FeedFranc (Sebastian)
ReligionBrockhaus 1882

Franc (Sebastian), s. Frank. Waisenhauses und vieler damit verbundener Anstalten, geb. 22. März 1663 zu Lübeck, war der Sohn des dortigen Domsyndikus und erhielt seine erste Bildung auf dem Gymnasium zu Gotha, wohin sein Vater 1666 als Justizrat berufen wurde. Er studierte zuerst zu Erfurt, hierauf zu Kiel drei Jahre lang Theologie und ging 1684, nachdem er anderthalb Jahre in der Heimat hauptsächlich dem Studium der hebr. Sprache obgelegen, nach Leipzig, wo er sich 1685 habilitierte. Von großer Wichtigkeit für ihn wurde das mit mehrern Magistern 1686 eröffnete Collegium philobiblicum, eine Gesellschaft, worin die Bibel erst philologisch aus dem Grundtext, dann praktisch erklärt wurde. Im J. 1687 ging er nach Lüneburg, um unter Anleitung des dortigen Superintendenten Sandhagen, eines berühmten Exegeten, sich in der Exegese zu üben. Nachdem er sich dann eine Zeit lang in Vofpuedie und endlich bei Spener, der damals Hofprediger in Dresden war, aufgehalten, kehrte er 1689 nach Leipzig zurück. Hier begann er seine Vorlesungen wieder, aber in einem ganz andern Geiste und zugleich mit viel größerm Ersolge als früher; je größer aber der Zudrang dazu wurde, desto mehr wuchsen auch Neid, Anfeinduung und Verfolgung. Man suchte 1 weil er weniger Werth auf die damalige unfruchtbare u. Derdesetzte, als Irrlehrer verdächtig zu machen. Der berühmte Thomasius, der damals noch in Leipzig lehrte, nahm sich zwar seiner an und verteidigte ihn in einer eigenen Schrift; aber F. hielt es doch für geratener, den Verfolgungen auszuweichen und 1690 einen Ruf nach Erfurt als Diakonus an der Augustinerkirche anzunehmen. Doch auch Pre konnte er nicht lange in Ruhe bleiben. Seine Predigten, die sich mehr durch Herzlichkeit und warmen Eifer als homiletische Künsteleien auszeichneten und die mehr auf das Gefühl als auf überlieferung trockener Orthodoxie berechnet waren, wurden selbst von Katholiken so zahlreich besucht, daß man in Mainz Gefahr für die Religion fürchtete. So geschah es, daß F. unerwartet im nächsten Jahre (27. Sept. 1691) den Befehl erhielt, Erfurt binnen 48 Stunden zu verlassen. Er begab sich zu seiner Mutter und Schwester nach Gotha. Ein Ruf drängte jetzt den andern. F. sollte nach Gotha und nach Cobur als Professor an die dortigen Gymnasien, nach Weimar als Hofprediger kommen, zog es jedoch vor, 1692 nach Halle zu gehen, wo er an der neuerrichteten Universität zuerst in der philos. Fakultät die Professur der orient. Sprachen, später eine theologische übernahm. Zugleich erhielt er das Pastorat in der damaligen Amts⸗ jetzt Vorstadt Glaucha, weshalb auch diese der Sitz seiner Stiftungen geworden ist. Die Unwissenheit und Verwilderung der glauchaischen Gemeinde auf der einen, die Armut vieler Einwohner auf der andern Seite gaben seinem Bestreben, praktisch zu wirken, die erste Anregung. Er ließ die vernachlässigten armen Kinder an bestimmten Tagen und Stunden unterrichten und legte, als sich auch andere gegen ein wöchentliches Schulgeld von einem Groschen anschlossen und die Zahl der Kinder bis auf 60 gestiegen war, dadurch, daß er sie in verschiedene Klassen trennte und den Unterrichtsplan regelte, den ersten Grund zu den Schulanstalten. Dies geschah um Ostern 1695. In demselben Jahre gründete er auch eine Waisenanstalt, zwar mit nur geringen Mitteln, aber die Zahl der Waisen wuchs schnell, und bereits 1696 wurde ein eigenes Haus für sie eingerichtet, und als dieses nicht mehr ausreichte, 1698 ein neues Gebäude, das Vordergebäude der F.schen Stiftungen, erbaut, zu dem am 24. Juli der Grundstein gelegt wurde. Ebenso ging es mit dem Pädagogium, welches ebenfalls 1695 seinen Anfang nahm. Einige auswärtige Familienwünschten ihre Kinder unter F.s Augen erziehen zu lassen. Er mietete sie zuerst in Bürgerhäuser ein und stellte sie unter einen Inspektor; aber auch ihre Zahl mehrte sich so schnell, daß er für sie 1712 ebenfalls eine Erziehungsanstalt bauen mußte. Dazu kam noch eine Lateinische Schule und eine mit derselben verbundene Pensionsanstalt. Im Mai 1714 wurden 1075 Knaben und 700 Mädchen von 108 Lehrern unter F.s Leitung unterrichtet. Dazu verband er mit seinen eigenen Stiftungen noch die Cansteinsche