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AllerleiBrockhaus 1882

Genealogie (grch.) heißt die Wissenschaft von Ursprung, Folge und Verwandtschaft der Geschlechter. Wenn auch keine selbständige Wissenschaft, ist sie doch, insofern sie es namentlich mit merkwürdigen, einflußreichen Geschlechtern zu thun hat, ein sehr wichtiger Teil der Geschichte. Sie zerfällt in einen theoretischen Teil, welcher die Lehre von den genealog. Grundsätzen überhaupt enthält, und einen praktischen, welcher die Geschlechter selbst darstellt. Zur Versinnlichung der Abstammung und Verwandtschaft dienen die jetzt außer Gebrauch gekommenen Stammbäume, bei welchen der Ahnherr als Stamm, die Abkömmlinge als Zweige und Blätter dargestellt werden, welche aus jenem herauswachsen, und die Genealogischen Geschlechts⸗ oder Stammtafeln, welche den äl⸗ — Stammyater an die Spitze stellen und ihm alle bekannten Personen männlichen und weiblichen Geschlechts aus einer Familie in absteigender Linie anreihen. Eine andere Einrichtung haben die Ahnentafeln. (S. Ahnen.) Noch wichtiger als in rein wissenschaftlicher ist die G. in persönlicher und rechtlicher Beziehung, wo es sich um ewisse, aus der Verwandtschaft abzuleitende Anspru e handelt; so namentlich bei Erbschaftsstreitigkeiten. Die ältesten Spuren der G. finden sich in den Stammverzeichnissen der Helden der alten Welt, und schon die Israeliten hatten eigene Beamte, welchen die Anfertigung von Stammverzeichnissen übertragen war. Ein weiteres Feld fand dieselbe durch die größere Ausbildung der Staaten und vor allem durch die Gliederung der Staatsbürger in verschiedene, zum Teil bevorzugte Klassen. Der Mangel an Kritik in der Geschichte und die Sucht, den Großen zu schmeicheln, brachte seit dem 15. Jahrh. die sinnlosesten Fabeln in die G. Ahnen wurden erlogen und manche Geschlechter nicht nur auf die Zeit Karls d. Gr., sondern sogar auf die Helden des Trojanischen Kriegs zurückgeführt. Indessen vermögen nur wenige Familien der regierenden Fürstenhäuser und des hohen Adels ihre Ahnen über das 11. Jahrh. zurückzuführen, und zwar aus dem Grunde, weil erst um diese Zeit Familiennamen vorkommen, die im 12. und 13. Jahrh. nach und nach gewöhnlicher wurden. Bekannt als voll von falschen Angaben ist namentlich Rüxners «Turnierbuchb (Simmern 1527). Auch Reusner und Hennings, Ende des 16. Jahrh., konnten sich in ihren genealog. Arbeiten zu keiner wirklich histor. Ansicht erheben. Eine lichtvollere Behandlung der G. begann zuerst in Frankreich durch Duchesne, Saint-Marthe, Hozier, Chifflet, Lancelot le Blond u. a., in England besonders durch Dugdale. Rittershusius in Altdorf (gest. 1670) und Spener in Wittenberg (gest. 1730) waren die ersten, welche die G. auf den urkundlichen Beweis gründeten und sie mit der Heraldik (s. d.) verbanden. Die von ihnen betretene Bahn verfolgten dann in Deutschland Kö26⁰ von Imhof und namentlich Hübner in den 4Genealog. Tabellen „ (4 Bde., Lpz. 1725 — 33; neue Aufl. 1737—66), denen Lenz Erläuterungen⸗ (Opz. 1756), die Königin Sophia von Dänemark „Supplementtafeln (6 Lfgn., Kopenh. 1822 — 24) hinzufügte; außerdem rn Ranft, Eckhardt, Treuer, Gatterer, der durch seinen KAbriß der (Gött. 1788) die wissenschaftliche Behandlung derselben begründete; dann Pütter in den «Tabulae genealogicaen (6 Ofgn., Gött. 1768), Koch in den „Tables généalogiques des maisons souveraines d'Europes (deutsch, Berl. 1808), Voigtel in den „Genealog. Tabellen » (Halle 1810); Cohns „Stammtafeln zur Geschichte der deutschen Staaten und der Niederlandey (Braunschw. 1871) sind eine ganz selbständige neue Bearbeitung derselben. Fur den Handgebrauch eignen sich besonders Oertels 4Genealog. Tafeln zur europ. Staatengeschichte des 19. Jahrh.» (3. Aufl., Lpz. 1877) und Grotes „Stammtafeln »(Lpz. 1877). Eine sehr dende Arbei jedoch der detaillierten Daten entbehrende Arbeit ist Hopfs «Histor.⸗genealog. Atlas o (Bd. 1 u. 2, «Deutschlando, Gotha 1858 -61). Unter den vielen Genealogischen Taschenbüchern hat sich bis in die neueste Zeit der (Gothaische genealog. Hofkalendero (seit 1764, in deutscher und franz. Ausgabe) und das „Genealog. Taschenbuch der deutschen gräfl. Häusery (seit 1828) erhalten, wozu seit 1851 noch das (Genealog. Taschenbuch der deutschen freiherrlichen Häuser» gekommen ist. Ein 4Genealog. Taschenbuch der adeligen Häuser erscheint seit 1876 in Brünn.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 748Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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