Fechtkunst ist die Fertigkeit im Gebrauch der blanken Waffe beim Zweikampf, sowohl im Sinne der Abwehr als des Angriffs. Als Kunst kann jene Riene keit bezeichnet werden, insofern die mechan. Regeln nur als Grundlage dienen, der Grad der Vollkommenheit in der Ausübung derselben durch die Individualität bedingt wird, ein hoher Grad der Vollkommenheit eine besondere Veranlagung voraussetzt und in der Ausübung der F. der Konzeption der Kämpfer ein großer Spielraum gelassen ist. Als F. bezeichnet man ferner auch die in ein System gebrachte Lehre vom Fechten, die sich je nach der Waffe verschieden gestaltet. Man unterscheidet Stoß⸗ und Hiebfechten, ersteres wird mit der Stoßwaffe, letzteres mit der Hiebwaffe ausgeübt. Zu den gewöhnlichen Stoßwaffen gehört das Floret und der Degen, besondere Arten sind noch die Lanze und das Bajonettgewehr, deren Gebrauch von jenen abweicht; zu den Hiebwaffen zählt man das Rappier, den geraden und den krummen Säbel. Je nach der speziellen Waffe wird das Fechten wieder als Floretfechten, Säbelfechten, Lanzenfechten und Bajonettfechten bezeichnet. Degen und gerader Säbel können zum Stoß⸗ wie zum Hiebfechten verwendet werden. Die Vorübungen zur Aneignung der F. werden ohne Gegner betrieben; mit Gegner wird das Fechten zum Kontrafechten. Beide Teile können sich zu Fuß oder zu Pferde, auch einer zu Fuß, der andere Zu Pferde befinden. ie F. bildet einen Teil der Gymnastik. Wie die Turnkunst, verleiht die F. dem Körper dert Lin Gewandtheit und Biegsamkeit, sie befördert eine edle, graziöse Haltung und übt den Blick, erhöht die Entschlossenheit wie den persönlichen Mut. Vom Nutzen der F. beim Duell, wie im Falle der Notwehr braucht kein Nachweis geliefert zu werden. Ein guter Fechter besitzt zudem in dem Rufe seiner Fertigkeit ein vortreffliches Mittel, sich Händel und Raufereien vom Leibe zu halten. Dem Soldaten ist die F. von besonderm Nutzen. Ein gebildeter Mensch, namentlich der Cavalier, würde nur ungern ½m 2516 in dieser Kunst unbewandert zu sein. Von Wichtigkeit beim Abtper ist zunächst die für den Kampf erforderliche Körperstellung, welche die Auslage genannt wird. Beim Fechten zu Fuß, mit Degen oder Säbel, ist der rechte Fuß vorgestreckt; der Körper ruht auf dem zurückgebogenen linken Fuß. Die linke Brust ist vom Gegner abgewandt, der Oberkörper mit seiner schmalsten Fläche dem feindlichen Angriff dargeboten. Der rechte Arm * beim Stoßfechten leicht gestreckt und hält die Waffe mit der Spitze dem Auge des Gegners gegensüber; beim Hiebfechten ist der rechte Arm gestreckt ehoben, sodaß die Hand in der Höhe der Schulter ligt, die Spitze der Klinge zeigt nach dem rechten Auge des Gegners. (Auf Universitäten ist beim Hiebfechten auch die verhängte Auslage, mit der Spitze der Klinge nach unten, bei enger Mensur der 0 Für den freien und wirksamen Gebrauch der Waffen ist der richtige Abstand der beiden Kämpfer, die Mensur oder das Maß genannt, von Bedeutung. Das Nehmen der Mensur geschieht nach der Auslage durch kreuzendes Aneinanderlegen der Klingen auf einem bestimmten Längenpunkt. Man denkt sich dazu die Klinge vom Gefäß ab in vier gleiche Teile geteilt und bezeichnet dieselben der Reihe nach als ganze und halbe Stärke, halbe und ganze Schwäche. Die ganze Schwäche liegt also der Spitze, die ganze Stärke dem Gefäß der Waffe unächst. Bei der eigentlichen Mensur liegt, nachem die Auslage genommen ist, halbe Schwäche an halber Schwäche. Bei der engen Mensur liegt des einen Stärke an des andern Schwäche, bei der weiten liegen beide Schwächen aneinander. Nähert man sich dem Gegner