FeedGetreide
PflanzenreichBrockhaus 1882

Getreide, Cerealien, Körner- oder Mehlfrüchte, heißen diejenigen Nutzpflanzen, welche vorzugsweise ihrer stärkemehlreichen Samen wegen zur menschlichen Nahrung angebaut werden. Da dieselben größtenteils der Familie der Gräser anehören, so werden sie auch Halmfrüchte, nach ihrer bedeutendsten Verwendung aber Hauptbrotfrüchte genannt. In Europa werden als G. angebaut aus der Familie der Gramineen: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Reis, Mohrenhirse und Hirsen; aus der Familie der Polygoneen der Buchweizen. Von untergeordneter Bedeutung ist die gleichfalls zum G. zählende russ. Schwadengrütze und die poln. Bluthirse; in andern Weltteilen sind Wasserreis, Quinoamelde u. a. unter dem G. einbegriffen. Es werden je nach den klimatischen und Bodenverhältnissen eine ganze Reihe von Varietäten der einzelnen Arten angebaut, wie dies aus den auf Tafel: Getreidearten enthaltenen Abbildungen ersichtlich ist. Den Weizen unterscheidet man zunächst danach, ob die Körner desselben nackt oder von den Spelzen fest umschlossen sind. Bei ersterm, Triticum sativum, sind wieder folgende Varietäten vorhanden: 1) Kolbenweizen, I. s. vulgare, mit lockerer Ahre: a) ungegrannt, T. s. v. muticum, ig. 1“ und 1r; b) gegrannt, T. . v. aristatum, — 2 u. 25, mit gedrängter Ahre: a) ungegrannt, T. s. v. compactum, Fig. 3“ und 30; b) gegrannt, T. s. v. c. aristatum, Fig. 4 und 45. 2) Grannenweizen, T. s. turgidum, mit breiten Spitzen, Fig. 5 und 55, und einer Spielart, dem Wunder- oder Mumienweizen,‚ T. s. t. compositum, Fig. und 65. 3) Harter Weizen, I. s. durum, mit langen gezahnten Spitzen, Fig. 7 u. 7d. 4) Polnischer Weizen, I. s. polonicum Imit Klappen, welche länger als die Ahren sind, Fig. 8 und 80. Bei dem zweiten, dem Spelz, Triticum spelta, gibt es: 1) Gewöhnlichen Spelz, T. spelta: à) ungegrannt, T. sp. muticum, Fig. 9* und 9d; b) gegrannt, T. sp. aristatum, Fig. 10 und 100. 2) Emmer, T. amyleum oder dicoccum, Fig. 11 und 111. 3)/ Einkorn,‚ T. monococcum, Fig. und 12. Der Roggen hat nur wenig Varietäten, welche sich kaum voneinander unterscheiden; Fig. zeigt eine Ahre und Fig. 13v das Korn desselben. Die Gerste kommt in zwei Arten vor: Hordeum polystichum und H. distichum. Zur ersten Art gehören: H. p. vulgare, 4zeilige Gerste, Fig. 14u. 14v, II. p. hexastichum, 6zeilige Gerste, Fig. 15* und 15, und H. p. trifurcatum, Zinkengerste; zur zweiten Art gehören: H. distichum, Zzeilige Gerste, Fig. und 165, und II. zeocriton, Pfauengerste, Fig. 17* und 17v. Der Hafer ist durch zwei Hauptvarietäten vertreten: Avena sativa vulgaris, Rispenhafer, Fig. 184 und 18, und A. s. Orientalis, Fahnenhafer, Fig. 194 und 19v. Die Hirse wird namentlich in zwei Arten angebaut: 1) mit ausgebreiteter Rispe, Panicum miliaceum, Fig. 20 und 20d; 2) mit zusammengezogener Rispe, welche einen walzenförmigen Strauß bildet, Setaria mit den Unterarten germanica und italica, Fig. 21² und 21d. Innerhalb der aufgeführten Unterarten sind, namentlich beim Weizen, durch Züchtung, d. h. fortgesetzte sorgsame Auswahl des Saatgutes nach bestimmten Gesichtspunkten, vorzugsweise von engl. Landwirten eine ganze Reihe von äußerst ertragreichen Varietäten entstanden. Die Körner des G.enthalten 50—75 Teile Stärkemehl und 7—13 Teile Proteinstoffe. Es wird demnach durch ihren Anbau eine höchst beträchtliche Menge von en Aitentan erzeugt, sodaß derselbe seit dem grauesten Altertum die Grundlage des Ackerbaues und der Civilisation bildet. Die Getreidekörner dienen nicht blos zur Nahrung des Menschen, sondern bilden auch ein sehr wertvolles Kraftfutter für die Haustiere; außerdem werden sie der Industrie dienstbar als Material der Bierbrauerei, Spiritus- und Stärkefabrikation. Das Stroh der Halmfrüchte findet vielseitige Verwendung, von der Streu und dem Futter fur das Vieh und der Benutzung zum Dachdecken an bis zu den feinsten Flechtarbeiten. Vielfach werden auch die Cerealien einzeln oder im Gemenge augebaut zur Verfütterung im grünen Zustande an das Nutzvieh. Das G. wird teils als Sommer⸗-, teils als Winterfrucht angebaut; letztere liefert in der Regel infolge der längern Vegetationszeit höhere Erträge als erstere. Die Saat der G. erfolgt