Bibelanstalt (s. Canstein) und unter dem Schutze der dän. Regierung ein Missionsinstitut für Ostindien. Alle diese Anstalten erforderten sowohl bei ihrer Gründung als Erhaltung sehr bedeutende Summen. Aber sie flossen ihm reichlich und in wachsendem Maße zu. Der Umstand, daß er nicht eher die Mildthätigkeit in Anspruch nahm, als bis er etwas geleistet, der praktische Sinn, womit er alles angriff, die Uneigennützigkeit, welche auch seine Gegner anerkennen mußten, vor allem aber seine Stellung an der Spitze einer Partei, für welche allmählich die wohlhabendsten Familien gewonnen wurden, sicherten und erhielten seinem menschenfreundlichen Unternehmen eine große Teilnahme, zumal als die von den Landständen des Herzogtums Magdeburg nicht in freundlicher Absicht 1700 veranstaltete Revision der F.schen Stiftungen nur zu deren Gunsten ausfiel. Aus allen Gegenden Deutschlands, ja selbst aus dem Auslande gingen bedeutende Geldsendungen ein. Daneben lieferten mehrere Anstalten, die er einrichtete, allmählich eine wachsende Einnahme. Die Apotheke, die zunächst nur für die Stiftungen angelegt war, die Buchhandlung, deren Erweiterung Elers sorgte, vor allem aber die Medikamenten-Expedition gewährten zu manchen Zeiten einen sehr bedeutenden Ertrag. Nur auf diese Weise erklärt es sich, wie es F. möglich war, ohne alle Unterstützung der Regierung so große Anstalten auszuführen. F. behielt neben der Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VII. Leitung dieser Anstalten Kraft und Zeit genug sowohl zur Wahrnehmung seines Predigtamts als für seine gelehrten Studien. Er hielt seine Vorlesungen sehr regelmäßig und ließ es sogar an schriftstellerischen Arbeiten nicht fehlen. Die davon sind deutsch und ascetischen Inhalts. Bei aller Bewunderung, die man der Thätigkeit F.s 7 muß, darf man jedoch nicht verkennen, daß ie besondere pietistische Farbe seiner Theologie nachteilig auf ihn einwirkte. Auch in Halle war er fast fortdauernd in Streitigkeiten wie mit der Geistlichkeit, so mit der Universität verwickelt. Er starb 8. Juni 1727, worauf sein einziger zarh. Gotthilf F., der ohne Nachkommen verstarb, und sein Schwiegersohn Joh. Anast. Freylinghausen die Direktion leuer Stiftungen übernahmen. Das Eigentümliche der Franckeschen Stiftungen besteht jetzt wie zur Zeit des Stifters zuvörderst darin, daß in ihnen ein Komplex der verschiedenartigsten Schulen auf einem engen, leicht übersehbaren Raume zusammengedrängt und damit eine kleine Schulstadt begründet ist, welche zur Zeit (1883) folgende Anstalten umfaßt: eine Armen- und Freischule für Knaben und Mädchen (221 und 225, zusammen 446 Schüler), eine gehobene Bürer-Mädchenschule (469 Schüler), eine Borichule ürger-Knabenschule (584 Schüler), eine Vorschule für die höhern Lehranstalten (239 Schüler), eine höhere Mädchenschule (370 Schüler), ein Realgymnasium (484 Schüler), ein Gymnasium (die Lateinische Schule, mit 775 Schülern); zusammen: 8 Lehranstalten mit 3367 Zöglingen. Mit diesen Schulen sind noch immer verbunden: die Waisenanstalten und die Pensionsanstalt. Als Schule ist das Pädagogium 1870 eingegangen. Neben diesen Schul- und Erziehungsanstalten bestehen als erwerbende Institute: eine Apotheke, eine Buchhandlung und eine Buchdruckerei. Der Verlagskatalog der uter 16000. Ranum für die 50 Jahre 1832—82 allein über 1000 Nummern, darunter eine größere Anzahl wissenschaftlicher und praktisch pädagogischer Schriften in stetig sich wiederholenden Massenauflagen; die Druckerei arbeitet mit 12 Schnellpressen und einer Tiegelpresse. Ihre Einkünfte beiehen die Stiftungen theils aus Grundbesitz (drei ittergüter sind ihr Eigentum) und Kapitalvermögen, teils aus den Erträgen ihrer Institute, teils aus Staatszuschüssen. Was die innere Organisation der Schulen und Erziehungsanstalten anlangt, so ist natürlich manche Eigentümlichkeit im Laufe der Zeit verwischt. Der Unterricht hat zwar die religiöse Grundlage behalten, aber die Rna ahl der Betstunden ist aus pädagogischen Rücksichten vermindert. Das Die Rict hat dem Klassensystem weichen müssen. Die Disciplin hat ihren klosterartigen Charakter verloren, und es wird den Zöglingen die Teilnahme an Vergnügungen gestattet, die der Pietismus der Vorzeit nicht erlaubte. Aber