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ReligionBrockhaus 1882

Evangelien und Evangelienkritik. Die Botschaft von Jesus als dem erschienenen Heiland, welche ursprünglich mit dem Namen Evangelium (s. d.) bezeichnet wurde, wurde anfangs nur mündlich überliefert. Allmählich traten der mündlichen Tradition schriftliche Aufzeichnungen der Reden oder Aussprüche Christi, bald auch größerer oder kleinerer Erzählungsgruppen an die Seite, bis etwa ein Menschenalter nach Jesu Kreuzestod die ersten zusammenhängenden iederschristen über Leben, Leiden und Sterben Christi in Umlauf kamen. Um den festen Stamm geschichtlicher Erinnerung rankte sich die im Laufe der Zeit immer üppiger wuchernde Sage; bewußt oder a symbolische Darstellungen wurden als eigentliche alttestamentlicher Vorbilder, gesteigerte Vorstellungen über Christi Ursprung und messianische Macht, nicht zum wenigsten endlich die verschiedenen Auffassungen seines messianischen Werks und des Ver⸗ + desselben zur jüd. und zur heidnischen elt ließen auch Lehre und Lebensbild Jesu immer wieder in neuer Beleuchtung erscheinen. So erwuchs bis zum Anfange des 2. Jahrh. eine ganze Litteratur von Darstellungen des Evangeliums, oder wie diese Schriften später hießen, von Evangeliens. Gegen Ende des 2. Jahrh. wurden die gegenwärtig in unserer Bibel befindlichen vier Evangelien nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes aus der übrigen Masse Imonchenraln von der Kirche ausschließlich mit anonischem Ansehen bekleidet und auf die Männer, nach denen sie benannt waren, zurückgeführt. Die übrigen wurden seitdem ohne Unterschied als Apohuphem (. d.) verworfen, obwohl einige von denselben, wie das Evangelium nach den Hebräern, welches trotz der fortwährend an ihm vorgenommenen Anderungen zu dem ältesten Grundstamm der Evangelienbildung gehört, noch lange Zeit hindurch in judenchristl. Kreisen in kirchlichem Gebrauche blieben. Eingehende Forschungen über Ursprung und Verwandtschaft dieser Evangelien gehören erst der neuern Zeit an. Die auffälligen wörtlichen und sachlichen Berührungen, besonders der drei ersten (sog. synoptischen) Evangelien untereinander nötigten zu einer wissenschaftlichen Untersuchung. Den ersten bemerkenswerten Versuch machte Eichhorn in seiner berühmten «Einleitun ins Neue Testamento (1804), indem er alle drei von einem gemeinsamen Urevangelium ableitete, welches von ihnen in verschiedenen Redactionen vorgefunden und ausgeschrieben worden sei. Die weitere Durchführung dieser ud ließ d führte zu den künstlichsten Annahmen und ließ die Evangelisten als bloße Schreiber, welche aus vier oder noch mehr Büchern ihren Stoff mechanisch zusammentrugen, erscheinen. Eine Modifikation dieser Ansicht ist die Schleiermachersche sog. Diegesenhypo-Bldtt die das Urevangelium in zahllose zerstreute lättchen, welche kleine Stücke der evang. Geschichte enthalten haben sollen, auflöste, aus denen dann die Evangelisten ihre Werke komponiert hätten. Den Unwahrscheinlichkeiten dieser Theorien gegenüber machte die zuerst von Gieseler aufgestellte Traditionshypothese viel Glück. Dieselbe behauptete, daß unsere Evangelien lediglich aus mündlicher, im Laufe der Zeit sozusagen typisch gewordener Überlieferung entstanden seien, konnte aber freilich das bei aller Eigentümlichkeit der Berichte ihnen allen oder je zweien gegen das dritte bis in den Sprachgebrauch hinein Gemeinsame nicht erklären. Trotzdem bot die Gieselersche Ansicht für Strauß, welcher in seinem „Leben Jesu » (1835) die evang. . b. lungen aus der mythenbildenden Gemeinde a leitete, eine willlommene Handhabe. Wenn weder die Annahme eines Urevangeliums noch die Traditionshypothese das Rätsel unserer Evangelienbildung genügend zu lösen vermochte, so blieb nur übrig, eine schriftstellerische Benutzung je eines Evangelisten durch den andern zu behaupten, wobei dann die Folgerung nahe lag, das, was dem je Spätern eigentümlich war, nicht auf eigentümliche Quellen, sondern auf seine freie Kompositionsweise zurückzuführen. In diesem Sinne hatte zuerst Wilke (1838) die Hypothese vom schöpferischen Urevangelisten aufgestellt und als einzige Quelle für Matthäus und Lukas den Markus betrachtet, welcher bisher, namentlich infolge der Forschungen Griesbachs, als ein Auszug aus den beiden andern Synoptikern galt. Bruno Bauer (1841 — 42) führte die Wilkesche Ansicht zu der Behauptung fort, daß der Grundstamm der