FeedGalvanokaustik
HeilkundeBrockhaus 1882

Galvanokaustik heißt in der Chirurgie die Anwendung der durch den galvanischen Strom erzeugten Glühhitze zu Heilzwecken. Dieselbe gründet sich auf die Thatsache, daß ein dünner Platindraht, welchen man in eine hinreichend starke galvanische Kette einschaltet, im Moment des Schließens der Kette in Glühhitze geräth und so lange glühend bleibt, als die Kette geschlossen ist. Auf die Benutzung dieser Hitzequelle für chirurgische Zwecke wurde durch den berühmten Physiker Steinheil zuerst Heider in Wien (1843) aufmerksam gemacht, und wenige Jahre später wandte Crusell in Petersburg einen glühenden Platindraht wiederholt zur Abtragung größerer Geschwülste an. Man kann hierzu nur einen Platindraht benutzen, weil alle übrigen Metalle bei dem erzeugten hohen Hitzegrade schmelzen. Ihre Einführung in die Praxis verdankt die G. aber erst Middeldorpf in Breslau (1853), der sie durch Erfindung zweckmäßiger Instrumente als eine allgemein verwendbare Operationsmethode in den Heilapparat eingeführt hat. Unter den letztern finden der Galvanokauter oder das galvanokaustische Messer, ein glatt gehämmerter, wellenförmiger Platindraht zur Spaltung von Fistelgängen und Durchtrennung von Weichteilen, der sog. Porzellanbrenner, ein von dem Platindraht spiralförmig umwundener Porzellankolben, welcher nach Art eines gewöhnlichen austische benutzt wird, und die galvanokaustische Schneideschlinge, ein dünner Platindraht, welcher in Form einer Schlinge um den zu durchtrennenden Körper herumgeführt und nach dem Schließen der Kette zusammengezogen wird, die ausgedehnteste Anwendung. Die an die der G. bestehen vor allem darin, daß man die höchsten uüberhaupt noch als Heilmittel anwendbaren Wärmegrade auf eine genau bestimmte und begrenzte Gewebsstelle von geringem Umfange einwirken lassen kann, ohne die benachbarten Teile zu verletzen, daß man vermittelst der galvanokaustischen Schneideschlinge im Stande ist, an sonst sehr schwer ugänglichen Stellen, wie in der Tiefe der Nasen⸗-, Mund⸗ und Rachenhöhle, im Kehlkopf, im Mastdarm u. —1. zu operieren, und daß endlich die eintretende Blutung in der Regel außerordentlich gering ist. In neuester ½ sind die zur G. erforderlichen physikalischen Apparate außerordentlich vervollkommnet worden, sodaß die G. nicht mehr, wie vordem, nur in den größern Hospitälern, sondern vielfach auch von den praktischen Arzten mit großem Vorteil angewandt und gehandhabt wird. Vgl. Middeldorpf, «Die G.» (Bresl. 1854); Bruns, Galvanochirurgies (Tüb. 1870); derselbe, «Die galvanokaustischen Apparate und Instrumente, ihre Handhabung und Anwendung» (Tüb. 1878); Amussat, Mémoires sur la galvanocaustique thermiquen (Paris 1876); Hedinger, «Die G. seit Middeldorpfo (Stuttg. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 508Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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