durch Vorsetzen des rechten Fußes und Strecken des linken Knies, so entsteht der Ausfall, entfernt man sich von demselben durch Zurücksetzen des rechten Fußes oder beider Füße, so entsteht die Retirade. Unter Passade versteht man das Vorsetzen des rückwärtigen Fußes an den vordern, in der Absicht, dem weichenden Gegner zu folgen. Wendungen des Körpers unter gleichzeitigem Versetzen eines Fußes werden Volten genannt. Die Bewegungen der bewaffneten Faust oder Motionen ges u. durch kreisförmige Drehung der Hand im Faustgelenk und unterscheidet man hiernach vier verschiedene Lagen der Faust, welche den Ausgangspunkt für die Stöße und Hiebe, wie für die Abwehr (die Parade) bilden, und die Prim⸗, Sekond⸗, Terz⸗ und Quartlage heißen. In der Primlage, welche zugleich die Auslage beim Stoßfechten bildet, ist der Daumen nach oben gekehrt (s. Fig. 1). Aus ihr entsteht durch Drehen des Daumens nach unten die Sekondlage (Fig. 2), nach links die Terzlage Fir 3), nach rechts die Quartlage (Fig. 4). Die entsprechend genannt. Die Stöße überhaupt teilt man in feste und flüchtige, insofern sie in einem stumpfen Winkel oder ohne Winkel gestoßen werden. Der Ausstoß ist stets mit einem Ausfall verbunden. Das eigentliche Ziel der Verletzungen ist des Gegners Brust, Schulter, Arm und die Stelle unterm Arm, sowie der Unterleib über der Hüfte. Stöße nach andern Teilen des feindlichen Körpers, wie Gesicht, Hals, Beine, 90 er Bastard⸗ oder Saustöße. Je nach ihrer Hö mittlere oder Hauptstöße und in tiefe Stöße. Ferner unterscheidet man auswendige Stöße oder Stöße über den Arm und inwendige Stöße. Die Prim kommt beim Stoßfechten selten vor, sie geschieht mit wenig abwärts gerichteter Klinge gegen des Gegners „Gesicht oder Brust. Der Sekondstoß wird gegen des Gegners untere Partien und zwar entweder an der innern oder äußern Seite gestoßen und heißt sonach innere oder 3 Aem Sekond. Den Terzstoß stößt man über den Arm weg auf die äußere Seite des Gegners. Die innere Quart geht innerhalb der Klinge nach der Brust, als hohe nach dem Gesicht, als tiefe nach dem Unterleib; die tiefe Quart von außen gestoßen heißt Quartrevers oder Flankonade. Beim Hiebfechten ist die halbe Terzmotion die gewöhnliche Auslage. Die Prim ist der Kopfhieb, sie trifft Kopf und Gesicht des Gegners senkrecht von oben nach unten (a, Fig. 5, 6), wobei sich die Faust in dem Augenblick, wo der Hieb den Gegner trifft, etwas höher als die Fig. 5. Spitze der Klinge befindet. Der Sekondhieb (b) wird in senkrechter Richtung von unten nach der Mitte des feindlichen Bauchs eschleudert. Die Seitenterz (e) erfolgt von unserer inken nach des Gegners rechter Seite, die Brustquart (d) liegt jener gerade Wuutt aesg und wird nach der Brust geschlagen, während die hohe horizontale Gesichtsterz ( und Quart (i) des Feindes Gesicht treffen. Die poln. Quart oder Quart coupé wird ähnlich wie die Sekond von unten herauf, nach des Gegners Unterleib oder unterer Schulter, aber aus der Quartmotion geführt (b oder h). Die genannten Hiebe heißen Haupthiebe und liegen entweder senkrecht oder horizontal. Die schrägen Hiebe werden Zwischenhiebe genannt Fig. 6. und sind steile Terz (g) und Quart (e), schräg von oben, tiefe Bauchterz (t) und Quart (h) schräg von unten fallend. Das Abwenden der feindlichen Stöße und Hiebe wird die Parade genannt. Sie geschieht beim Stoßfechten durch einen Druck oder einen chlag gegen die Klinge des Gegners und heißt danach feste oder flüchtige Parade. Im übrigen benennt man die Parade den Stößen entsprechend Prim⸗, Sekond⸗, Terz⸗, Quartparade. Man kann sich der