FeedFallmerayer (Jak. Phil.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Fallmerayer (Jak. Phil.), hervorragender Geschichtsforscher, Schriftsteller und Reisender, geb. 10. Dez. 1790 zu Tschötsch bei Brixen als Sohn eines armen Landmanns, kam in seinem 13. Jahre als Domschüler nach Brixen, verließ aber im Spätherbst 1809 heimlich die Anstalt und ging nach Salzburg. Mit großem Eifer widmete er sich hier der Theologie, daneben aber auch dem Studium der semit. Sprachen und der Geschichte. Dann ging er auf die Universität nach Landshut, wo er anfangs Jurisprudenz studierte, sich aber bald ganz der Geschichte, der klassischen Philologie und Sprachkunde zuwandte. Nachdem er den Freiheitskriegen in einem bayr. Infanteriebataillon beigewohnt, trat er 1818 aus dem Militärdienste und erhielt eine Lehrerstelle erst am Gymnasium zu Augsburg, dann 1821 am Progymnasium zu Landshut, 1826 eine Professur am neuerrichteten Lyceum daselbst. Im Sommer 1831 folgte F. der Einladung des russ. Generals Grafen Ostermann-Tolstoy zu einer Reise in den Orient. Er besuchte mit demselben zunächst Agypten, dann Palästina und Syrien, Cypern, Rhodus, hielt sich längere Zeit in Konstantinopel auf und kehrte dann über Griechenland und Neapel in die Heimat zurück, wo er inzwischen seiner Stelle entsetzt worden war. Es erfolgte nun zwar 1835 seine Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften zu München, doch konnte er nicht die Erlaubnis zu Vorlesungen an der Universität erlangen. Durch die zunehmende Herrschaft der röm. Partei in Bayern beengt, verließ er im Sommer 1836 München wieder, ging durch das südl. Frankreich nach Florenz, Rom und Pisa und brachte vier Jahre größtenteils bei dem Grafen Ostermann-Tolstoy in Genf zu. Er unternahm 1840 eine zweite Reise in den Orient, die Donau entlang in das Schwarze Meer, nach Trapezunt und Konstantinopel und besuchte auch den Berg Athos, Macedonien, Thessalien und einen großen Teil von Griechenland. Schilderungen aus diesen zweijährigen Wanderungen erschienen zuerst in der (Allgemeinen Zeitungo und dann mit einer berühmten Vorrede in den klassischen Fragmenten aus dem Oriento (2 Bde., Stuttg. 1845; 2. vermehrte Aufl. in einem Bande mit Einleitung von G. M. Thomas, Stuttg. 1876). Von einer dritten Reise, die er im J. 1847 über Konstantinopel nach Palästina, Syrien und Kleinasien unternahm, rief ihn während der Bewegungen von 1848 die Verleihung einer Professur der Geschichte in die Heimat zurück. Von München in die Deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt gewählt, nahm F. seinen Platz im linken Centrum und folgte später dem Reste der Versammlung nach Stuttgart, was ihm den Verlust seiner Professur an der Universität in München zuzog. Den Winter 1849 auf 1850 verlebte F., steckbrieflich verfolgt, in Appenzell und St.⸗Gallen, bis der Amnestieerlaß ihm im April 1850 die Rückkehr nach Deutschland gestattete. Er hielt sich seitdem meist in München auf, wo er in der Nacht vom 25/26. April 1861 plötzlich starb. Von F5 frühern wissenschaftlichen Arbeiten sind besonders hervorzuheben: die von der Kopenhagener Gesellschaft der Wissenschaften gekrönte 4Geschichte des Kaisertums Trapezunto (Münch. 1831), wozu später in den Abhandlungeno der münchener Akademie auch Quellenbelege erschienen, und die «Geschichte der Halbinsel Morea im Mittelalter o (2 Bde., Stuttg. 1830—36). Das in letzterm Werke über die fast gänzliche Ausrottung des autochthonen Hellenentums im Mittelalter und die großenteils slaw. Abstammung der heutigen Bewohner des griech. Festlandes dargelegte Forschungsergebnis, welches er später unter anderm auch in den Untersuchungen über «Das albanes. Element in Griechenlande (3 Abteil., Münch. 1857-60) weiter zu begründen suchte, hat zu vielen litterarischen Streitigkeiten geführt und außerhalb wie in Griechenland zahlreiche Gegenschriften hervorgerufen; während Gelehrte wie Hase, Tafel, Schlosser ihm in der Hauptsache beipflichteten, suchten andere diese Aufstellung zu widerlegen oder zu beschränken, wie namentlich Hopf in seiner 4«Geschichte Griechenlands vom Beginn des Mittelalters bis auf unsere Zeito (in Ersch und Grubers «Allgemeiner Encyklopädies, Sektion 1, Bd. 85). F.s „Denkschrifteno über Golgatha und das Heilige Grab (1852) und über das Tote Meer (1853) wurden aus den «Abhandlungeno der münchener Akademie besonders abgedruckt. Die nach F.s Tode von Thomas besorgte Ausgabe seiner Gesammelten Werke y (3 Bde., Lpz. 1861) enthält außer den „Neuen Fragmenten aus dem Oriento auch eine große Anzah polit. und kultur? histor. Aufsätze, sowie 1091906 Kritiken.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 550Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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