FeedGasäther
TechnikBrockhaus 1882

Gasäther, Gasoline, ist der flüchtigste Teil des rohen Petroleums, welcher aus demselben durch Destillation abgeschieden wird und zum Carburieren (s. d.) von schlechtem Leuchtgas verwandt wird. Beleuchtung von Straßen und Gebäuden mittels brennbarer Gase, welche man durch trockene Destillation geeigneter Körper, zumeist der Steinkohlen, in eigenen Anstalten erzeugt und mittels Röhren an die Orte ihrer Verwendung hinleitet. Schon am Anfange des 18. Jahrh. war es den Chemikern bekannt, daß man aus Steinkohlen ein leuchtendes Gas entwickeln könne, allein von den ersten Laboratoriumsversuchen an bedurfte es großer, wichtiger Schritte, bis die G. zu einem Industriezweige ausgebildet wurde und allmählich die Ausdehnung gewinnen konnte, die sie heute besitzt. W. Murdoch, ein engl. Darteuno war der erste, der überhaupt die stabe versuchte und mit Hilfe . Schülers S. Clegg auch zu Stande bra r, Gleichzeitig mit ihnen machte in Frankreich Le Bon Versuche, Leuchtgas aus Holz darzustellen und dieses zur — praktischen Beleuchtung zu verwenden; allein er hatte mit seiner sog. Thermolampe keinen eigentlichen Erfolg. Murdoch und Clegg beleuchteten zuerst einzelne Fabriketablissements. Um die Beleuchtung auf ganze Städte auszudehnen, galt es große Schwierigkeiten zu überwinden, mit Vorurteilen und solchen Hindernissen zu kämpfen, die im Eigennutz und veralteten Herkommen ihren Grund haben. Der Vorkämpfer in dieser Richtung war Winsor (eigentlich Winzler) aus Znaim. Behörden, Gelehrte und Publikum sträubten sich nach Kräften gegen die nach ihrer Meinung gefährliche Neuerung, und erst 1808 gelang es Winsor, einige Straßenlaternen in London einzurichten. Die erste Gasgesellschaft in London (Chartered Company) wurde 1810 vom Parlament bestätigt, und 1814 ließ das Kirchspiel St.⸗Margareths in London zuerst seine Ollampen durch Gaslaternen ersetzen, sodaß der 1. April 1814 eigentlich als Datum der Einführung der öffentlichen Beleuchtung der Städte mit Gas überhaupt anzusehen ist. Nachdem einmal der Anfang gemacht war, konnte es nicht fehlen, daß das neue glänzende Licht sich alsbald allgemein Freunde erwarb, und nachdem namentlich durch S. Clegg noch eine Reihe von technischen Verbesserungen eingeführt war, trat die neue Erfindung mit Erfolg ihren Weg durch die civilisierte Welt an. In Deutschland war man wohl zu Anfang des 19. Jahrh. mit der Destillation der Steinkohle und mit dem Gaslicht beschäftigt; Lampadius richtete 1816 in dem königl. Amalgamierwerk bei Freiberg, und Prechtl 1817 im Polytechnischen Institut in Wien die G. ein, allein die Gasindustrie als solche kam von England 1826 zu uns, indem zuerst die Städte Hannover und Berlin mae die Imperial-Continental-Gas-Association mit Steinkohlengas versehen wurden. Zwei Jahre später gelang es den Bestrebungen deutschen Geistes, mit den Engländern erfolgreich in Konlurrenz zu treten, 1828 richtete Blochmann die G. in Dresden ein, und unabhängig von ihm bauten Knoblauch und Schiele eine Olgasfabrik in Franksurt a. M. Seitdem hat sich die Gasindustrie in Deutschland selbständig fortentwickelt, und es sind jetzt nicht nur fast alle Städte von einiger Bedeutung, sondern auch eine Anzahl einzelner Fabriken und fonstiger Etablissements mit G. versehen. Steinkohlengas. Als Material für die Gasbereitung dient im großen und ganzen die Steinkohle. Die Verwendung von Braunkohlen, Holz, Torf, Teer, Fetten und Olen aller Art findet wohl zeitweilig und lokal daneben statt, allein die Steinkohle gibt, unterstützt durch den Wert der Nebenprodukte, im allgemeinen das billigste Gas. Die Entwickelung des Gases aus den Steinkohlen geschieht in sog. Retorten (s. Gasretorten), horizontalen Gefäßen von 2,5 bis 6 m Länge und verschiedenem Querschnitt von 40 —70 em Ausdehnung nach beiden Dimensionen, aus