Inste Geschichte, nicht wie Strauß wollte, aus der mythenbildenden Gemeinde, sondern aus dem schöpferischen Selbstbewußtsein, d. h. aus der Phantasie eines Einzelnen, nämlich des Markus, hervorgegangen sei, dessen Schrift von dem „Zweiten v und «Dritteno ebenso willkürliche Umgestaltungen und Erweiterungen erfahren habe. Dieser tumultuarischen Behandlungsweise der Evangelien trat zuerst Ferd. Baur (s. d.) erfolgreich gegenüber, indem er, das Ungenügende des rein negativen Standpunktes von Strauß einräumend, die Umbildungen des evang. Stoffs nicht aus einer nebelhaften Mythenlawine, aber ebenso wenig aus gedankenloser Willkür des Einzelnen, sondern aus den allgemeinen geistigen Gegensätzen und «Tendenzen» des apostolischen Zeitalters zu erklären suchte Panneiten Untersuchungen über die kanonischen Evangelienv, Tüb. 1847). Hinsichtlich des Verwandtschaftsverhältnisses der drei Synoptiker hielt er die Griesbachsche Ansicht fest, nach welcher 9300 fte66 der älteste, Markus der jüngste war, doch ließ er neben der Benutzung je eines Evangelisten durch den andern zugleich die Möglichkeit einer Überarbeitung älterer Grundschriften offen, wie denn Matthäus das Hebräer-Cvangelium, Lukas das marcionitische Evangelium bearbeitet haben sollte. Bedeutsamer als diese letztern, jetzt vergessenen Annahmen war, daß Baur sich das Verständnis der Kompositionsweise der einzelnen Cvangelien vom Johannes-Evangelium aus zu eröffnen suchte. Letzteres, dessen Echtheit schon von Bretschneider bezweifelt worden war, erwies sich unter den Händen der Baurschen Kritik nicht als eine historische, sondern als eine planvoll angelegte dogmatische Schrift, in welcher das Historische nur als durchsichtige Hülle der Idee, nur als künstliche Einkleidung eines rein geistigen Gedankengehalts zu nehmen sei, wobei sich der nichtjohanneische Ursprung dieses Evangeliums von selbst ergab. Von den übrigen Evangelien erschien die Darstellung des Lukas am meisten, die des Matthäus, da Markus als farbloser Auszug nicht in Betracht kam, am wenigsten von der dogmatischen Idee beherrscht, obwohl auch Matthäus ebenso einen judenchristlichen, wie Lukas einen paulinischen Tendenzcharakter an sich trage. Diese Baurschen Untersuchungen eröffneten eine neue Epoche der Evangelienkritik und wurden durch zahlreiche Arbeiten des Meisters und seiner Schüler näher ins einzelne verfolgt und teilweise berichtigt. Der wesentliche Anteil der dogmatischen Tendenzen und Parteirichtungen der Zeit an der Entstehung und Gestaltung sämtlicher Evangelien kann trotz des lebhaften Widerspruchs der Apologetik seitdem als ausgemacht gelten. Derselbe erstreckt sich nicht bloß auf Auswahl und Anordnung, sondern auch eh die Färbung, ja teilweise auch auf die Entstehung des Stoffs, sowohl in Redestücken als in histor. Partien. Jedoch blieb die «Tendenzkritik», solange als sie nicht durch die «litterarhistorische Kritik, d. h. durch eindringende Eriorschung des äußern schriftstellerischen und stilistischen Verwandtschaftsverhältnisses der Evangelien ergänzt wurde, manchen Täuschungen und Übertreibungen ausgesetzt, wie dies sich namentlich bei der anfangs von Baur, Ritschl u. a. behaupteten, danach auf Hilgenfelds und Volkmars Einwendungen zurückgenommenen Priorität des Evangeliums des Marcion (s. d.) vor dem Lukas⸗-Evangelium zeigte. Hierzu kam, daß die von Baur ebenso wie von Strauß, De Wette, Bleek, Keim u. a. festgehaltene Griesbachsche Ansicht doch auf erhebliche Bedenken stieß. Schon Chr. H. Weiße hatte in seiner Evang. Geschichte» (Lpz. 1838) behauptet, daß unser Matthäus-Evangelium aus zwei Hauptquellen geschöpft sei: aus der Redensammlungo des Apostels Matthäus, deren Vorhandensein der Kirchenvater Papias bezeuge, und aus dem Markus-Evangelium, welches den ursprünglichen histor. Rahmen für Matthäus und Lukas darbiete. Diese von Weiße späterhin noch ausführlicher begründete Ansicht (Evangelienfrage v,‚ Lpz. 1856) fand anfangs gar keine Beachtung, wurde aber späterhin als eine Art Schutzwehr gegen die Übergriffe der Tendenzkritik von allen Seiten mit Eifer aufgegriffen. Namentlich suchte Ewald in einer ganzen Reihe von Arbeiten die KSpruchsammlung und das Markus-Evangelium in ihrer ursprünglichen Gestalt festzustellen und gleichzeitig die übrigen anachweisbaren-Quellen unserer Synoptiker litterarhistorisch bestimmen. Die Willkür und Unwissenschaftlichkeit, mit welcher er bei diesen Nachweisen» verfuhr, konnte jedoch die Grundannahme von Zus-Hauptstämmen der Evangelienbildung nicht in Mißkredit bringen. Neben konservativen Theologen, wie Meyer, B. Weiß, suchten indessen auch freier gesinnte Forscher, wie Tobler, Freytag, Reuß, Wittichen u. a., in denselben Spuren weiter zu gehen, und Köstlin (Ursprung und Komposition der synoptischen Evangeliend, Stuttg. 