FeedFettsucht
HeilkundeBrockhaus 1882

Fettsucht (Adipositas oder Lipomatosis, auch Pimelosis oder Polysarcia) nennt man eine allzu reichliche, bis zur Erzeugung krankhafter Beschwerden gesteigerte Ansammlung von Fett im ganzen Körper (allgemeine Fettsucht, Fettleibigkeit oder Corpulenz, Obesitas, Lipomatosis universalis) oder den einzelnen Organen desselben (partielle Fettsucht, Lipomatosis partialis). Geringere Grade der allgemeinen Fettleibigkeit werden als Embonpoint bezeichnet. Ein mäßiger Grad von Anfüllung des Zellgewebes mit Fett ist nichts Krankhaftes, sondern als Aufspeicherung eines zur Lebensfristung brauchbaren Materials und als ein Schutz gegen mancherlei mechanische und andere Schädlichkeiten zu betrachten. Unter normalen Verhältnissen beträgt das Fett bei einem männlichen Erwachsenen von mittlerer Größe den 20., bei dem weiblichen Geschlecht hingegen den 16. Teil des gesamten Körpergewichts. Bei der F. nimmt das Fett zunächst an allen jenen Körperstellen zu, wo sich auch im normalen Zustande Fettgewebe findet, am stärksten unter der Haut, wo es eine 5—8 und mehr Centimeter dicke Schicht als sog. Fetthaut (s. d.) bildet, insbesondere in der Bauchgegend (sog. Schmerbauch), an den Hüften und den Oberschenkeln, an den Fußsohlen und der weiblichen Brust; aber auch im Netz, im Gekröse, in der Umgebung der Nieren, im Herzbeutel und im Innern der Leberzellen (s. Fettleber), sowie zwischen den Muskeln und Muskelbündeln kann sich bei Corpulenten Fett in übermäßiger Menge ablagern. Dagegen sind manche Körperstellen auch bei den höchsten Graden von Fettleibigkeit von der Fettablagerung fast gänzlich verschont, so die äußern Genitalien, die Augenlider und Ohrmuscheln. Die Betttei des Körpergewichts infolge hochgradiger Fettleibigkeit kann eine ganz enorme werden; Fettsüchtige von ungewöhnlichem Gewichte finden sich zahlreich in der Litteratur verzeichnet, so erwähnt Gräfe einen Holländer, der 503 Pfd. wog und einen Leibesumfang von 5 Fuß 9 Zoll hatte; in den «Philosophical Transactionso wird des Engländers Ed. Bright gedacht, der 609 Pfd. wog, und Wadd gibt das Gewicht eines von ihm gesehenen Fettsüchtigen gar auf 980 Pfd. an. Am auffallendsten ist die Zunahme des Körpergewichts bei fettsüchtigen Kindern, über welche zahlreiche, zum Teil ganz enorme Angaben vorliegen. So berichtet Barkhausen von einem 1¼ jährigen Knaben mit einem Körpergewicht von 53 Pfd., Heyfelder von einem 3½ jährigen Mädchen mit 49 ½ Pfd., Käster von einem 4jährigen Mädchen mit 82 Pfd., Weinberger von einem 5jährigen Knaben mit 189 Pfd., Eschenmayer von einem 10jährigen Mädchen mit 219 Pfd., Regneller sogar von einem 11jährigen Mädchen mit 450 Pfd. Körpergewicht. Die Ursachen der allgemeinen F. sind nicht immer hinlänglich nachzuweisen. In vielen Fällen besteht ohne Zweifel eine erbliche Anlage zur Fettleibigkeit, insofern in gewissen Familien alle Mitglieder, unbeeinflußt von ihrer Lebensweise und unabhängig von ihrem Aufenthaltsorte und Berufe, unter allen Umständen abnorme Fettleibige werden, wahrscheinlich infolge einer eigentümlichen erblichen Blutbeschaffenheit, welche eine erhöhte Fettinfiltration zur Folge hat. Auch gewisse Nationalitäten, wie die Orientalen, Ungarn und Walachen, zeichnen sich durch eine solche Neigung zu übermäßiger Corpulenz aus; Personen von schlaffer Konstitution und phlegmatischem Temperament, die sich körperlich und geistig wenig anstrengen, lange schlafen und eine reichliche, nahrhafte Kost genießen, zeichnen sich besonders durch größere Neigung zu frühzeitiger und übermäßiger Fettleibigkeit aus. Eine der häufigsten Ursachen der F. liegt aber in der übermäßigen Zufuhr von Nahrungsmitteln, insbesondere sehr fetter, zuckerreicher und sehr stärkemehlhaltiger Nahrungsmittel und alkoholischer Getränke, namentlich wenn sie mit ungenügender körperlicher Bewegung, mit einem ruhigen und beschaulichen Leben und vielem Schlafen verbunden ist; Schlemmer, Feinschmecker und Gewohnheitstrinker haben von jeher das größte Kontingent zur allgemeinen F. gestellt. Das weibliche Geschlecht scheint mehr als das männliche zu krankhafter Fettansammlung geneigt zu