FeedGefällte
PflanzenreichBrockhaus 1882

Gefällte Blumen sind zu allen Zeiten geschätzt worden; vervielfältigte und dadurch intensiver wirkende Farbenflächen verleihen ihnen einen höhern Zierwert. Auch erhalten sie sich länger in ihrer Jugendfrische, als einfache Blumen derselben Art, da sie meistens nicht, wie die letztern, durch Erzeugung der Frucht erschöpft werden und da sie bei eintretender Erschlaffung des Zellgewebes einander tragen. Andererseits aber gehen durch die Füllung manche in der Modellierung und im Farbenkontrast beruhende Werte und ästhetische Besonderheiten verloren, bei manchen Rosen die edle Schaenform, bei der Gartenwinde der trichterförmige Bau, bei Sanvitalia procumbens die mit dem gelben Strahl kontrastierende dunkelpurpurne Scheibe, bei manchen Formen des Rittersporns und der Akelei der Sporn u. s. w. In den meisten Fällen aber ist Füllung gleichbedeutend mit einer Bereicherung der Blumen. Deshalb haben Gärtner in dem Glauben, durch besondere Kulturweisen und Manipulationen Blumenfüllung erzeugen zu können, sich viele Mühe gegeben, eine Bereicherung solcher Art herbeizuführen, wiewohl stets ohne Erfolg. Vielmehr tritt die Blumenfüllung ebenso spontan auf, wie andere Abweichungen von der typischen Form, wenn die betreffende Pflanzenspezies einmal begonnen hat, aus ihrem Charakter herauszutreten, und letzteres erfolgt je nach dem Grade ihrer Reizbarkeit, ihres Temperaments oder der Stärke der Einflüsse, denen sie unterworfen ist. Welcher Art diese Einflüsse sind, ist bisjetzt noch unerforscht geblieben, doch darf man annehmen, daß sie aus der Kultur der Pflanzenart unter häufig veränderten klimatischen und Bodenverhältnissen resultieren. Auf den natürlichen Standorten der Gewächse kommen Vorgänge solcher Art nur ausnahmsweise vor, z. B. bei dem Wiesenschaumkraute, auf den feuchten Wiesen des nördl. Abhanges des Thüringerwaldes sehr häufig, auch bei dem Schöllkraute, gelegentlich bei einigen Blütendolden der Vogelkirsche u. a. m. Im übrigen aber scheint es einer wiederholten Veränderung der Lebensverhältnisse zu bedürfen, um die Neigung zum Gefülltwerden bei den Kulturgewächsen zu wecken, und weiterhin einer aufmerksamen und konsequenten Zuchtwahl, um sie zu befestigen und in der beim ersten Auftreten der Füllung angedeuteten Form zu vervollkommnen. Dies ist der einzige Anteil, der dem Gärtner bei der Schöpfung gefüllter Blumen vergönnt ist. Es ist eine allgemein anerkannte Thatsache, daß die Füllung der Blumen in der Rückbildung der Staubgefäße (Staubblätter), nicht selten auch des Stempels (Fruchtblätter) in Blumenblätter bestehe. Dieser Vorgang ist nachgewiesen durch allmähliche übergänge zwischen Staub- und Blumenblättern, wie sie in manchen Blüten wildwachsender Pflanzen beobachtet werden, fast regelmäßig bei der Seerose (Nymphaea alba). Diese stufenweise Verbreiterung, besser Verblätterung, ist durch Fig. 1 der Tafel: Füllung der Blumen, Blume und Staubgefäße der genannten Pflanze darstellend, veranschaulicht. Es findet somit hier eine rückwärts schreitende Metamorphose (s. d.) statt. Aber mit dieser zugleich tritt in den meisten Fällen eine mehr oder minder erhebliche Vermehrung der Staubgefäße ein, welche sich der Mehrzahl nach ebenfalls in Blumenblätter umbilden. Aus der Vergleichung verschiedener Untersuchungsresultate geht hervor, daß Gesetzmäßigkeit den bei der Blütenfüllung auftretenden direkten oder indirekten Neubildungen der Zahl und der Form nach nicht zu Grunde liegt. Ja man