meistenteils breitwürfig, mit der Hand oder mit Breitsäemaschinen; doch bürgert sich in neuerer Zeit die Drillkultur (s. unter Drillen) auch beim G. immer mehr ein. Die Pflege des G. während der Vegetationszeit besteht besonders im Hacken zur Vertilgung des Unkrautes und zur Lockerung; des Bodens. Der günstigste Zeitpunkt des Mähens oder Schneidens des G., welches mit der Sichel, der Sense oder der Mähmaschine erfolgt, ist gekommen, wenn die Körner in die Gelbreife getreten sind. Man unterscheidet vier Reifestadien: Milchreife: der Inhalt des Korns ist milchig, flüssig, das Stroh hat noch eine grünliche d08 HKr Gelbreife: der Inhalt ist hart geworden, das Korn bricht aber noch über dem Fingernagel, das Stroh wird gelblich: Vollreife: das Korn bricht nicht eihe uber dem Nagel; Totreife: das Korn ist steinhart geworden, das Stroh ist weiß. Die Notreife tritt ein, wenn vor der völligen Ausbildung des Korns, entweder durch sehr große Dürre oder durch zu frühzeitiges Mähen, die Zufuhr von Stoffen zum Korne unterbrochen wird. Zur Zeit der Gelbreife ist die Ausbildung des Samens vollendet; eine weitere Ablagerung von Stoffen findet im wesentlichen nicht mehr ba ein späteres Schneiden erhöht demnach nicht den Ertrag, sondern bringt Verluste infolge Ausfallens der Körner mit sich. Nach dem Schneiden bleibt das G. entweder zu Garben zusammengebunden oder in Schwaden auf dem Felde zum Zwecke des völligen Austrocknens einige Zeit stehen, resp. liegen, wobei der Landwirt oft mit der Ungunst des Wetters zu kämpfen hat und große Verluste durch Auswachsen (s. d.) erleidet. Künstliche Trockenmethoden haben sich bisher nicht bewährt. Der Getreidebau ist gezwungen, sich gegenüber der Kultur der Industrie- und Futtergewächse mehr in die Länder mit dünner Bevölkerung und geringem Bodenwerte zurückzuziehen, wenn jeßt auch in den hochkultivierten Gegenden von einer gegebenen Fläche Landes mehr G. geerntet wird als früher. Gegenwärtig sind die Ostseeprovinzen, Rußland, Ungarn, die Vereinigten Staaten, Australien und das Kapland die Hauptländer für die Getreideproduktion. In den nachbenannten Ländern betrug die jährliche Durchschnitts-Getreideproduktion in Millionen Hektolitern: land (Mittelernte) 28,9 0,6l 32,9 62,02 7 Untere Donauländer .. 28,7/ 6,4 13,5 3,023,6 1,6 Dänemark (Mittelernte, Niederlande (Mittelernte, 1861—77) Portugal (Mittelernte) . 3,0 2,30 0,6 0,4 — Voreinigte S Britisch-Ostindien (Schätzunggg) 100,ũs2[2 7 7 7 Agypten (Schätzung) .. 5,5 — 3,9 — 4,8 3,6 Japan (1874) Diese Jahresernte von 2810,8 Mill. hl Getreide repräsentirt den Verkehrswert von mindestens 25 — 28 Milliarden Mark. Der Wert der G.⸗ und Mehl-Ein⸗ und Ausfuhr belief sich im Jahre 1879 in Millionen Mark: Importländer Einfuhr Ausfuhr Mehr Ein⸗(—) Großbritannien und ö Ausfuhr eutsches Reich .. 688,0 350,0 — 338, Belgien 269,,, 108,4 — 160, iederlande 195⁵,7 981 — 97,6 Schweiizz 76, 159 — 74,1 Norwegen 35, 13 — 33,7 Spanien 46, 134 — 33,5 Griechenland (1875) 22,3 +* — 225⁵j3 Portugal (1878). . 15,4 31 — 13253 Exportländer Rußland — 1169,;/7 1169,7 Vereinigte Staaten von Amerika Ssterreich-Ungarn. 92,9 3068, + 215,6 Rumänien 7 S + 138,1 Agypten 2,8 51,4 48,6 Canada 36, 76, + 40,0 Chile * 24,0 + 24,0 Schweden Das G. bildet daher einen wichtigen Faktor im Welthandel, welcher vielfach zum Regulator des Gesamtverkehrs wird. Zu dem Ende finden sich an vielen Mittelpunkten des festgestel Getreidebörsen und Getreidemärkte mit festgestellten, behördlich uüberwachten Usancen. Als Emporien des Getreidehandels in Europa gelten die Städte: Odessa, Pest, Wien, Breslau, Danzig, Memel, Riga, Amsterdam, London, Paris, Rouen, Marseille; in Afrika ist Alexandria und die Kapstadt, in Nordamerika Chicago zu nennen; in den übrigen Weltteilen konzentriert sich der Verkehr in den Haupthäfen. Litteratur: «Die Getreidearteno (Ravensb. 1871); Heuzé, Les plantes alimentairés (Par. 1873); Krafft, «Lehrbuch der Landwirtschaft (3. Aufl., Bd. 4, Berl. 1883); von Neumann-Spallart, «übersichten der Weltwirtschafto (Jahrg. 1880, Stuttg. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 927Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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