sein, was zum Teil in der Vorliebe der Frauen für fette und süße Speisen, in ihrer Neigung Ruhe zu pflegen, in dem häufigern anhaltenden Sitzen, sowie ihrem längern Aufenthalt in geschlossenen Räumen, zum Teil aber auch in gewissen sexuellen vieten an begründet ist; so ist es bekannt, daß bei vielen Frauen mit dem Aufhören der Geschlechtsfunktionen eine größere Fettentwickelung eintritt, und daß auch jüngere Frauen bei daniederliegender Geschlechtsthätigkeit oft außerordentlich schnell fettleibig werden. In ähnlicher Weise begünstigt die Castration des Mannes bei diesem die Entwickelung excessiver Fettanhäufung. Bei Säuglingen ist die F. gewöhnlich die Folge von unzweckmäßiger Ernährung, namentlich von aretaneten m mit massigen Speisen und andern ungeeigneten? ilchsurrogaten. Die Beschwerden, welche die — verursacht, können sehr verschiedener Art sein. Bei geringern Graden von Fettleibigkeit, dem sog. Embonpoint, ist meist vollständiges Wohlbefinden vorhanden, und selbst bei erheblicherm Leibesumfang empfinden manche Fettleibige, abgesehen von einer gewissen Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit bei den Bewegungen, nur wenig subjektive Beschwerden. In den höherg Graden jedoch, besonders wenn die F. sich auffallend schnell entwickelte, stellt sich eine Reihe von Störungen und Beschwerden ein, welche nicht nur den Lebensgenuß in erheblichem Maße verkümmern, sondern zum Teil auch das Leben direkt gefährden können. Gewöhnlich klagen sehr fettsüchtige Personen über große Muskelschwäche, über quälende Kreuzschmerzen bei anhaltendem Gehen, über Neigung zu übermäßigem Schwitzen, zu Kurzatmigkeit, Beklemmung, Schwindel und Anfällen von heftigem Herzklopfen. Letztere Symptome, sowie das nicht seltene Aussetzen des Pulses rühren wohl davon her, daß bei solchen Patienten das Zwerchfell durch die Bauchorgane nach aufwärts gedrängt wird, oder daß das Herz von Fett umwachsen oder selbst mehr oder weniger fettig entartet ist. Auch werden die Kranken häufig von mancherlei Verdauungsbeschwerden (Appetitlosigkeit, Aufstoßen, Verstopfung, Hämorrhoidalknoten u. dgl.) heimgesucht, die zum Teil in der fettigen Infiltration der Leber und dadurch bedingten Verminderung der Gallenabsonderung (s. Fettleber), zum Teil aber auch in Blutstockungen im Pfortadergebiet ihren Grund haben. Daß endlich bei länger bestehender hochgradiger F. auch die pfychischen Funktionen mehr oder minder beeinträchtigt werden, indem sich bei den meisten Kranken eine Tragt Unlust zu geistiger Arbeit, eine auffallende rägheit im Denken, Entschließen und Handeln bemerkbar macht, ist hinlänglich bekannt, und wohl hauptsächlich durch die große Blutarmut bedingt, welche fast immer bei hohen Graden von F. vor-t kit die ist. Auch begünstigt übermäßige Fettleibigeit die Entwickelung gewisser anderer Krankheiten‚ insbesondere der Gicht, der Furunkulose und der Diabetes, sowie der atheromatösen Entartung der Arterien, welche leicht zum Gehirnschlagfluß führt (s. Atherom). x Aus dem oben Angeführten erhellt, daß jede ochgradige F., namentlich wenn sie auf einer erb⸗( ichen Anlage beruht, als eine ernste Krankheit aufzufassen ist, welche unter Umständen das Leben direkt bedroht, und welche deshalb womöglich schon in ihren frühern Stadien energisch bekämpft werden muß. Freilich ist die Behandlung der F. in der Regel mit großen Schwierigkeiten verknüpft, da es gewöhnlich den Kranken an der hierzu durch⸗⸗ aus erforderlichen Ausdauer und Willensstärke gebricht. Wer zur F. neigt, muß jederzeit eine streng geregelte Diät einhalten; er lebe nur mäßig, genieße möglichst wenig fette, zuckerhaltige und stärke⸗⸗ mehlreiche Nahrungsmittel (Mehlspeisen, Gebäcke, Kartoffeln) und vermeide soviel als möglich die alkoholischen Getränke. Nach noch strengern Grundsätzen ist das nach dem Engländer Banting benannte Kurverfahren gegen Corpulenz geleitet, wel⸗⸗ ches in einem nahezu ausschließlichem Fleischregime mit vollständigem Vermeiden jeden Fettes besteht, wobei ungefähr folgender Speisezettel maßgebend ist: Zum Frühstück 120 — 150 g Fleisch oder Fisch (mit Ausnahme von Schweinefleisch und Lachs), Thee ohne Milch