Feedchinesischer Baustil
BaukunstBau-Lexikon 1881

chinesischer Baustil, m., frz. style chinois, engl. chinese styl. Ueber die kunsthistorische Stellung dieses Stils s. d. Art. Baustil. Die Chinesen sind von Haus aus mit ziemlich reicher Phantasie ausgestattet gewesen. Diese, in Verbindung mit den eigenthümlichen Gestaltungen ihrer Berge und der sie umgebenden Natur überhaupt, waren die erste Ursache zur Gestaltung ihres Baustils, welcher seine vollständige Ausbildung noch zur Zeit der Tschehu-Dynastie (1122 - 258 v. Chr.) erreichte, unter welcher Kongfu-tsi die jetzige Staatsreligion begründete. — Der nun folgenden Dynastie Tsin gehörte Ting-Tschi-Hang-Ti an, welcher die bereits im 4. Jahrh. begonnene große Landesmauer in ihren Haupttheilen vollendete, aber die meisten früheren Bauten, Denkmäler etc. vernichten ließ. Um 380 n. Ch. eroberten die Tataren, nach Anderen die Hoang-nu (Hunnen), den Norden, um 590 auch Erste Periode. In den letzten Zeiten der Tscheyu-Dynastie, im 4. Jahrh. v. Chr., begann man die große Mauer; sie war um 200 n. Chr. 2400 km. lang, wurde aber im 7. Jahrh. bis 3000 km. verlängert; sie ist an den niedrigsten Stellen 7 m. hoch u. an den schmalsten Stellen 3½ m. breit, an anderen viel breiter (s. Fig. 1099) u. besteht aus zwei Futtermauern von Ziegeln mit Zinnen, mit einer Erdanschüttung dazwischen, welche oben mit gebrannten Fliesen abgedeckt ist; die Gründung und der 0,30 — 1 mn. hohe Sockel bestehen aus gehauenen Steinen, in Entfernungen von etwa 125 m. stehen Thürme, im ganzen etwa 24000 an der Zahl; die größten derselben sind 12 m. ins Quadrat groß u. 15 m. hoch u. jeder enthältüber kleinen Gemächern einen viereckigen Säl mit drei rundbogigen Tonnengewölben, durch zwei Reihen von je drei Rundbögen auf zusammen vier Pfeilern gestützt. Wo Hauptpässe durch die Mauer führen, erweitert sich dieselbe zu einem förmlichen Fort; über den Straßendurchzügen erheben sich gewölbte Thore mit Thürmen. Die Chinesen waren also schon im 3. Jahrh.; v. Chr. mit der Wölbung vertraut. Viel später ist die innere große Mauer, welche drei Provinzen durchschneidet. Gleich der Landesmauer, 3 zeigen die älteren Stadtthore, die Brücken der der Steinbau bereits hohe technische u. eine schüchtern beginnende künftlerische Ausbildung erlangt hatte, welche geschlagen haben w schmucklos, hinter denglatten geböf chten Mauern in reichem Goldschmuc strahlende Kapellen u. Hallen bergend. Auch andere Bauten dieser Zeit, darunter viele Befestigungen, B. die Untertheile der Mauer von Peking, Haaraltersiren sich durch geböschte Anlage der Mauern,‚ Ausführung in Ziegel, Lehmziegel u. Pisée, mit nur seltener Anwendung von Hausteinen, und gegen Ende der Periode unter Auszierung mit Porzellanfliesen und glasirten Ziegeln, aber ohne alle eigentliche architektonische Gliederung. J dieser Periode begann auch der Holzbau, theils vom Ta⸗ „tarenzelt, theils von den aus Birma, Siam etc. her eingeführten Pfahl⸗ und sonstigen Holzbauten ausgehend, sich allmählich zu entwickeln. Die drikte periode mag etwa von 1368 —- 1800 zu sednn sein. Das eigentliche Baugerippe besteht aus Holz. Die Fache sind mit Ziegel od. Lehm ausgesetzt. In den Formen ist nicht das dem Fachbau natürlichste System des Gerähmes, sondern eher das des Zeltes zum Ausdruck gebracht. Neben der phantastischen Verzierung aber fällt namentlich das Bestreben nach Glätte und Sauberkeit ins Auge; die häufige Verwendung der Porzellanfliesen hat dieses Bestreben begünstigt, sowie die Kunstfertigkeit der Chinesen in Schnitz⸗ Lackirarbeiten. Auffallend ist oft die Aehn-Die Wohnhäuser glichen in dieser Periode in der Disposition vielfach den römischen; durch eine Hausflur in den Hof gelangend.fand man hier zunächsteinen größeren Säl, der sich nach Süden zu gegen den Hof öffnete, um dem gleich als Garten eingerichtet war, dafern nicht ein größerer Garten sich anschloß; dieHäuser Aermerer waren im Anfang fast sämtlich, später doch noch zum Theil, besonders in entlegenen Provinzen, in Erde u. Lehm mitgeböschten Mauern aufgeführt, zum andern Theil mit ausgestakten Fachwänden versehen. Auf die ziemlich weitliegenden Sparren legte man Rohrmatten u. auf diese Rohr mit Lehm durchmischt oder Ziegel. Bereits im 16. Jahrh. war in den nördlichen Provinzen die Verwendung sehr enger Essen auch bei Armen, bei Wohlhabenden sogar eine