FeedEudämonismus (orch.)
AllerleiBrockhaus 1882

Eudämonismus (orch.), zu deutsch Glückseligkeitslehre, nennt man in der Ethik diejenige Ansicht, welche das Streben nach der Glückseligkeit als bas entscheidende Prinzip derselben betrachtet, einen Eudämonisten also denjenigen, der theoretisch oder praktisch diesen Standpunkt vertritt. Das Glückseligkeitsbestreben kann jedoch in doppelter Hinsicht zum Prinzip der ethischen Untersuchung gemacht werden, indem entweder die Glückseligkeit unmittelbar als das letzte Ziel alles sittlichen Wollens und Handelns oder wenigstens als in diesem Ziele selbst enthalten angesehen wird, oder nur die Triebfedern des natürlichen Glückseligkeitsstrebens für die in der Wirklichkeit auftretenden Kräfte zur Realisierung der sittlichen Ideale ausgegeben werden. Beide Seiten des C. unterscheiden sich danach, daß auf der erstern die Glückseligkeit an das Ende, auf der andern nur an den Anfang des sittlichen Strebens gesetzt wird; doch sieht man leicht, daß die erstere Ansicht die zweite notwendig in sich schließt, nicht aber umgekehrt. Die erstere Form des C. ist die dem Altertum geläufige, welche, bereits in dem Sokratischen Hegriff des höchsten Gutes angelegt (s. Agatholoie), später eine lebhafte histor. Dialektik entfaltete, sodaß «die Stoiker aus der Tugend einen Genuß, die Epikureer aus dem Genusse eine Tugend machten ). Die zweite Form des E., welche nur die natürlichen, auf die Befriedigung der Triebe gerichteten Bestrebungen des Menschen als den psychol. Untergrund darzustellen sucht, aus welchem durch allmähliche Erziehung der Gesellschaft sich das sittliche Leben entwickele, ist hauptsächlich in der neuern Philosophie, und zwar wesentlich durch die engl. Moralphilosophen des 18. und 19. Jahrh. vertreten, während der deutschen Philosophie in dieser Hinsicht durch den Einfluß der rigoristischen Moral Kants ein dem E. mehr oder weniger widerstrebender Charakter aufgedrückt wurde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 411Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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