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GeschichteBrockhaus 1882

Germanicus (Cäsar) war der Sohn des berühmten Nero Claudius Drusus (des Bruders des Tiberius) und der Antonia Minor, geb. 25. Mai 15 v. Chr. Nach dem Willen des Augustus, der sogar daran gedacht hatte, ihn zu seinem Nachfoler zu machen, adoptierte ihn 4 n. Chr. sein von lugustus adoptierter Oheim Tiberius, sodaß nun sein voller Name G. Julius Cäsar war. Er stand diesem sodann im Kriege gegen die Pannonier und Dalmatier in den . 7—9 n. Chr. zur Seite und begleitete ihn im J. 11 nach der Niederlage des Varus auf dem Heerzuge nach dem Rhein, zur Sicherung der german. Grenzen. Nachdem er in Rom das Konsulat im J. 12 verwaltet hatte, erhielt er den Oberbefehl über Gallien und die acht Legionen, die am Rhein standen. Nach Augustus' Tode 14 brach unter den Soldaten der vier niederrhein. Legionen, welche Erhöhung des Soldes und Abkürzung der Dienstzeit forderten und aus Abneigung gegen Tiberius den G. zum Nachfolger des Augustus ausrufen wollten, ein blutiger Aufstand aus, den G. durch Milde, sein Legat Cäcina durch offene Gewalt unterdrückte. G. führte hierauf die Soldaten bei Xanten im Okt. 14 über den Rhein, überfiel die Marser zwischen der obern und mittlern Lippe und Ruhr bei einem nächtlichen Feste und zerstörte ihr berühmtes Heiligtum der Tanfana. Einen zweiten Einfall in Germanien machte er im J. 15, während Cäcina gegen Marser und Cherusker zog, von Mainz aus in das Land der Chatten, deren Hauptort Mattium unfern der Eder er zerstörte. Auf dem Rückzuge nach Bonn baten ihn Gesandte des Cheruskerfürsten Segestes, der von Arminius, seinem Eidam, belagert wurde, um Hilfe. G. eilte zurück, entsetzte den Segestes und nahm des Arminius Gemahlin, Thusnelda, gefangen. Auf die Nachricht, daß Arminius die Cherusker und die Nachbarvölker zum Kriege 3•1 unternahm G. den Hauptzug dieses Jahres. Mit einer Flotte fuhr er durch den Drususkanal in die Nordsee, dann die Ems herauf, wo er sich mit Cäcina und der Reiterei vereinigte (an der Mittel-Ems bei dem heutigen Rheina). Hierauf verwüstete er das Land in der Richtung nach dem Teutoburgerwalde, drang in diesen selbst vor und bestattete die dort noch unbegraben liegenden Gebeine der mit Varus Gefallenen. Eine siegreiche Schlacht des Arminius über die Reiter und Bundesgenossen im Osten des jetzigen lippischen Landes bewog ihn zum schleunigen Rückzug, auf dem er einen Teil der Flotte durch Sturm einbüßte; auch Cäcina, der zu Land nach Castra Vetera (Xanten) zurückkehrte, erlitt durch die verfolgenden Germanen starke Verluste. Noch ehe die Flotte bis auf die beabsichtigte Höhe von 1000 Schiffen gebracht war, rief ihn im J. 16 die Belagerung der kaum wiedergewonnenen Feste Aliso an der obern Lippe wieder über den Rhein. Die Germanen wurden zurückgetrieben, auch die Gräber im Teutoburgerwalde wiederhergestellt. Darauf fuhr G. im Juni mit der Flotte wieder in die Ems, drang durch das Gebiet der Chauken und Angrivarier an die Weser, überschritt diese und siegte über Arminius auf dem Felde Idistaviso, in der Gegend von Rinteln. Vollständiger war ein zweiter Sieg des G., dessen Schauplatz man bei Elze, an dem Steinhuder Meer, und bei Minden gesucht hat. Doch beschloß er die Rückkehr, auf der er durch Sturm den größten Teil seiner Schiffe verlor. In demselben Jahre fiel