anderes ist geblieben. Die Nachfolger im Direktorium erfreuen sich fortdauernd bestimmter Vorrechte. Sie ernennen ihre Kollegen wie ihre Nach-Baam sie vocieren die Lehrer und stellen die eamten an. Daneben verleihen sie die Stipendien und die Freistellen in den verschiedenen Schulen, der Pensionsanstalt und der Waisenanstalt ganz selb:ständig; wie denn die uterndem Arovf (die Anstalten stehen zunächst unter dem Provinzial-Schulkollegium) nichts ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung in dem Bereiche der Stiftungen anordnen. Dazu sind die Schulen und Erziehungsanstalten so organisiert, daß, wenn auch bei weitem nicht mehr in dem Maße wie früher, der Unterricht wenigstens zum Teil in den Händen junger Leute . Daher findet sich überall ein frisches, reges Leben, und F.s Stiftungen sind noch immer ein praktisches Seminar für Geistliche wie für Lehrer aller Art und erfreuen sich des Vertrauens in den weitesten Kreisen. In jüngster Zeit ist auch ein Seminar für Lehrer an höhern Schulen (Seminarium praeceptorum) und ein Lehrerinnenseminar mit ihnen verbunden. Im 24 seiner Stiftungen wurde F. 5. Nov. 1829 ein ehernes Standbild (modelliert von Rauch) errichtet. Vgl. F.s Stiftungen. Eine Zeitschrift von Schulze, Knapp und Niemeyer» (3 Bde., Halle 1792 — 96); Guerike, „August Hermann F. » (Halle 1827); Kramer, „Beiträge zur Geschichte August Hermann F.8 Galle 1861); Die Stiftungen August Hermann F.s in Haller (Halle 1863); derselbe, »Neue Beiträge zur Geschichte August Hermann F.s (Halle 1875); derselbe, August Hermann F., ein Lebensbild v (2 Bde., Halle 1880—82). „Fraucke (Karl Philipp), Mitglied der Provisorischen Regierung von Schleswig-Holstein, geb. 17. Jan. 1805 in Schleswig, studierte 1822—27 zu Göttingen, Heidelberg und Kiel die Rechte. Im J. 1827 trat er als Volontär in die schlesw.⸗holstein. Jauenb. Kanzlei in Kopenhagen, 1835 wurde er in das Generalzollkammer⸗ un ommerzkollegium versetzt. Hier stand F. 1835—48 an der Spitze der Zoll⸗ und Handelsangelegenheiten der Herzogtümer, bereitete eine durchgreifende Zollreform vor und führte auch die diplomatischen Verhandlungen, welche sich an diese Reform und das Verkehrswesen überhaupt knüpften. Als 24. März 1848 die Inkorporation des Herzogtums Schleswig ausgesprochen wurde, legte F. seine Amter nieder und verließ Kopenhagen. Die Provisorische Regierung der Herzogtümer ernannte ihn sofort zum Präsidenten des schlesw.⸗holstein. Regierungskollegiums. Als Abgeordneter eines schlesw. Wahldistrikts in die Deutsche Nationalversammlung gewählt, stand er auf seiten der konstitutionellen und erbkaiserl. Partei, nahm aber besonders regen Anteil an allem, was seine heimatlichen Angelegenheiten betraf. Auf die Entscheidung über den Waffenstillstand von Malmö übte er einen wesentlichen Einfluß. Seit Waffenstillstandsregierung bei der Centralgewalt, war es wesentlich seinen Bemühungen zuzuschreiben, daß die Centralgewalt Anstalten zu einer naf⸗ Nuch Führung des zweiten dän. Frarr 8 traf. Nach Auflösung des Parlaments kehrte F. in sein Vaterland zurück und übernahm im Aug. 1849 die Verwaltung des Finanzdepartements und H im Juni 1850 noch das der auswärtigen Ange ter die: & bis die Unterwerfung des Landes unter die Bundesexekution seiner patriotischen Wirksamkeit am 31. Fan. 1851 ein Ziel setzte. Da F. von den Dänen proskribiert worden war, eröffnete ihm im Oktober Herzog Ernst von Coburg-Gotha ein Asyl in seinem Lande und übertrug ihm erst das Präsidium der Landesregierung, später die Leitung des Ministeriums in Coburg. Als mit dem Tode des König-Herzogs Friedrich VII. im Nov. 1863 die ältere oldenb. Linie erloschen war, folgte F. dem Rufe des Herzogs Friedrich von Augustenburg zuerst nach Gotha, dann gegen Ende Dez. 1863 nach Kiel. F. trat hierauf in das vom Herzog Friedrich gebildete Ministerium und suchte in dieser Stellung die Ansprüche desselben auf die Herzogtümer geltend zu machen. Nach dem Scheitern dieser Ansprüche 1867 ins preuß. Abgeordnetenhaus gewählt, schloß er sich dem linken Centrum an. F. starb zu Kiel 23. Febr. 1870.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 64Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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