Ewiger Jude wird nach einer in fast ganz Europa verbreiteten Sage, die in solcher Gestalt Nolis in einem angeblich 1564 verfaßten deutschen olksbuche (Simrocks „Deutsche Volksbücher», Bd. 6) erscheint, ein zur Zeit Christi in Jerusalem lebender Schuhmacher Ahasverus genannt. Als Christus auf dem Wege nach Golgatha sich an das Haus desselben etwas anlehnte, um auszuruhen, wollte Ahasverus dies nicht leiden, worauf der Heiland zu ihm sagte: „Ich will stehen und ruhen, du ohne sterben zu können, ruhelos fort und fort durch die Welt. Nach dem engl. Chronisten Matthäus Paris (gest. 1259), dessen Gewährsmann ein im J. 1228 in England verweilender armen. Erzbischof war, hatte ein Thürhüter des Pontius Pilatus, Namens Cartaphilus, den Heiland mit der Faust in den Rücken gestoßen und schneller gehen heißen, worauf dieser zu ihm sagte: Ich gehe und du sollst warten, bis ich komme.v Cartaphilus war später von Ananias getauft worden und hatte den Namen Joseph erhalten und lebte damals als frommer, heiliger Mann vorzugsweise in Armenien. Fast ganz dasselbe berichtet Philipp Mousket, der um 1243 seine «Flandrische Reimchronik » schrieb. „Erst in neuester Zeit wurden die Angaben zweier ital. Schriftsteller des 15. Jahrh., des Astrologen Guido Bonatti von Forli und des Sigismondo Tizio, eines Chronisten von Siena, bekannt, wonach Johannes Buttadeus, der den Heiland auf seinem Gange zur Kreuzigung gestoßen und zu dem der Heiland darauf gesagt habe: «Du sollst auf mich warten, bis ich kommev, 1267 in Forli und im 14. Jahrh. in Siena gesehen worden sei. Noch heute ist der Ewige Pen, unter dem Namen Buttadio (von buttare, stoßen, und Dio, Gott) in Italien bekannt, und mit geringer Veränderung ist dieser tame auch in die Bretagne gedrungen, wo der Ewige Jude Boudedeo heißt. Andere Namen desselben sind Juan Espera-en-Dios (Hoffe auf Gott) in Spanien und Isaac Laquedem in Belgien. Als Variante der Sage vom Ewigen Juden ist —0 die Sage von Malchus zu erwähnen, der, weil er Christus einen Backenstreich gegeben, verdammt ist, bis zum Jüngsten Tage in einem unterirdischen Gemach in her a immer hin⸗ und herzugehen oder (nach einer andern Fassung der Sage) immer zu tehen. Letzteres erzählt auch eine ganz vereinzelte, in einer Schrift des 17. Jahrh. vorkommende überlieferung von einem Juden Johannes Roduyn, zu dem Christus, als jener ihn vorwärts hatte gehen sollt s gesagt hatte: Ich will gehen, du aber sollst stehen bis zum Ende der Welt l und der nun in Jerusalem hinter neun Thüren verwahrt wird. Betrüger benutzten bis ins 18. Jahrh. herab den Glauben an den Ewigen Juden und gaben sich für ihn aus; a Zeit u es nicht an Leuten, die ihn von Zeit zu Zeit in den verschiedenartigsten Gestalten gesehen zu haben behaupteten. Zahlreiche moderne Dichter, vorzugsweise in Deutschland, aber auch in Frankreich, England, den Niederlanden und Dänemark, haben den Ewigen Juden zum Gegenstand kleinerer oder größerer Gedichte, Dramen und Romane gemacht; in Deutschland namentlich Goethe in einem epischen Fragment (1774), A. W. von Schlegel in der Romanze „(Die Warnungv, Chr. F. D. Schubart in dem Gedichte «Ahasverv, Klingemann in dem Trauerin dem epischen Gedicht »Ahasver (Dresd. 1838), Zedlitz in dem epischen Fragment „Die Wanderungen des Ahasveruso in dessen „Gedichten v (2. Aufl., Stuttg. u. Tüb. 1839), L. 40„ 8 in dem Gedicht «Der neue Ahasvery (Jena 1841), S. Heller in Ahasverus, ein Heldengedichte (2. Aufl., Lpz. 1868), R. Hamerling in dem Epos «Ahasverus in Romo (Hamb. 1866, 13. Aufl. 1881), in kleinern Gedichten N. Lenau, A. Schreiber, E. von Schenk, G. Pfitzer, M. Smets u. s. w. Vgl. Grässe, «Der Tanhäuser und Ewige Jude » (2. Aufl., Dresd. 1861); Helbig, Die Sage vom Ewigen Juden, ihre poetische Wandlung und Fortbildunge (Berl. 1874); G. Paris, Le Juif erranto (Par. 1880) und dazu wichtige Nachträge in der Zeitschrift Romanias (Bd. 10, Par. 1881); M. D. Conway, «The Wandering Jewo (Lond. 1881).