an das frühere Regentenhaus abtreten mußte.