FeedFriedrich Wilhelm (Nikol. Karl)
GeschichteBrockhaus 1882

Friedrich Wilhelm (Nikol. Karl), Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen, Generalfeldmarschall, geb. 18. Okt. 1831 im Neuen Palais bei Potsdam als einziger Sohn des Königs, spätern Kaisers Wilhelm J., erhielt durch vorzügliche Lehrer (besonders Ernst Curtius) eine tüchtige wissenschaftliche Bildung. Im J. 1849 trat er in das 1. Garderegiment ein, 1850 besuchte er die Universität Bonn. Er trieb mit Vorliebe geschichtliche Studien und besitzt den Doktorhut der Universitäten Königsberg, deren Rektor er auch ist, Bonn und Orford. Seine ersten kriegerischen Erfahrungen sammelte er 1864 in Schleswig, ohne sich unmittelbar an den Kämpfen zu beteiligen. Die Schroffheit des Ministeriums Bismarck und dessen schleswig-holstein. Politik waren ihm anfangs nicht sympathisch; doch lernte er bald Bismarcks staatsmännische Größe hochschätzen und holte in allen wichtigen Momenten dessen Rat ein. Im Deutschen Kriege von 1866 wurde dem Kronprinzen als jüngstem der Feldherren das Oberkommando über die Zweite preuß. Armee übertragen. Von Glatz und Neisse aus rückte er 26. Juni in Böhmen ein, passierte die gefahrvollen Gebirgspässe, siegte am 28. bei Nachod und Trautenau, am 29. bei Skalitz und Schweinschädel und trug in dem großen Entscheidungskampfe bei Königgrätz, wo ihm die Rolle Blüchers bei Waterloo zugefallen war, durch sein rechtzeitiges Erscheinen bei Chlum am Mittage des 3. Juli wesentlich zum Siege bei. Auf dem Schlachtfelde übergab ihm König Wilhelm den Orden pour le mérite. Seine Erlebnisse während dieses Feldzugs legte er in einem nur für einen engen Kreis bestimmten Werke: Erinnerungen aus dem Kriegsjahrey (nicht im Buchhandel erschienen), nieder. Bei Gelegenheit der Eröffnung des Suezkanals unternahm er eine Reise nach Agypten und Palästina, die er in «Meine Reise nach dem Morgenlande 1869 v (nur in 40 Exemplaren, ebenfalls nicht im Buchhandel) beschrieb. Bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 erhielt er den Oberbefehl über die Dritte Armee und damit über die süddeutschen Truppen. General von Blumenthal war, wie schon 1866, sein Generalstabschef. Am 26. Juli verließ er Berlin und begab sich über Leipzig, München, Stuttgart, Karlsruhe nach dem Standorte der Dritten Armee. Gleich die ersten Erfolge dieses Kriegs wurden ihm zuteil. Unter seinen Augen erfocht die Dritte Armee 4. Aug. einen glänzenden Sieg bei Erstürmung von Weißenburg und des dahinterliegenden Gaisbergs und trug am 6. unter seiner ührung den großen —.— bei Wörth über Maclahon davon. Am 16. Aug. rückte aunser Fritzo, wie er von seinen Truppen genannt wurde, in Nancy ein. Während der Kämpfe um Metz blieb er dort zur Deckung stehen und ging dann auf einer südl. Linie über Commercy, Bar-le-Due, Point-dujour und Vitry vor, um unter Mitwirkung der Maasarmee eine Vereinigung zwischen Bazaine und Mac-Mahon zu verhindern und dem letztern den Rückzug nach Paris abzuschneiden. Am 1. Sept. schlug er mit dem Kronprinzen von Sachsen unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen den Feind gänzlich bei Sedan. (S. Deutsch-Französi⸗ 1 scher Krieg.) Am 6. Sept. richtete er einen Auf: ruf an alle Deutschen, eine Invalidenstiftung für Deutschland zu begründen. Vor Paris kämpfte er 19. Sept., am 1 der Einschließung der Weltstadt, siegreich bei Villeneuve und Montrouge und hielt seitdem mit