FeedGeotropismus
PflanzenreichBrockhaus 1882

Geotropismus nennt man in der Pflanzenphysiologie die Fähigkeit einzelner Pflanzenteile sich unter dem Einfluß der Schwerkraft, durch Wachstum in einen bestimmten Winkel zu der Richtung, in welcher die Schwerkraft wirkt, zu stellen. Die Wachstumserscheinungen, die dabei auftreten, nennt man, insofern Krümmungen damit verbunden sind, geotropische Krümmungen. Die Pflanzenteile, welche jene Fähigkeit bebbene bezeichnet man als geotropisch. Je nach der Stellung, welche die Pflanzenteile zur Richtung, in der die Schwerkraft wirkt, also zur Vertikalen oder Lotlinie, einnehmen, unterscheidet man mehrere Arten von G. Stellen sich die Pflanzenteile parallel zur Richtung der Lotlinie, so kann man zwei Fälle unterscheiden, entweder wachsen sie vom Erdmittelpunkte dachs wie die meisten Stammorgane, oder sie wachsen nach dem Erdmittelpunkte hin, wie die meisten Wurzeln; imerstern Falle spricht man von negativem, im letztern Falle von positivem G., und die Pflanzenteile, welche entweder positiv oder negativ geotropisch sind, bezeichnet man auch mit dem gemeinsamen Namen orthotropgeotropische oder auch longitudinal geotropische Pflanzenteile. Bringt man einen noch wachstumsfähigen orthotrop-geotropischen Pflanenteil in eine von der Lotlinie abweichende Lage, 0 tritt eine Krümmung desselben ein, durch welche die frühere Lage wiederhergestellt wird. Diese Krümmung kann entweder ihre Konkavität nach unten oder nach oben richten, je nachdem der betreffende Pflanzenteil positiv oder negativ geotropisch ist. Ein wagerecht gelegter Stengel wird also in den meisten Fällen seine Spitze wieder nach oben richten, eine wagerecht gelegte Wurzel dagegen krümmt sich in der Weise, daß die Spitze wieder dem Erdcentrum zugekehrt ist. Da alle geotropischen Bewegungen Wachstumserscheinungen sind, so folgt, daß dieselben nur an wachstumsfähigen Organen eintreten können, nicht aber an ausgewachsenen Partien, wie an ältern Internodien, in denen bereits Dickenwachstum stattgefunden hat. Bei vielen Pflanzen bleiben allerdings auch an ausgewachsenen Internodien noch wachstumsfähige Stellen zurück, so hauptsächlich bei den Amil. wo stets in den sog. Knoten noch Wachstum stattfinden kann. Es kann deshalb auch ein alter Grashalm, wenn er aus einer normalen Stellung gebracht wird, wie dies z. B. beim Getreide durch Wind und Regen häufig geschieht, sich wieder geotropisch aufwärts richten, die dazu notwendigen Krümmungen erfolgen aber nur in den Knoten des dumn Ein daniedergeworfener Baum dagegen ann sich nur in seiner noch wachstumsfähigen Spitze wieder aufwärts richten, nicht aber in den übrigen Partien. Neben den orthotrop⸗ alzals 2n Erscheinungen, die man auch wohl als Longitudinalgeotropismus zusammenfaßt, unterscheidet man noch einen sog. Transversal⸗ oder Diageotropismus, der darin besteht, daß gewisse Pflanzenteile sich nicht parallel zur Lotlinie, sondern horizontal oder schief stellen. Der Transversalgeotropismus ist ebenso wie der Longitudinalgeotropismus eine sehr verbreitete Erscheinung; während die Hauptwurzeln und die Hauptitanmahsen der meisten Pflanzen positiv, beziehungsweise negativ geotropisch sind, zeigen die meisten Nebenwurzeln und Seitenäste, ebenso viele Blattorgane Transversalgeotropismus. Der Nutzen, den durch diese Eigenschaft der meisten Seitenzweige, Blätter und Seitenwurzeln die Pflanzen haben, ist sofort ersichtlich, denn nur dadurch wird eine möglichste Ausbreitun der Vegetationsorgane, sowohl in der Luft als im Erdboden herbeigeführt, was für die gesamte Ernährung offenbar von großem Vorteil ist. In welcher Weise unter Einfluß der Schwerkraft die longitudinal⸗ und diageotropischen Bewegungen in der Pflanze bewirkt werden, ist bis jetzt noch vollständig unbekannt, man weiß nur, daß diese Bewegungen, wie schon erwähnt, ausschließlich Wachstumsbewegungen sind, durch welche mechanische Einwirkung aber die Schwerkraft eine ein-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VII. seitige Förderung, beziehungsweise Verzögerung im Wachstum der betreffenden Pflanzenteile hervorruft, darüber kann man nur Vermutungen haben. Die schon von vielen Botanikern versuchten Erklärungen sind in der That keine Beantwortung jener Frage, denn weder die Annahme einer Polarität der einzelnen Zellen oder ihrer Wände, noch auch die Subsumierung der geotropischen Bewegung unter die Reizerscheinungen kann uns über den eigentlichen Bewegungsmechanismus eine genügende Aufklärung geben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 816Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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