feuerfestem Thon (Chamotte). Man legt je nach Umständen eine bis zehn und mehr solcher Retorten in einen Ofen ein, welcher entweder direkt mit Coks oder Teer, oder mit Generatorgasen geheizt und anhaltend in heller Rotglühhitze erhalten wird. In Fig. 1—5 der Tafel Gasbeleuchtung ist ein Generatorofen neuester Konstruktion abgebildet, wie ein solcher auf der Gasanstalt zu München in Anwendung ist. Jede Retorte wird in Intervallen von drei bis sechs Stunden mit Steinkohlen gefüllt und das vordere offene Ende derselben alsdann mittels eines eisernen Deckels luftdicht verschlossen. So unter Abschluß der Luft der Rotglühhitze ausgesetzt, geht augenblicklich die Entwickelung der Dämpfe und Gase vor sich; der Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff der Kohle, sowie das Wasser, welches als Feuchtigkeit in derselben enthalten ist, und der Schwefel, der die Kohle fast immer in geringer Menge begleitet, alle diese Körper gehen untereinander die mannigfachsten Verbindungen ein und entweichen als ein Gemisch von Dämpfen und Gasen aus der Retorte, und zwar durch ein auf dem Mundstücke angebrachtes Aufsteigerohr, welches oberhalb des Retortenofens nach rückwärts umgebogen und wieder abwärts in eine große gemeinschaftliche Vorlage geführt ist. Wenn die Vergasung beendet ist, so bleiben in der Retorte als Rückstand die Coks zurück, die vor dem Einbringen einer neuen Kohlenladung herausgezogen und mittels Wasser abgelöscht werden. In der Vorlage (Hydraulik) finden nicht nur die Destillationsprodukte ihr erstes gemeinschaftliches Reservoir, sondern hier liegt auch der hydraulische Verschluß für die Aufsteigeröhren, damit beim Offnen der Retorten das Gas verhindert ist, rückwärts auszuströmen. Um dem Gase das Austreten aus den Retorten zu erleichtern und sowohl die Verluste zu vermeiden, die durch Entweichen aus undichten Retorten, als jene, welche durch Zersetzung des Gases bei längerm Verweilen in der heißen Retorte entstehen, wendet man Saugapparate endeidolen an, durch die man den Druck in den Retorten fast auf Null hält. Bei der Abkühlung des entwickelten Gas- und Dampfgemisches in den sog. Kondensatoren schlagen sich die meisten Dampfbestandteile in flüssiger Form nieder und bilden zwei Nebenprodukte der Gasfabrikation, den Teer und das Gaswasser. Beide werden in Gruben gesammelt, wo sie sich vermöge ihres verschiedenen spezifischen Gewichts selbständig scheiden, um alsdann verarbeitet zu werden. Der Teer dient als Heizmaterial, zum Anstrich, zur Dachpappen- und Asphaltfabrikation, zur Darstellung von Teerfarben; das Gaswasser zur Fabrikation von Ammoniakpräparaten. Das abgekühlte Gas bedarf noch einer weitern Reinigung, da es nicht nur immer noch Spuren von Teer, sondern auch noch Kohlensäure, Ammoniak- und Schwefelverbindungen enthält. Zur völligen Beseitigung des Teers bedient man sich der sog. Scrubber, großer, mit Coks, Ziegelsteinen, Holzspänen, Dornreisern gefüllter oder mit durchlöcherten Platten versehener vertikaler Cylinder, durch welche man zugleich Gaswasser oder reines Wasser in möglichst feiner Verteilung hindurchführt, um mit dem Teer auch einen Teil der noch vorhandenen Kohlensäure, des Ammoniaks und Schwefels zu absorbieren. Statt der vertikalen Serubber wendet man auch namentlich in England vielfach eigentliche Waschapparate an, und hat vor allen der sog. Standard Washer-Scrubber von Kirkham ausgedehnte Verbreitung gefunden. In Frankreich und neuerdings auch in Deutschland ist zu gleichem Zwecke der sehr kompendiöse Apparat von Pelouze vielfach in Gebrauch; dieser besteht aus einer schwimmenden, mit drei konzentrischen, fein durchlöocherten Wänden versehenen Glocke, in der das

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 568Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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