FeedGeibel (Emanuel von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Geibel (Emanuel von), einer der beliebtesten deutschen Dichter der Gegenwart, geb. zu Lübeck 18. Okt. 1815, studierte, auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt vorgebildet, seit 1835 in Bonn Theologie und Philologie, beschränkte sich aber bald auf philol. und sanderi Studien. In Berlin, wohin er 1836 ging, fand er in dem dichterischen Kreise Chamissos, Gaudys und Kuglers freundliche Aufnahme und reiche Anregung. Durch Savignys und Bettinas Vermittelung trat er 1838 als Hauslehrer bei dem russ. Gesandten in Athen, Fürsten Katakazi, ein. In dieser Stellung bereiste er mit seinem Landsmanne E. Curtius einen großen Teil des Archipels. Nachdem er 1840 nach Lübeck zurückgekehrt, verarbeitete er die in Griechenland gesammelten Stoffe und verband damit das Studium der franz. und span. Litteratur, welches er während eines längern Besuchs bei dem Baron Karl von der Malsburg auf Escheberg bei Kassel eifrigst fortsetzte. Seine ersten Gedichtsammlungen veranlaßten den König von Preußen um Neujahr 1843, ihm einen Jahrgehalt von 300 Thlrn. auszusetzen. Vielfach dichterisch thätig, lebte G. seitdem abwechselnd in St. Goar am Rhein mit Freiligrath, in Stuttgart, Hannover, Schlesien, Berlin und Lübeck, bis er im Frühjahr 1852 einem Rufe des Königs von Bayern als Professor der Asthetik an die Universität München folgte. Im J. 1868 kehrte G. nach seiner Vaterstadt Lübeck zurück, wo er seitdem seinen dauernden Aufenthalt genommen hat. Als Schriftsteller trat G. zuerst mit E. Curtius zusammen in «Klassische Studien » (Bonn 1840) auf, welche Übersetzungen aus griech. Dichtern enthalten. Diesen folgten noch in demselben Jahre seine „Gedichte (Berl. 1840; 99. Aufl., Stuttg. 1883), welche wegen ihrer Zartheit und Innigkeit der Empfindung, des musikalischen Wohllauts der Sprache und der formellen Vollendung außerordentlichen Beifall fanden. Weitere lyrische Dichtungen brachten seine «Zeitstimmeno (Lüb. 1841; 3. Aufl. 1846). Ergebnisse seiner Beschäftigung mit den roman. Litteraturen waren die „Span. Volkslieder und (mit Paul Heyse, Berl. 1852), der Romanzero der Spanier und Portugieseno (mit von Schack, Stuttg. Leuih und Fünf Bücher franz. Lyriko (mit Heinr. Leuthold, Stuttg. 1862). Einen Teil der Zeitstimmenv, das kleine Epos König Sigurds Brautsahrte (Berl. 1846; 4. Aufl., Berl. 1877), die meisterhaften &Zwölf Sonetten (Lüb. 1846) für Schleswig-Holstein und andere Dichtungen vereinigte G. in den „Juniusliederno (Stuttg. 1848; 23. Aufl. 1877), welchen später noch Neue Gedichter (Stuttg. 1856; 14. Aufl. 1875) und Gedichte und Gedenkblätterd (Stuttg. 1864; 6. Aufl. 1875), «Spätherbstblätterv (Stuttg. 1877; 4. Aufl. 1880), drei Sammlungen verwandten Inhalts, folgten. Eine Sammlung seiner polit. Gedichte ist unter dem Titel Heroldsrufe. Altere und neuere Zeitgedichter (1. bis 4. Aufl., Riche 2i 1871—72) erschienen. Ferner ist das «Klasgriech. und röm. Lyrik (Berl. 1875; 4. Aufl. 1883), zu erwähnen. Im Drama versuchte sich G. zuerst mit König Roderich (Stuttg. 1844); die Komposition 15 seinem Operntext Loreleiß wurde von Mendelssohn-⸗Bartholdy nicht mehr vollendet. Ein Lustspiel Meister Andreap (Stuttg. 1855; 2. Aufl. 187²) Hon and auf mehrern Bühnen zur Aufführung. Von größern dramatischen Arbeiten veröffentlichte er noch die Tragödien Brunhildo (Stuttg. 1857; 4. Aufl. 1877) und «Sophonisbes (Stuttg. 1868; 5. Aufl. 1877; 1869 mit dem Schillerpreise gekrönt). Eine neuere Dichtung ist: «Echtes Gold wird klar im Feuero (1. bis 3. Aufl., Schwer. 1882). Eine Gesamtausgabe seiner Dichtungen erschien unter dem Titel 4«Gesammelte Werke v (8 Bde., Stuttg. 1883 fg.). Eine ernste und wahrhaft fromme Religiosität ist ein Hauptzug seines Wesens und Schaffens. Wenn bei G. hier und da eine gewisse Weichheit der Empfindung hervortritt, so hat er sich doch auch als kraftvollen, kampfgerüsteten Dichter gezeigt, wie namentlich in den Sonetten und andern Gebichten für Schleswig-Holstein, die im kühnsten Aufschwunge dem Rechte das Wort redeten. Ein gleiches Rechtsgefühl spricht sich in allen seinen Zeitgedichten aus. Val. Gödeke, Emanuel G.ed (Bd. 1, Stuttg. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 680Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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