Gebirge heißt in der Geographie diejenige Form des Hochlandes, welche, verschieden von der Hochebene oder dem Plateau, aus Ketten oder Gruppen von Bergen (s. Berg) besteht, die eine bedeutende oder doch über 300 m betragende absolute Höhe haben und alsdann auch Gebirgsketten und Gebirgsgruppen genannt werden. Bilden dieselben ein durch Zusammenhang ihrer Teile und Gleichartigkeit ihres Baues, ihres Gesteins, d. i. ihrer Fels⸗ oder Gebirgsarten, für sich abgeschlossenes Ganzes, so heißt dieses ein Gebirgssystem. Die längsten Systeme haben Amerika und Asien; Europas Iadiges Werhal sind bei weitem kleiner. Ein regelmäßiges Verhältnis zwischen Längenausdehnung und Breite stellt sich nirgends heraus. Nach der Form der Grundfläche unterscheidet man Massengebirge und Kettengebirge. Die erstern bilden teils Gebirgsgruppen, die nach allen Richtungen von tief eingefurchten Thälern durchschnitten werden, wie der Harz, teils Hochebenen, auf denen einzelne Berggipfel, Berggruppen oder Ketten aufgesetzt erscheinen, wie das n und das Fichtelgebirge. Die Kettengebirge bestehen entweder aus einer einzigen Kette oder aus mehrern, die mehr oder weniger symmetrisch geordnet, mehr oder minder einander parallel laufen und durch Longitudinal-oder Längenthäler voneinander getrennt, hier und da wohl auch durch oder Querthäler durchbrochen werden, an andern Stellen durch Querketten oder Querjoche wieder in Verbindung stehen. Einfache Gebirgsketten stellen die Pyrenäen dar und die meisten andern G. der Spanischen Halbinsel, die Apenninen, das Riesengebirge, der Thüringerwald u. s. w.; parallele Ketten dagegen die meisten Hochgebirge der Erde, wie die europ. Alpen, der Himalaja, die amerik. Cordilleren, aber auch niedrigere G., wie 3Z. B. der Schweizerjura. Unter den Kettengebirgen unterscheidet man wieder nach der Hauptrichtung ihrer Längenausdehnung solche, die aus Meridianketten, und solche, die aus Parallelketten zusammengesetzt sind; jene streichen ungefähr in der Richtung der Meridiane von Norden gegen Süden, diese in der Richtung des Äquators oder der Parallelkreise von Osten gegen Westen; jene herrschen in der Neuen, diese in der Alten Welt, besonders in Asien vor. Die diagonale Richtung von Nordwesten gegen Südosten oder von Nordosten gegen Südwesten findet sich am häufigsten in Europa, z. B. in den Sudeten, dem Thüringer-und dem Böhmerwalde, dem Jura u. s. w. Der Vereinigungspunkt mehrerer Ketten heißt Gebirgsknoten oder Gebirgsstock, wie z. B. das Fichtelgebirge. Die von der Hauptmasse wie von einem Stamme seitwärts auslaufenden Ketten nennt man Gebirgsarme, Gebirgsäste, Gebirgszweige; alle zusammen bilden die Gebirgsverästelung. In Massengebirgen heißt im Gegensatz zu den umherliegenden, minder bedeutenden Bergen der centrale Teil der Gruppe der Gebirgskern. Eine besondere Gebirgsform bilden die Alpengebirge wegen ihrer sehr zackigen Oberflächengestaltung; man nennt ronier ihr solche, welche sich sehr hoch und schroff über ihre Umgebungen erheben und bei denen zugleich die Thäler und Pässe tief und schroff zwischen die Berge eingeschnitten sind, wie das bei den Schweizeralpen in so auffallender Weise der Fall ist. Nach der Stellung, die ein G. zu einer Hochebene oder einem Plateaulande einnimmt, unterscheidet man Plateaugebirge, besser Scheitelgebirge oder Scheidegebirge, d. h. solche, die über die Scheitelfläche einer Hochebene hinziehen und dieselbe in mehrere einzelne Hochflächen scheiden, wie der Thian-Schan und Kwen-Lün in Centralasien, das castil. Scheidegebirge in Spanien, und Randgebirge, d. h. solche, die den äußern Rand einer Hochebene bilden, wie z. B. der Himalaja der Belur-Tagh, der Altai, der Chingan den Sud., West⸗, Nord⸗ und Ostrand des ostasiat. Centralplateaus, das cantabrische und das andalusische G. den Nord⸗ und Südrand des castil. Plateaus in Spanien bilden. Solche Randgebirge haben auf der dem Plateau zugewendeten Seite eine kürzere, auf der ihm abgewendeten eine längere Senkung, während freistehende G. doppelseitige Gehänge haben, wie z. B. die Alpen und die meisten andern G. Europas. über die Abhänge der G. überhaupt hat man als Regel aufstellen