Wirkung des feindlichen Stoßes auch durch die Volte oder das Girieren, durch Annahme der weiten Mensur, ferner durch die Retirade, ebenso durch Verengen der Mensur und die Passade sichern. Beim Hiebfechten erfolgt die Parade so, daß man dem Hieb des Gegners stets die Stärke der Klinge und zwar die Schneide mit dem Bügel so entgegensetzt, daß der Hieb auf halbem Wege von derselben aufgenommen und unschädlich gemacht wird. Die Benennung der Paraden ist analog derjenigen der Hiebe. Die Anwendung der Volte u. s. w. kommt auch beim Hiebfechten vor. Unter Blößegeben versteht man eine solche Haltung des Kämpfers, durch welche dem Gegner Gelegenheit wird, einen Stoß oder Hieb anzubrinen. Mittel, um sich Blößen beim Gegner zu verschassen, sind: das Belegen oder Stringieren der feindlichen Klinge, d. i. ein Druck mit der Stärke der eigenen Klinge gegen des Feindes Schwäche, welche seine Spitze aus der geraden Richtung zu bringen sucht; die Battute, ein flüchtiger Streifschlag mit der eigenen Stärke gegen des Feindes Schwäche; die Ligade, d. i. eine Battute, bei welcher man am Schlusse aus einer Motion in die andere übergeht. Unter Finten oder Scheinstößen, beziehungsweise Hieben versteht man das bloße Zeigen eines Stoßes oder Hiebes, wodurch der Gegner zur Parade verleitet wird und sich so eine Blöße ibt. Nachstoß und Nachhieb schließen sich auf rzestem Wege an eine eigene Parade an. Beim Kaminieren sind die fechtenden Parteien in beständiger Bewegung, wobei sie entweder mit dem Avancieren angreifen oder mit der Retirade und Volte sich verteidigen. Beim Hiebfechten spricht man von Doppelhieb, wenn dieselbe Person mehrere Hiebe rasch hintereinander ausführt. Stoß und Hieb à tempo und ins tempo erfolgen mit denjenigen des Gegners gleichzeitig. Stoß- und Hiebfechten miteinander vereint wird Rekontrafechten genannt; es ist zwar im Zweikampfe nicht erlaubt, sich der Stöße gegen Hiebe und umgekehrt zu bedienen, bei unvorhergesehenen Anfällen aber, wie z. B. im Kriege, gilt jeder Vorteil. Beim Fechten mit der Lanze ist die gewöhnliche Verteidigungslage, in welche der Lanzier nach jedem Stoße sofort zurückkehrt, die gefällte Lanze, bei welcher der untere Teil derselben unter der Achsel sich befindet und die rechte Hand den Lanzenschaft ergriffen hat. Zum Stoß wird die Lanze zunächst zurückgezogen und dann nach dem Ziele scharf vorgeschnellt; nach vollendetem Stoß geht sie sofort wieder in die Verteidigungslage zurück. Die Stöße werden nach allen Seiten, auch nach hinten, asße der Die Paraden sind kurze Schläge nach der Waffe des Angreifers. Durch horizontales Schwingen der Lanze um den Leib kann Deckung nach den Seiten und nach rückwärts genommen werden. Unter Bajonettfechten oder Bajonettieren versteht man die systematische Lehre von der Benutzung des Gewehrs zum Stoß und zur Parade für Angriff und Verteidigung im Einzelkampf. Dasselbe ist zuerst von dem königl. sächs. Hauptmann von Selmnitz 1825 in ein System gebracht worden und seitdem in der deutschen, österr., franz., schwed. Armee in den Dienstbetrieb aufgenommen, ohne indes bei der kurzen Dienstzeit eine größere Bedeutung als die Kräftigung des Körpers und Erhöhung des Vertrauens zur blanken Waffe erlangen zu können. Dasselbe ist ein Stoßkampf mit kurzen und sog. Wurfstößen, Finten und Paraden nach den allgemeinen Grundsätzen der F., aber speziell verschieden, je nachdem der Gegner zu Fuß und auch mit dem Gewehr oder zu Pferd mit Degen, Säbel oder Lanze bewaffnet ist. Geschichtliches. Bei den alten Griechen beschränkte sich das Fechten auf den Faust-und