darf annehmen, daß bei denjenigen Pflanzen, bei denen einmal die Neigung zum Gefülltwerden wach geworden, der Bildungstrieb im Bereiche der Blute geradezu unberechenbar ist. Bei der Levkoje sind alle Fortpflanzungsorgane, männliche sowohl wie weibliche, zu Blumenblättern umgebildet, und eine verhältnismäßige Zahl solcher Blätter wird, wie es scheint, durch direkte Neubildung erzeugt. Von gefüllten Levkojen ist somit eine Nachkommenschaft schlechterdings nicht zu erzielen. Es war daher eine Illusion praktischer Gärtner früherer Jahrzehnte, wenn sie dadurch, daß sie gefüllt blühende Individuen zwischen einfachen aufstellten, von diesen durch Einwirkung jener Samen zu gewinnen glaubten, welche einen reichen Prozentsatz gefüllt blühender Nachkommenschaft zu erzeugen im Stande wären. Die wahrscheinlich schon vor Jahrhunderten erwachte und nachmals bis zu einem gewissen Grade befestigte Neigung zum Gefülltwerden läßt sich nur durch die Wahl des Saatguts unterstützen. Bei den zahlreichen Farbenvarietäten der Levkoje ist schon von Haus aus der Prozentsatz gefüllter Blumen ein höchst verschiedener und es scheint dies wieder auf eine in verschiedenen Graden entwickelte Anlage zur Formwandlung zu deuten. Es gab Varietäten, die nur 5 bis 6 Proz. einfacher Blumen brachten, sodaß zwar der Bestand dieser Varietäten gesichert war, diese selbst aber als für Zwecke des Samenhandels untauglich cassiert werden mußten. Eigentümlich treten die Füllungsverhältnisse bei den Aquilegien auf. Die normale Blume ist hier durch einen fünfblätterigen kronenartigen, regelmäßigen Kelch und fünf zwischen den Kelchblättern dem Ringe einer unterständigen Scheibe eingefügte trichterförmige, nach unten in einen Sporn verlängerte Blumenblätter charakterisiert. Bei Aquilegia vulgaris, der einheimischen Art, hat sich die Füllung in zwei verschiedenen Formen vollzogen. Bei den sog. kappenförmigen Blumen stecken in dem Sporn eines jeden Blumenblattes drei bis vier gleichgebildete, während bei den sternförmigen mehrere Staubfädenkreise in flache, ausgebreitete Reihen von Blumenblättern umgewandelt, die Sporen aber fehlgeschlagen sind. Durch eine eigentümliche Füllungsweise waren manche der ältern gefüllten Formen von Fuchsien, z. B. Mr. Clapton und Madame Legrelle d'Hanis, charakterisiert. Bei diesen waren nur die Antheren eines Teils der weit über die Blume hinausragenden Staubgefäße in Blättchen umgewandelt (s. Tafel: Füllung der Blumen, Fig. 2), während die eigentlichen Füllblätter den Petalen vollkommen gleichgebildet und von gleicher Größe waren. In Betreff der letztern ist man zu der Annahme berechtigt, daß diese durch direkte Neubildung (Sprossung) entstanden sind, welcher überhaupt bei der Vervielfältigung der Blumenblätter ein gewisser Anteil zugeschrieben werden muß, obwohl der Beweis hierfür schwierig zu führen ist. Fig. 3 der Tafel zeigt zwei Formen des Schlafmohns (Papaver somniferum), in denen das Füllmaterial in verschiedener Weise gebildet ist. Bei der einen Form, dem Päonienmohn, sind die Füllblätter ganzrandig und den ursprünglichen Blumenblättern ähnlich, bei dem Schlitz- oder Federmohn zerschlitzt oder gefranst. Da trotz der zahlreichen Füllblätter noch normal beschaffene Staubgefäße genug übriggeblieben sind, auch der Fruchtknoten vollkommen wohl erhalten geblieben, so steht der Erzeugung von Samen ein Hindernis nicht entgegen, wie dies bei manchen andern Blumen, z. B. den dichtgefüllten Ranunkeln und Anemonen, der Fall zu sein pflegt. In