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ErdkundeBrockhaus 1882

Georgien, russ. Grusien (bei den Alten Iberien, bei den Eingeborenen Kartlos, bei den Persern und Türken Gurdshistan genannt), eine zu Rußland gehörige transkaukas. Provinz, die, in der großen Einsenkung zwischen dem Kaukasus und dem armen. Gebirge liegend, den Hauptbestandteil der russ. Gouvernements Tiflis und Kutais bildet, renzt im N. an die kaukas. Bergvölker, im O. an Schirwan, im W. an das Schwarze Meer und im S. an Armenien. Der Name G. entstand erst im Mittelalter; sich selbst nannten die Einwohner Kartli, woher die Benennung Kartalinien oder Kartlos für das Land. Soweit G. gegenwärtig mit Einschluß von Imeretien, Kachetien, Mingrelien und Gurien auf die russ. Gouvernements Tiflis und Kutais verteilt ist, hat es einen Flächenzahl nach Georgier (s. d.), dem Rest nach eingewanderte Turkomanen, Osseten, Tataren, Armenier, Russen, Juden und Deutsche. Das frühere Oberhaupt der georg. Kirche (Katholikos) ist jetzt durch einen russ. Erzbischof ersetzt, der in Tiflis residiert. Nachdem von den Russen die Leibeigenschaft auch hier aufgehoben ist, hat sich die Lage des Bauernstandes, der früher ganz der Willkür des Adels preisgegeben war, bedeutend verbessert. Die Einwohner beschäftigen sich vorzugsweise mit der Weinbereitung, der Viehzucht und dem Ackerbau, doch wird letzterer noch auf sehr primitive Weise betrieben. Auch der Seidenbau und die Bienenzucht haben unter russ. Herrschaft Fortschritte gemacht. Die hiesigen Schafe 27½ fast ohne Ausnahme zu den Fettschwänzen, haben vortreffliches Fleisch, aber schlechte Wolle. Die georg. Pferde sind weniger schön als ausdauernd und sicher auf den steilen Gebirgspfaden. Unter den Gewerben blüht vorzüglich die Teppichweberei. Der Bodenbeschaffenheit nach gehört G. zu den fruchtbarsten und schönsten Ländern Vorderasiens. Das Klima ist im ganzen mild und gesund (+ 14 R. mittlere Temperatur), nur in den tiefer liegenden Gegenden, besonders in Mingrelien und im Osurgetischen Kreise, sehr heiß und ungesund. Die Gebirge sind reich an Metallen und Mineralien, die freilich noch sehr wenig ausgebeutet werden; auch mineralische Quellen gibt es hier in großer Menge; größere Waldungen aber von Eichen, Buchen, Nußbäumen, Ahorn u. a. finden sich nur auf den Abhängen der Gebirge. Bedeutendere Flüsse sind der antiquarisch wichtige Rion (Phasis der Alten), der in das Schwarze Meer fällt, und die nur stellenweise schiffbare, 1065 km lange Kura (oder Kur, Cyrus der Alten), die sich in das Kaspische Meer ergießt. Unter ihren zahlreichen Nebenflüssen sind Alasan und der Aras die größten. Der Weinstock sowie mehrere Obstbaumarten und der Baumwollstrauch wachsen wild; Reis, Weizen, Gerste, Hafer, Mais, Hirse, Sorgho, Tabak, Krapp und alle Arten Gemüse gedeihen in der fruchtbaren Ebene fast ohne Anbau und die Thäler liefern die schönsten Weiden. Außer einer großen Menge kleinen Wildes findet man hier Hirsche, Rehe, Wildschweine, Bären, Füchse, Schakale. Die Gewerbe sind fast gänzlich unentwickelt; von mehr Bedeutung ist der Handel mit dem Auslande. Holz, rohe Seide, Baumwolle, Wachs, Tabak, Mais, Früchte und Vieh sind die wichtigsten Exportartikel. Die bedeutendsten Städte des heutigen G. sind: Tiflis, die Hauptstadt des Landes, Achalzich, Jelisawetpol und Gori. Vagl. Bodenstedt, Die Völker des Kaukasuso (2. Aufl., 2 Bde., Frankf. a. M. 1855); Haxthausen, «Transkaukasiav (2 Bde., Lpz. 1856). Die Geschichte G.s beginnt von der Zeit, wo (am Anfange des 3. Fann v. Chr., nach dem Verfall der macedon. Herrschaft), Pharnawas die transkaukas. Völker in ein Reich vereinigte. In diese Zeit fällt auch die Entstehung der Schriftsprache der Georgier. Vom 1. Jahrh. v. Chr. bis zum 2. Jahrh. n. Chr. übten die Römer einen großen Ensluß auf die Angelegenheiten des Reichs aus; vom 4. Jahrh. an aber die Perser. Die Glanzperiode des Reichs ist die glorreiche Regie-Mingrelien und Abchasien eroberte, die Usen und Petschenegen unterwarf, sich Erzerums bemächtigte und Tiflis gründete. Im 5. Jahrh. begann auch das Christentum in G. feste Wurzeln zu schlagen: die grusinische Eparchie wurde 479 von Bachtang gestiftet. Einen noch größern Halt gewann das Christentum im 6. Jahrh. durch die Ankunft von 13 syr. Mönchen in Grusien. Am Ende des 6. Jahrh. gelangte die Dynastie der Guramiden in der Person Guram Kuropolats auf den Thron, den seine Nachfolger, die Bagratiden, bis 1424 behaupteten. In der Zwischenzeit wurde G. von häusigen Einfällen asiat. Völkerschaften heimgesucht, so 1070 von den Türken unter Alp-Araslap, 1222 von den Mongolen und 1387—1407 von Tamerlan. Der König Alexander J. teilte 1424 das Reich unter seine drei Söhne, von denen der älteste Imeretien, der zweite Kartalinien, der jüngste Kachetien erhielt. Fast vier Jahrhunderte später entschloß sich der König Georg XIII., der das vereinte Kartalinien und Kachetien beherrschte, in die Vasallenschaft Rußlands zu treten, weil er von den Persern, Türken und den Bergvölkern hart bedrängt wurde; als er 1800 starb, dekretierte Kaiser Paul I. 18. Jan. 1801 die Vereinigung G.s mit Rußland; die Einverleibung Imeretiens erfolgte 1810. Die Prinzen der 11.— Familie, denen man eine Pension und russisch-militärische Grade verlieh, wurden nach Rußland abgeführt. Mit Heraclius, Fürst von Grusien (gest. 10. Mai 1882 zu Tiflis), dem Neffen des letzten Königs Georg XIII., erlosch jedoch schon das alte georg. Herrschergeschlecht. Im J. 1838 wurde das Grusino-Imeretische Gouvernement gestiftet, das bis Ende 1846 bestand. Jetzt gehören die Gebiete, die früher das georg. Reich bildeten, zu den russ. Gouvernements Tiflis und Kutais.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 813Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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