zu können geglaubt, daß die Meridiangebirge gegen Westen uehi abgedacht sind als gegen Osten, die Parallelgebirge dagegen ihren Steilabfall auf der Südseite haben. Erteres ist auch wirklich der Fall bei den Cordilleren von Südamerika, bei dem skandinavischen G., bei dem Schwarzwald u. s. w.; letzteres bei dem Himalaja, den europ. Alpen, den Pyrenäen, dem Erzgebirge u. s. w. Es finden sich aber zu viele Ausnahmen von dieser Erscheinung, als daß sie als ein drographisches Gesetz gelten könnte. it Hinsicht auf ihre Höhe nennt man die G. nach einer freilich sehr schwankenden und willkürlichen Annahme Niedergebirge, Mittelgebirge und Hochgebirge, je nachdem sie eine mittlere absolute Höhe von 300—650, von 650—1600, von 1600—2300m und darüber haben. Hochgebirge werden dann auch Schneegebirge genannt, wenn ihre höchsten Teile über die untere Grenze des ewigen Schnees emporragen, also beständig mit Schneelagern und Eisfeldern bedeckt sind. Die höchste Gipfelerhebung eines G. heißt dessen Kulminationspunkt. Die höchsten Gebirgsgipfel der Erde finden sich im Himalaja. Diejenige Linie, welche die einzelnen Gipfel eines Gebirgszugs verbindet, heißt Rammlinie oder First, auch Grat, wenn diefelben spitzig und scharfkantig sind. Wasserscheide oder Hauptwasserscheide heißt der Rücken, wenn er die Grenze zwischen verschiedenen Flußgebieten oder Meergebieten bildet. Die Einbiegungen oder Einschnitte des Gebirgskamms bilden dessen Sättel oder Joche und heißen Gebirgspässe, auch Gebirgspforten (Puertos, Porte, Col, Colle, Tauer, Ghat) und Gebirgsthore, wenn sie Übergänge über den Gebirgsrücken von einem Abfall zum andern bilden; ihr Scheitelpunkt heißt Scheideck. Die Wege, welche mittels eines oder mehrerer Pässe quer über ein ganzes G. führen, werden Gebirgspassagen genannt. Sie sind teils fahrbar, teils nur gangbar für Fußgänger oder Maultiere, im letztern Falle Saumstraßen genannt. Die mittlere Kammhöhe der Hauptgebirge Europas, Amerikas und Asiens, welche am besten bekannt sind, nämlich der Schweizeralpen, der Cordilleren von Quito oder Ecuador und des Himalaja in Garhwal und Kamaon beträgt in dieser Ordnung 2350, 3570 und 4780 m, und es stellt sich die bemerkenswerte Erscheinung heraus, daß sie sich ziemlich verhalten wie die Zahlen 10, 15, 20. Ein anderes merkwürdiges Zahlenverhältnis der meisten Hauptgebirgsketten und mehrerer Nebengebirge besteht darin, daß die Höhe der Kulminationspunkte nahe das Doppelte der Kammhöhe beträgt; so im Himalaja, in den Anden von Quito, in den Schweizeralpen, im Kaukasus, im Schweizerjura, im Harz u. s. w. Bei andern G. ist die relative Erhebung über den Kamm geringer; so in den Pyrenäen, den Karpaten, dem Schwarzwald, den Vogesen, dem Böhmerwald, Erzgebirge, Fichtelgebirge, der Rhön und dem niederrheinischen G. „Die G. haben je nach ihrer Entstehungsweise, ihrer Gesteinsart, sowie der Richtung ihrer Schichten (die nicht von der Erstreckung des G. abhängig ist) einen sehr verschiedenen Bau, eigentümlich Be staltete Ketten, Kämme, Gipfel und Thäler. Besonders merklich aber tritt oft der Zusammenhang zwischen der verschiedenen geognost. Zusammensetzung des Gesteins mit den äußern Umrissen in den mannigfaltigen Formen der Berggipfel ins Auge. Der orographische Bau eines Landes hat entschiedenen Einfluß auf dessen hydrographische, klimatische und Vegetationsverhältnisse. Nicht alle Gebirgsarten haben gleichen Quellenreichtum, nicht alle werden in gleichem Grade und auf dieselbe Art vom Wasser, vom Wind und Wetter benagt und auf ihrer Oberfläche durch Verwitterung mit Fruchterde bedeckt. Mächtige G. bergen in ihren Schnee- und Gletschermassen unversiegbare Vorratskammern 1 Ströme. Höhe Gebirgsketten sind Wasserverteiler, zugleich Wind⸗ und Wetterscheiden oder Grenzscheiden des Klimas und häufig auch der davon abhängigen Vegetation. Sie bilden weit natürlichere und festere Grenzen der Völker, Sprachen und Staaten als die Stromlinien und geben ihren Bewohnern einen eigentümlichen Charakter, eine eigene Lebensweise, einen eigenen Gang ihrer Kulturentwickelung und Geschichte. Vgl. Sonklar von Innstädten, «Allgemeine Orographier (Wien 1873).