seiner Armee die Linie Bougi-Choisy-le-Roi-Bonneuil. Er blieb im Großen Hauptquartier des Königs zu Versailles und wurde zugleich mit dem Prinzen Friedrich Karl 28. Okt. zum Generalfeldmarschall ernannt, welche Würde bis dahin nach einem alten Familiengebrauche in Brandenburg und Preußen den Prinzen des regierenden Hauses nicht erteilt worden war. Ein Erlaß vom 18. Jan. 1871, dem Tage der feierlichen garerlele de des Königs Wilhelm zum Deutschen Kaiser, legte dem Kronprinzen die Würde „Kronprinz des Deutschen —w17 mit dem Prädikat Kaiserliche Hoheito bei. Nach Unterzeichnung der ulles und traf um verließ er 7. März 1871 Versailles und traf am 20. in Berlin ein, wo er am 22. das Großkreuz des Eisernen Kreuzes erhielt. Bei den festlichen Einzügen der rückkehrenden Truppen in Berlin (16. Juni) und München (16. ch o ward er vom Volke mit Jubel begrüßt, der ich bei seinen Reisen nach Süddeutschland als Generalinspekteur der vierten deutschen Armeeinspektion stets erneut. F. fungiert auch als Präsident der Landesverteidigungskommission. Sein Interesse verbreitet sich gleichmäßig über alle Zweige des Lebens. Sein edler, offener, fester Charakter, sein herzliches Wohlwollen und seine biedere Leutseligkeit erwerben ihm die Liebe von jedermann und haben 900 nicht nur in Preußen, sondern auch im übrigen Deutschland sehr populär gemacht. Mit besonderm Eifer fördert er alle wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen, wie besonders seiner Mitwirkung die Inangriffnahme der Ausgrabungen zu Olympia zu danken ist. Bei verschiedenen offiziellen Gelegenheiten fungierte er teils als Begleiter des Kaisers, teils als dessen Vertreter; in letzterer Beziehung 1873 bei Eröffnung der wiener Weltausstellung und bei seiner auf Einladung des Königs Oskar II. erfolgten Reise nach Schweden und Norwegen, wobei er die dän. Königsfamilie in Fredensborg besuchte, 1875 bei dem König Victor Emanuel in Neapel, 1878 bei dem Leichenbegängnis Victor Emanuels in Rom, vom Juni bis Dezember als Leiter der Regierungsgeschäfte (nach dem Nobilingschen Attentat), als welcher er 10. Juni mit dem Papste Leo XIII. korrespondierte, 1881 in Petersburg bei dem Leichenbegängnis des Kaisers Alexander II. von Rußland. Seit dem 25. Jan. 1858 ist F. vermählt mit Victoria Adelheid Maria Luise, Prinzeß Royal von Großbritannien und Irland, geb. 21. Nov. 1840. Dieser Ehe entsprossen vier Söhne und vier Töchter. Von jenen sind zwei gestorben: Prinz Sigismund, geb. 15. Sept. 1864, gest. 18. Juni 1866, und Prinz Waldemar, geb. 10. Febr. 1868, gest. 27. März 1879. Die noch lebenden Kinder sind: Prinz Wilhelm (s. d.), geb. 27. Jan. 1859, seit 27. Febr. 1881 vermählt mit der Prinzessin Augusta Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, welcher Che der Prinz Friedrich Wilhelm (geb. 6. Mai 1882) und der rinz Wilhelm Eitel Friedrich (geb. 7. Juli 1883) entstammen; Prinzessin Charlotte, geb. 24. Juli 1860, seit 18. Febr. 1878 vermählt mit dem Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen, aus welcher Ehe die Prinzessin Feodora (geb. 12. Mai 1879) entsproß; Prinz Heinrich, geb. 14. Aug. 1862; Prinzessin Victoria, geb. 12. April 1866; Prinzessin Sophie, geb. 14. Juni 1870; Prinzessin Margareta, geb. 22. 1010. 187²2.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 350Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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