Art Luftheizung unter dem Fußboden allgemein, Vornehme bauten nicht höhere, aber ausgedehntere Häuser. Der Vordereingang hatte bei Häusern der Mandarinen 3 Eingänge, der erste Vorhof diente als Wartesäl. In den zweiten Hof führten wieder 3 Thüren u. er diente als Gerichtssäl. Der dritte Hof war die Männerwohnung, ein vierter das Frauenhaus. Fußboden, Sockelwürfel, Säulen u. Thürgewände bestanden häufig aus Marmor, die Wände aus gebrannten Ziegeln mit Kalkputz od. Fliesbeleg. Die Zimmer öffneten sich häufig auf Galerien od. Säulenhallen. In der Regel waren die Gebäude blos einstöckig; war ein zweites Stockwerk aufgesetzt, so sprang es zurückgegen das untere. Giebeldächer kamen nur selten vor; die Dächer waren mit Bambus od. mit glasirten Hohlziegeln gedeckt u. oft glänzend goldgelb. Die Dachkonstruktion war meist nach Fig. 1104 rechts gestaltet, wodurch das Dach bei der Einsenkung der Rohrmatten, die statt der Schalung dienen, etwas Zeltähnliches erhielt, obschon man dieses Einbiegen durch Verlängerung der Sparren (vgl. Fig. 1104 links) nach unten u. durch die runden Pfetten thunlichst vermindert. Da nun die Gratsparren u. die weitläufig stehenden Binder die Schneppe erhielten, so zerstört. Der Taa auf goldenen Insel, Fig. 1105, ist zwar kleiner, aber sonst ihm ähnlich, d. h. aus Ziegel und Fliesen erbaut. Der Thurm der donnernden Winde aber, der noch als Ruine rothem Marmor. Auf den Spitzen solcher Thürme (s. Fig. 1105 und 1106) stehen oft hohe Mastbäume mit großen Kugeln an ihrer Spitze, umgeben von spiral-Fförmig frei um den Baum sich hinanwindenden eisernen Bändern, ein Motiv, welches wirmit geringen Abändein den noch mehr erhöhten innern Tempelhof gelangt. Hier nun erhebt sich der eigentliche Tempel, ebenfalls auf einer Terrasse. Kleinere sind häufig polygon im Grundriß und ähneln dann, da sie sich mindestens inzwei, oft in drei Stockwerken erheben, einigermaßen dem Taa; größere jedoch sind meist viereckig u. haben einen Taa neben sich. Doch kommen auch kleine viereckige vor, s. Fig. 1108. Der Hauptraum, meist von leichten Hallen auf Holzsäulen umzogen, ist ein großer Säl (Ting), in welchem das Bild der Gottheit in einem Tabernakel aufgestellt ist, das nach oben in einem Taa endigt. Den Vorhof umziehen Säulenhallen, hinter denen sich Zellen für die Priester anreihen; zweistöckige Pavillons ragen an den Ecken der Höfe empor, welche durch reich verzierte, den oben erwähnten Ehrenthoren ähnliche Portale zugänglich sind. Die älteren Begräbnisse der Chinesen bestehen aus runden Grabhügeln mit Steinsockeln u. steiler Böschung; auf den neueren Begräbnisplätzen aber finden sich Denkmäler in den manchfachsten Formen; s. Fig. 1010. Die Miaoh's sind Ehrendenkmäler in Form von Tempelzellen. Auch sie stehen auf Terrassen, durch Freitreppen zugänglich und mit Brustwehren versehen; s. Fig. 1108. Was nun die Details der Bauten betrifft, so sind dieselben höchst manch fach, durchgängig aber sehr phantastisch. Außer Stein u. Holz dient als Material dazu auch Papiermaché, Elfenbein, Bronze u. Bambusrohr bis 1109 ohne weitere Erläuterung anschaulich machen. Fig. 1109 ist im Anfange dieses Jahrh. erbaut u. zeigt in den Formen einen bedeutenden Fortschritt in organischer Durchbildung, in der Disposition einen gewissenEinfluß ostindischer Anlage, vermuthlich durch Tibet od. Siam vermittelt. Die links sichtbare Gebäudeecke egeigt deutlich die neuere Gestaltung der Dächer. Auch Fig. 1103 gehört unserm Jahrh. an und zeigt ebenfalls eine mehr zimmermännische Durchbildung als Fig. 1102, während die übermäßig mächtige Gestaltung des Dachs durch den monumentalen Zweck gerechtfertigterscheint. Die Säulen haben jetzt durchweg Füße, was früher fehlte. Leider ist trotz dieses Anlaufs zum Besseren zu fürchten, daß derselbe bald ins Stocken kommen wird. Da nämlich die chinesische Kultur nicht mehr frisch und lebendig ist, so wird keine neue Phase des chinesischen Stils aus dieser Aufnahme fremder neuer Formen hervorgehen, sondern der Stil wird untergehen, dafern nicht irgend eine, jetzt kaum vorauszusehende Umwälzung dem ganzen Volk eine frische Lebensader eröffnet, die es zu neuem selbstthätigen Streben anspannt.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 42Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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