Froissart (Jean), franz. Dichter und Historiker, 27 1333 zu Valenciennes, erhielt, zum geistlichen tande bestimmt, eine gelehrte Erziehung, wendete sich aber bald, im Verkehr mit dem Adel zum feinen Weltmann geworden, der Poesie zu. Als 1356 sein Gönner, der Herr von Beaumont starb, begab sich 10 nach England, wo er eine Beschützerin in Phiippe von Hennegau, Gemahlin König Eduards III., fand, die ihn zu weitern poetischen? ersuchen und zur Abfassung seines Geschichtswerks über die großen Ereignisse seines Jahrhunderts anregte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankreich kehrte er wieder nach England zurück, wurde Sekretär der Königin und erfreute sich als Dichter am engl. Hofe allgemeiner Beliebtheit. Im J. 1365 trat er seine Reise nach den Schauplätzen der Ereignisse an, die er in seinem Geschichtswerke zu schildern hatte, nach Schottland, Ostengland, Bretagne, Bordeaur, begleitete den Herzog von Clarence, als dieser sich mit der Tochter Galeazzo Viscontis II. vermählte, nach Italien und ordnete die Festlichkeiten an, welche Amadeus VI. von Savoyen dem Herzoge zu Ehren gab. Nach dem Tode seiner Gönnerin Philippe (1369) trat F. nach manchen Wanderungen als Dichter und Sekretär in die Dienste des Herzogs Wenzel von Brabant, dessen Voesien er mit eigenen zu einer Art Roman «Meliadors verband. Nach Wenzels Tode ging er in die Dienste des Grafen Gui de Blois, der ihn ermunterte, sein Geschichtswerk fortzusetzen, weshalb er (1388) eine Reise zu dem Grafen Gaston 1II. Foix unternahm, um aus dem Munde der an dessen Hofe lebenden bearnischen und gascognischen Ritter die Thaten zu hören, welche sie verrichtet. Auf der Reise dahin wurde er mit dem Ritter Messire Espaing du Lion bekannt, der allen Kriegszügen beigewohnt hatte und ihm so offene Mitteilungen darüber machte, daß der dieselben enthaltende Teil der vorzüglichste seiner Chronik ist. Nachdem er noch Reisen in Frankreich, England u. s. w. im Interesse seiner Chronik gemacht, starb er als Kanoniker zu Chimay nach 1400, vielleicht erst 1419. F.s Geschichtserzählungen, die von 1322—1400 gehen und in verschiedenen von F. selbst vorgenommenen Redactionen auf uns gekommen sind, tragen in Kolorit und Stil das Gepräge seines bewegten Lebens, sind schätzbare Dokumente des Charakters und der Sitten jener Zeit und lassen das Bestreben, unparteiisch zu berichten, nicht verkennen. Sie sind bekannt unter dem Titel Chronique de France, d'Angleterre, d' Ecosse, d'Espagne, de Bretagnep, wurden oft gedruckt und in die lat. und mehrere ledende Sprachen übersetzt. Altere gute Ausgaben sind die von Buchon (15 Bde., Par. 1824 -26) und die im Panthéon littéraire (3 Bde., Par. 1836; neue Ausg., Par. 1879); eine neuere ist die von Kervyn de Lettenhove (23 Bde., Brüss. 1870 fg.), der auch das erste Buch der Chronik nach F.s letzter Redaction (Brüss. 1863 fg.) veröffentlichte; die beste die von Luce (Par. 1869 fg.). Auch seine lyrischen und allegorisch-lyrischen Gedichte, unter denen die erstern Wert haben, wurden von Buchon (Par. 1829), besser von Scheler (3 Bde., Brüss. 1870 fg.) erausgegeben. Die schöne Handschrift der Chronik F.s in der breslauer Bibliothek, die einzige Kopie einer Redaction F.s vom gesamten Werke, wurde noch dadurch merkwürdig, daß man, als die Franzosen Breslau 1806 durch Kapitulation einnahmen, in einem besondern Artikel der Stadt den Befitz des Manustripts sicherte. Vgl. Kervyn de Lettenhove, F., étude littéraire sur je XIV‘ siècles (2 Bde., Par. 1857), besonders desselben Introduction o seiner Ausgabe der „Oeuvres de F., und Weber, Jean F. und seine Zeite (im «Histor. Taschenbucho, Ipz. 1871).