und Zucker, 30 g geröstetes Weißbrot; zu Mittag 150—180 g Fleisch, etwas Gemüse, 30 g geröstetes Weißbrot, 2—3 Gläser leichten Rotwein oder Sherry — keine Kartoffeln, keine Mehlspeisen, kein Champagner, Portwein oder Bier; zur Vesper 60—100 g Früchte, wenig Zwieback, Thee; zum Abendbrot 100—120g Fleisch oder Fisch, 1—2 Glas Rotwein. (S. Bantingkur.) So wirksam auch eine solche Fettentziehungsdiät auf die Verminderung einer übermäßigen Fettanhäufung im Körper wirkt(Banting selbst verlor durch dieselbe 35 Pfd. seines Körpergewichts), so darf dieselbe doch nie auf zu lange Zeit angewendet werden, da sie leicht Magen⸗ und Darmlatarrhe, Schwächeefühl und ernstere Ernährungsstörungen zur Folge haben kann. Aus diesem Grunde hat neuerdings Ebstein eine neue diätetische Kurmethode gegen die F. angegeben, welche die allmähliche Abnahme der überschüssigen Fettvorräte des Körpers dadurch zu erzwingen sucht, daß die an sich geringe tägliche Nahrungszufuhr aus einer Mischung von Eiweiß mit relativ reichlich Fett und wenig Kohlenhydraten besteht. Das Fett soll hierbei die günstige Wirkung haben, das Hungergefühl zu vermindern und dadurch die Hauptaufgabe der Kur, die Beschränkung der Nahrungszufuhr auf ein möglichst knappes Maß, wesentlich zu erleichtern. Ebstein gestattet seinen Kranken nur drei Mahlzeiten, worunter eine reichliche, und schreibt als ungefähren Anhalt folgenden Speisezettel vor: Zum Frühstück Thee ohne Zucker und Milch, 50 g Brot mit reichlich Butter; zum Mittag Suppe (häufig mit Knochenmark), 120—180 g Fleisch mit fetter Sauce, mäßig Gemüse (am besten Leguminosen), elwas Salat oder frisches Obst, dazu 2—3 Gläser leichten Rheinweins; des Abends ein Ei oder etwas fetten Braten, oder auch beides, oder Wurst, oder Fisch, 30 g Brot mit viel Butter. Da die gewährte tägliche Nahrungsmenge eine ziemlich knappe ist, so kann die eben beschriebene Kurmethode recht wohl eine Verminderung des Körpergewichts zur Folge haben, vorausgesetzt, daß durch den Fettzusatz das Hungergefühl genügend befriedigt und die vorgeschriebene Diät dauernd beibehalten wird. Neben zweckmäßiger Regulierung der Diät müssen Fettsüchtige sich durchaus hinreichende körperliche Bewegung im Freien machen, die sitzende Lebensweise möglichst vermeiden, nicht über 6—7 Stunden schlafen und durch häufig wiederholte und gehörig tiefe Atemzüge ihren Lungen möglichst viel Sauerstoff zuführen, dessen der Körper zur Verbrennung des überschüssigen Fettes unumgänglich bedarf. Wenn wegen Drerichwert F. aktive körperliche Bewegungen sehr erschwert oder ganz unmöglich gemacht sind, so ist eine zweckmäßige, auf Ernährung des Muskelapparates hinzielende passive Gymnastik, sowie die längere Zeit fortgesetzte Massage zu empfehlen. Bei fettsüchtigen jungen Frauen ist die angemessene Regulierung der Geschlechtsfunktionen von großer Wichtigkeit. Cigentliche Arzneimittel sind bei der F. ganz unnütz, namentlich ist der noch immer vielfach beliebte Gebrauch der drastischen Abführmittel (Alos, Koloquinten u. a.), sowie der Jodpräparate ganz entschieden zu widerraten, da durch sie die ohnedies bei der 5. vorhandene Blutarmut und wässerige Beschaffenheit des Blutes gewöhnlich sehr rasch nur noch gesteigert wird. Dagegen pflegen öfter wieholte und länger fortgesetzte Brunnenkuren mit gewissen alkalisch-salinischen Mineralwässern (Marienbad, Tarasp, Karlsbad, Kissingen) und mit nachfolgendem Aufenthalt im Hochgebirge oder an der See einen günstigen und oft nachhaltenden Einfluß auszuüben. Vgl. Dancel, «Traité théorique et pratique de bobésités (Par. 1863); W. Banting, Wetter on corpulence addressed to the publice (Lond. 1864); J. Vogel, «Corpulenz, ihre Ursachen, Verhütung und Heilunge (Berl. 1867); Vacher, KDe Lobésité et de son traitemento (Par. 1873); Risch, «Die Fettleibigkeit der Frauen in ihrem Zusammenhange mit den Krankheiten der Sexualorganes (Prag 1872); Ebstein, Die Fettleibigkeit und ihre Behandlung nach physiol. Grundsätzeno (4. Aufl., Wiesbad. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 745Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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