Fig. 4 der Tafel ist eine Blume der japan.e Clematis Fortunei dargestellt; sie ist aus sechs bis acht Reihen zahlreicher, lang genagelter Blu-l menblätter zusammengesetzt, welche einen großen Büschel kurz gestielter Fruchtknoten umgeben. Bei den Campanulaceen sind die Füllungsverhältnisse im ganzen übereinstimmend. Eine normale Campanulablüte besitzt einen fünfspaltigen Kelch, eine glockenförmige Stempel. Korolle, fünf Staubgefäße und einen Stempel. Bei einer gefüllten Blume der Campanula Medium, der sog. Mariette (s. Fig. 5), finden sich der Kelch, drei ineinander geschachtelte Korollen, die dritte auf der Innenseite mit fünf senkrecht auf derselben stehenden Blattlappen, welche auf eingeschlagene und miteinander verwachsene Ränder in der Anlage freier Blumenblätter zu deuten schienen, fünf Staubgegefäße und der Stempel; bei einer andern Blume derselben Art der Kelch, eine Doppelkorolle, ein zweilappiges Füllblatt mit einem beiderseits anhangenden vertrockneten Staubfadenreste und ein Staubgefäß mit ausgewachsenem Mittelbande. Originell ist das Ansehen der Doppelblume von Primula elatior duplex, in welcher sich bisweilen sogar eine dritte Korolle erzeugt. Interessante Beispiele solcher Blumen finden sich unter andern bei einigen Spielarten des ägypt. Stechapfels, Datura fastuosa, und der Datura humilis des Gewächshauses. Ein diesen Doppelblumen ähnliches, aber in seinem Ursprunge sehr verschiedenes Blumengebilde verdient in mehr als einer Beziehung großes Interesse. Bei ihm wandelt sich der grüne Kelch in eine nach Substanz und Färbung der ursprünglichen nahe kommende, in der Form jedoch oft abweichende Korolle um. Sonach liegt hier eine vorwärts schreitende Metamorphose vor, während die Umwandlung von Staubgefäßen in Blumenblätter als eine rückwärts schreitende zu bezeichnen ist. Zu den interessantesten Blumengebilden solcher Art gehören Campanula Medium var. calycantheria (kelchblütige Varietät) und Mimulus hybridus duplex (Fig. 6). Bei jener gibt sich der Ursprung der äußern Korolle schon darin zu erkennen, daß sie fünflappig ist, wie vorher der Kelch gewesen, bei dieser in einer grün gebliebenen Partie derselben. Von den zur Familie der Kompositen gehörigen Gartenblumen besitzen viele eine stark ausgesprochene Neigung, gefüllte oder wenigstens in einem besondern Sinne gefüllt genannte Blumen zu erzeugen. Diese Blumen führen in der botan. Kunstsprache den Namen Blütenköpfchen. Bei ihnen umschließt ein sog. Hüllkelch zahlreiche Blüten, welche auf einem gemeinsamen Blüten-oder Fruchtboden stehen. Bald sind alle röhrig, bald alle blattartig, bald sind die innern röhrig und die des äußern Kreises sind blattartig. Bei der letztern Form des Blütenköpfchens stehen die innern röhrigen Blüten aufrecht und dicht gedrängt und bilden eine gelbe oder heller oder dunkler purpurne Scheibe, während die Blüten der Peripherie (Strahl) nur am Grunde röhrig, im übrigen aber blumenblattartig gebildet und ausgebreitet sind. Indem die Blüten der Scheibe in derselben Weise sich entwickeln wie die des Umfangs, des Strahls, wird die Kompositenblume gefüllt, ohne daß dadurch die Staubgefäße oder die Stempel in Mitleidenschaft gezogen werden. Letztere bleiben somit zur Zeugung geschickt, und die Blumen sind im allgemeinen ebenso fruchtbar wie diejenigen von normaler Beschaffenheit. Ein Anschein von Füllung entsteht auch dann, wenn die röhrigen Blüten der Scheibe nicht blattartig geworden, sondern bloß lang ausgezogen und vermehrt sind