er noch einmal in das Land der Marser ein und sandte seinen Legaten Silius gegen die Chatten. Die errungenen Siege sollten im nächsten Jahre weiter verfolgt werden; aber Tiberius, der einerseits die verlustvolle Art der Kriegführung des G. mißbilligte, andererseits die Anhänglichkeit der Armee an G. mit eifersüchtiger Besorgnis betrachtete, rief ihn im Anfang des J.. 17 zurück und gewährte ihm die Ehre des Triumphs, in welchem auch Thusnelda unter den Gefangenen aufgeführt wurde. Um den G. zu entfernen, der ihm wegen der Liebe des Volks zu ihm gefährlich schien, sandte ihn Tiberius mit ausgedehnten Vollmachten ab zur Ordnung der Angelegenheiten des Orients; zugleich ernannte er den Calpurnius Piso zum Statthalter von Syrien, der aber, sei es infolge geheimer Aufträge des Tiberius, sei es aus eigenem Antriebe, vermöge seines stolzen und herrischen Charakters dem G. überall entgegenwirkte. G. starb bald nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Agypten am 9. Okt. des J. 19 in der Nähe von Antiochia, wie er und seine Umgebung, schwerlich mit Recht, glaubte, von der Frau des Piso, Plancina, vergiftet. Seine Asche wurde zur Beisetzung im Grabmal des Augustus von seiner Gattin Agrippina nach Rom gebracht. Diese selbst und zwei ihrer Söhne fanden später, durch Sejans Intriguen umsponnen, einen elenden Tod; ein dritter, Gajus (Caligula), wurde verschont. Von den drei Töchtern, die ihn überlebten, erbte Agrippina die Jüngere die Leidenschaftlichkeit ihrer Mutter, im übrigen war sie durch ihre Laster ebenso berüchtigt, wie ihre Mutter durch Tugend ausgezeichnet. „G. hatte sich, außer durch sein einnehmendes Außeres, namentlich durch Milde und Herzensgüte die begeistertste Anhänglichkeit und Liebe unter allen Klassen des röm. Volks erworben. Auch bei seinen kriegerischen Unternehmungen war der persönliche Einfluß, den er auf seine Soldaten ausübte, ein bedeutendes Moment für den Erfolg. Doch ist nicht zu leugnen, daß sein offensives Vorgehen in Germanien wider den Willen des Tiberius, der zudem ohne Zweifel richtiger sah als G., wenn er der Ansicht war, daß die Besiegung der Germanen noch viele schwere Kämpfe erfordern würde und daß es besser gethan sei, sie ihren innern Kämpfen zu überlassen, sowie sein und seiner Frau Verhalten in Asien nicht vorwurfsfrei war. G. besaß auch eine bedeutende litterarische Bildung; als Redner sowohl wie als Dichter in lat. und griech. Sprache wird er von Zeitgenossen wie von Spätern hoch gerühmt. Eine freilich nicht sehr hoch anzuschlagende Probe seiner dichterischen Thätigkeit ist noch erhalten in den (mit Unrecht von manchen Gelehrten für ein Jugendwerk des Domitianus gehaltenen) teres nur in Bruchstücken), einer freien Bearbeitung der astron. Gedichte des Aratus, welche im spätern röm. Altertum als Schulbuch benutzt worden ist (beste Ausgaben von Orelli mit Phädrus, Zür. 1831, von Bährens in Poêtae lat. minoreso, Bd. 1, und, mit den reichhaltigen noch vorhandenen Scholien, von Breysig, Berl. 1867). Vgl. C. von Wietersheim, «Der Feldzug des G. an der Weser⸗ (Lpz. 1850); Zingerle, „De Germanico Caesare Drusi filio (Trient 1867); Mommsen, «Die Familie des G.» (im «Hermeseo, Bd. 13, 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 841Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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