Ringkampf. Bei den Römern kommt das Stockfechten und ein mit Rappieren schulmäßig gelehrtes Kämpfen mit Schwertern auf Hieb und Stoß vor. Wir finden bei ihnen Fechtmeister, armaturae doctores; über die Fechterspiele . unter Gladiatoren. Die Zweikämpfe der Ritter im Mittelalter daut dem nach bestimmten Regeln, im Panzer und auf dem Streitroß mit Lanze, Schild und Schwert auf Leben und Tod. Die Führung des Schwertes wurde fleißig geübt. Außerhalb der Ritterkreise bildeten sich in den Städten schon frühzeitig dem Bürgerstande angehörige und privilegierte Fechterverbrüderungen. Die älteste unter diesen war die Brüderschaft von St. Markus vom Löwenberge in der Freien Reichsstadt Frankfurt a. M. Den Meistern des langen Schwertes wurde schon von Kaiser Friedrich III. 1487 ein Privilegiumsbrief erteilt und von den spätern Kaisern mehrfach erneuert. Es bildeten sich allmählich auch andere Fechtergesellschaften, worunter die sog. «Freifechter von der Feder von Greifenfels» oder 4Federfechter v die berühmtesten waren. Die F. im modernen Sinne, bei welcher die Waffe gleichzeitig zum Angriff wie zur Abwehr dient, konnte erst aufkommen, nachdem die alten Schutzwaffen, Helm, Panzer und Schild abgelegt waren. Die F. auf den Stoß entstand im 15. Jahrh. in Italien, worauf auch die übliche Terminologie deutet, und verbreitete sich rasch nach andern Orten, besonders auch nach Deutschland, wo das urgerman. Hiebfechten daneben beibehalten blieb. In Italien wurde die F. zuerst wissenschaftlich behandelt: «Arte delle Armi di Achille Marozzo Bologneses (Vened. 1568), ferner die Fechtbücher von Jak. Modenense, Guido Antonio und Lucano Bolognese. Deutsche Werke sind von Joachim Meyer (Straßb. 1570) und von Joh. Georg Paschen (Lpz. 1683). Nachdem die Fechtergilden der Bürger und Handwerker in Verfall geraten waren, erhielt sich die F. fort an den Universitäten, Kadetten⸗ und Militärschulen. terliche galt als notwendiger Bestandteil einer ritterlichen und adeligen Erziehung, indem der Adel das Vorrecht bewahrte, in Ehrensachen sich mit dem Degen Recht zu verschaffen. Die deutschen Studenten hielten sich in dieser Hinsicht von jeher dem Adel gleich und bildeten die Universitäten die Hauptpflegestätte der F. Schon 1550 wird eines Fechtmeisters in Jena gedacht, hier erlangte späterhin Wilh. Kreusler, geb. 1597, als Begründer der deutschen Stoßfechtkunst eine große Berühmtheit. Sein Talent erbte sich durch zwei Jahrhunderte in seiner Familie fort. Eine zweite noch heute blühende thüring. Fechterfamilie sind die Roux (von vertriebenen Hugenotten abstammend), von denen Joh. A. C. Roux 1798 ein Lehrbuch der deutschen F. herausgab. Joh. Wilh. Roux schrieb 1808 eine Anleitung zur F.v, dessen Sohn Fr. A. L. W. Rour 1840: (Anweisung zum Hiebfechten », 1849 eine „Kreußlersche Stoßfechtschuler und 1857 ein „Deutsches Paukbuchv. Litteratur: Lüpscher und Gömmel, «Theorie der F. v, nach dem Traité d'escrimep von Chatelain (Wien 1819); von Pöllnitz, Das Hiebfechten zu Fuß und zu Pferder (Halberst. 1825); von Selmnitz, «Die Bajonettfechtkunsto (Tl. 1, Dresd. 1825); Rothstein, Bajonettfechten nach dem System P. H. Lingsy 2. Aufl., Berl. 1860); derselbe, «Das Stoß⸗ und Hiebfechten mit Degen und Säbelo (Berl. 1863); W. Lübeck, «Lehr⸗ und Handbuch der deutschen F.v (2. Aufl., Frankf. a. O. 1869); Bluth, Praktische Anleitung zum Unterricht im Hiebfechten (Berl. 1878); G. Hergsell, «Die F.» (Wien 1881); Montag, „Neue praktische Fechtschule auf Hieb und Stoß v (2. Aufl., Lpz. 1882); Offizielle Vorschriften für das Bajonettfechten der Infanterie (Berl. 1882).