und auch die blattartigen des Strahls in langröhriger Form auftreten. Eine der wichtigsten Blumen dieser Kategorie ist die Aster (Callistephus chinensis). Bei ihr tritt die Entwickelung der röhrigen, fünfzähnigen Blüten der Scheibe in der verschiedenartigsten Weise auf, wodurch, in Verbindung mit den wechselnden Verhältnissen in der Tracht der Pflanze und dem besondern Charakter des Blütenstandes, viele mehr oder weniger bestimmt ausgeprägte Rassen entstanden sind. Eine außerordentlich große Anzahl von Formen und Farbenvarietäten ist seit 1731, wo die Urspezies vom Jesuitenpater d'Incarville aus China nach Europa gesandt wurde, aus dieser ursprünglich ziemlich unscheinbaren Pflanzenart hervorgegangen. Die beigegebene Tafel zeigt zwei dieser Formen: die Victoria-Nadelaster (Fig. 8), deren Blütenköpfchen nahezu kugelig gebildet sind (deshalb in England Tambour-Major), und die Victoria-Aster (Fig. 7), mit zungenförmigen, sich regelmäßig deckenden, flach ausgebreiteten, an der Spitze etwas nach unten gekrümmten Blüten. Fast noch bedeutender als bei der Aster ist die Vielgestaltigkeit in den Details des Blumenbaues bei der Georgine (s. d.). Zu den jüngsten Geschenken der Flora gehört Gaillardia picta var. Lorenziana (Fig. 9). Das Blütenkörbchen in seiner ursprünglichen Form besitzt eine Scheibe und einen einreihigen Strahl, dessen blumenblattartige Blüten einen dreizähnigen Saum und an der Mündung der stielartigen Röhre noch zwei kleinere Zähne besitzen, ein Beweis, daß eine solche Blüte nichts weiter als eine halbseitig blattartige Röhre ist, während die Blüten der Scheibe vollkommen kleine, fünfzähnige Röhren darstellen. In dem abgebildeten Blütenköpfchen aber sind auch die Blüten des Strahls, wie die der Scheibe, zu ziemlich lang ausgezogenen Röhren und die Zähne zu spitzen Lappen geworden und treten zu einem kugeligen oder halbkugeligen Ensemble von angenehmster Wirkung zusammen. Die Durchbildung und Befestigung dieser Form der .— 1 hat eine länger als zehnjährige Anstrengung gekostet. Der Anteil, welcher dem Gärtner bei der Blütenfüllung vergönnt ist, besteht, wie aller Variation gegenüber, nur darin, daß er zum Zwecke der Verstärkung der Neigung zum Gefülltwerden konsequent Samen nur von denjenigen Individuen aussäet, in welchen diese Neigung zur Umbildung der Staubgefäße in Blumenblätter am entschiedensten ausgesprochen ist, sodaß sie nach und nach und immer wieder durch Aussaat solcher Samen bis zu einem gewissen Grade sich befestigt und gleichzeitig die Füllung vervollkommnet wird. Andererseits besitzt der Gärtner ein Mittel, diese Neigung auf die Nachkommenschaft einfach blühender Individuen zu übertragen. Dieses besteht darin, daß er den Blütenstaub gefüllter Blumen, soweit sie dessen noch besitzen, auf die Narbe einfacher Blumen derselben Art bringt, letztere also künstlich befruchtet. Hierbei hat die Erfahrung gelehrt, daß Blütenstaub, welcher den den Füllblättern etwa noch anhängenden Staubbeutelresten entnommen wird, diese Neigung sicherer vererbt als derjenige, welcher von noch intakt gebliebenen Staubgefäßen stammt. Die gefüllten Petunien tragen, da der Stempel insolge des großen Aufwandes an Substanz und Kraft verkümmert ist, in der Regel keinen Samen, und es ist daher künstliche Befruchtung einfacher Blumen unerläßlich, wenn man sich überhaupt noch gefüllter Petunien erfreuen will.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 649Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Pflanzenreich 6