1853) versuchte eine Art Vermittelung zwischen Baur und Ewald. Am gründlichsten is die Hypothese ausgeführt in der Schrift von Holtzmann: «Die synoptischen Evangelieno Epz. 1863), auf deren Ergebnissen auch Schenkels miehr oder minder erheblichen Modisikationen haben auch Wegsamer (Evang. Geschichtes, Stuttg. 1864) und B. Weiß („Das Markus-Evangelium », Berl. 1872, „Das Matthäus-Evangelium», Berl. 1876, „Das Leben Jesu», Berl. 1881) dieselbe kritische Grundanschauung zu begründen versucht, wogegen Hilgenfeld (Die Evangelienv, Lpz. 1854) und Keim (4Geschichte Jesu von Nazarav, 3 Bde., Zür. 1867—72) die Baursche Ansicht, daß Matthäus der älteste Evangelist sei, festhielten, in diesem Evangelium selbst aber eine judenchristl. Grundschrift und eine universalistische Überarbeitung unterschieden, wobei ersterer nicht den Markus, sondern den Lukas als jüngsten Evangelisten betrachtete. Endlich Volkmar (Die Evangelieno, Lpz. 1870; Jesus Nazarenus», Zür. 1881—82) erneuerte die Ansicht Bruno Bauers mit der Modifikation, daß er das „Urevangeliumo des Markus als ein vom paulinischen Standpunkte verfaßtes Lehrgedicht, alle übrigen Evangelien aber als tendenziöse Umbildungen desselben betrachtete. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, daß bald Matthäus, bald Markus das Ursprüngliche bietet, daher die Vertreter der Markus-Hypothese bald einen Urmarkuso angenommen haben, bald unsern Markus vom «Urmatthäuso und unsern Matthäus wieder von beiden abhängig sein ließen. Der Urmatthäuso wurde gewöhnlich als bloße Spruch- oder Redensammlung vorgestellt, aus welcher neben unserm Iwisde auch Lukas geschöpft habe, wobei dann wieder Streit entstand, welcher von beiden die Quelle am treuesten benutze. Daneben blieb streitig, ob diese zweite Quelle auch Erzählungsstücke enthalten habe. Wahrscheinlich gab es von ihr eine doppelte Redaction: eine ältere, wesentlich Redestücke enthaltend, die unserm Matthäus, eine jungere, im streng ebionitischen Geiste gehaltene und zu einem vollständigen Evangelium erweiterte, die dem Lukas vorlag und wahrscheinlich auch die älteste Form des „Hebräer-Evangeliums » bildete. Aus jener ältesten Redaction und dem Urmarkus Rartus Matthäus Ingere Beatbeitn während unser arkus nur eine jüngere Bearbeitung des Urmarkus ist, Lukas aber sei es den Urmarkus, sei es unsern kanonischen Markus mit der ebionitischen Quelle und schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen aus paulinischen Kreisen kombinierte. Die beiden Hauptquellen stammen noch aus der Zeit vor Zerstörung Jerusalems. Lukas scheint unter allen Synoptikern der jüngste zu sein, obwohl auch das Matthäus-Cvangelium seine gegenwärtige Redaction erst im 2. Jahrh. erhalten haben mag. Unmittelbar apostolisch ist jedenfalls kein einziges unserer Evangelien. Der ursprüngliche histor. Rahmen der evang. Erzählung ist relativ am treuesten bei Markus bewahrt, wogegen die Sprüche Jesu meist bei Matthäus in ursprünglichster Gestalt aufbehalten sind. Doch fehlt es auch hier nicht an Ausnahmen. Auf keinen Fall darf man hoffen, ohne eine zum Teil ziemlich verwickelte Kritik in den ursprünglichen Thatbestand des Berichteten einzudringen. Auch die Reden und Gleichnisse Jesu waren lange Zeit schon durch die Hand der unwillkürlich umbildenden Tradition gegangen, ehe sie schriftlich fixiert wurden, und bei manchen, wie namentlich den Zukunftsweissagungen, aber auch bei mehrern Parabeln, wird es wohl für immer unmöglich sein, festzustellen, was und wieviel davon wirtlich aus Jesu Munde gekommen. Am wenigsten unter allen tragen die Reden und Erzählungen des vierten Evangeliums einen geschichtlichen Charakter, wie denn die Unmöglichkeit, daß Johannes der Verfasser dieses Evangeliums sei, von Baur, Hilgenfeld, Köstlin, Scholten, Keim, Thoma gründlich erwiesen ist und gegenwärtig immer allgemeinere Anerkennung findet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 451Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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