FeedHafer
PflanzenreichBrockhaus 1882

Hafer (Avéna], eine artenreiche Gattung aus der 3. Klasse, 2. Ordnung des Linneschen Systems und der Familie der Süßgräser (Gramineen), welche viele Getreidearten, Wiesen⸗‚ Wald⸗ und Gebirgsgräser umfaßt und üher die ganze nördl. Halbkugel und die Alte Welt verbreitet ist. Der gemeine H. wird jetzt sogar in Südamerika und in Australien gebaut. Sämtliche Haferarten haben rispenförmig angeordnete, zwei⸗ bis vielblütige Ahrchen, deren zwei ziemlich gleichgroße, dünnhäutige Kelchspelzen lang sind, daß sie alle oder wenigstens die Mehrzahl der zwischen ihnen befindlichen Blüten bedecken. Die langen knieförmigen ebogenen Grannen sind unter der Spitze der Deckpelze angesetzt. Die Frucht ist länglich und auf der einen Seite gefurcht. Die Haferarten voll als in vier Abteilungen, von denen drei auch wohl als eigene Gattungen betrachtet werden. Die erste Ahteilung, die der Kulturhafer (Avenae sativae), besteht aus lauter einzähnigen Arten (Sommerfrüchten), deren Ahrchen wenigstens im abgeblühten Zustande hängend sind und fünf bis neun nervige Kelchspelzen besitzen. Man unterscheidet bedeckte und nackte H. Bei den erstern fallen die Früchte, von den Blütenspelzen eng umschlossen, ab (beschalte H.), bei den andern aus den sich öffnenden Blütenspelzen heraus. Zu den bedeckten H. gehören der gemeine oder Rispenhafer (A. sativa L.), der Fahnenhafer (A. orientalis L.), der kurze Hafer (A. brevis Roth) und der Rauh⸗ oder Sandhafer (A. strigosa); ferner einige als Unkräuter auftretende Haferarten, welche sich von den genannten durch eine behaarte Blütenspindel unterscheiden, z. B. der Wind⸗ oder Flughafer (A. fatua L.). Zu den Nackthafern gehören der Nackt⸗ oder Grützhafer (A. nuda L.) und der chinesische Hafer (A. chinensis Meteg.) . Die am allgemeinsten angebaute Art ist der Rispenhafer. (S. Tafel: Getreidearten, Fig. 18 a und b.) Sein Vaterland ist, wie bei den meisten Getreidearten, nicht bekannt, seine Kultur uralt. Der gemeine H. wird namentlich in Mittel- und Nordeuropa (bis zum 66. Breitengrade), so- wie in Centralasien (hier bis zu 1800 m, in der Schweiz bis zu 1670 m Seehöhe) angebaut. Er gedeiht in Gebirgen und Niederungen und ist die Sommerpflanze des leichten Bodens, gedeiht aber auch ebenso auf schwerem, auf gedüngtem und erschöpftem Boden und nach den verschiedensten Vorfrüchten. Auf 3 Düngung sagt ihm gewöhnlich nicht zu. Auf Neuland und in ausgetrockneten Sümpfen bestockt er sich am stärksten. Er verlangt zu seinem Gedeihen eine tiefe und sorgfältig bearbeitete Ackerkrume. Die Aussaat geschieht im zeitigen 4. Wa bei trockenem Erdreich. Fahnenhafer Tafel: Getreidearten, Fig. 192 und b), durch zusammengezogene, einseitswendige, überhängende Rispe vom gemeinen H. riohnrdes den, übrigens wahrscheinlich nur eine Varietät des letztern, wird namentlich in Schlesien, Ungarn und Galizien (besonders in Gebirgen) angebaut. Er gibt auf gutem Boden noch reichlichen Ertrag und lagert sich wegen seiner steifern Halme nicht so leicht. Der Flughafer, ein lästiges Unkraut, hat sehr große, drei⸗ bis vierblütige Ahrchen in ausgebreiteter Rispe, gleichlange Kelchspelzen und jede Blüte eine braune, seidig behaarte untere Spelze mit vielfach gewundener, stark geknieter Granne, unter jeder Blüte einen starken Haarbüschel. Sein-Grannen sind sehr hygroskopisch, seine zeitig herausfallenden, umschalten Körner werden vom Winde fortgeführt und überall umhergestreut. Die Kulturhaferarten werden in Mittel⸗ und Nordeuropa vorzugsweise als Pferdefutter gebaut; in Südeuropa tritt in dieser Beziehung die Gerste an deren Stelle. In kalten Gegenden des Nordens (Schottland) wird aus Hafermehl Brot gebacken, auch bereitet man daraus Grütze, Graupen und Bier. Die zweite Abteilung der Haferarten (Avenastrum) hat aufrechte, vielblütige Ahrchen, behaarte Fruchtknoten und ausdauernde Wurzelstöcke. Sie besteht aus lauter wildwachsenden Arten. Zu ihr gehören der auf trockenen Wiesen häufig vorkommende weiche Hafer (A. pubescens L.) und der namentlich in Süddeutschland und Südeuropa wachsende Wiesenhafer (A. pratensis L.), vorzügliche Futtergräser. Die dritte Abteilung (Trisetum) hat aufrechte, stets dreiblütige Ahrchen, deren Blüten alle fruchtbar und begrannt sind, und kahle Fruchtknoten. Sie besteht ebensalls aus perennierenden Arten und wird meist als eine eigene Gattung angesehen. Ihre Arten sind meist kleinblütig und zierlich. Zu ihr gehört der gelbliche Wiesenhafer oder kleine Goldhafer (A. Havescens L.), welcher häufig auf trockenen Wiesen, namentlich auf Kalkboden wächst und ebenfalls ein vorzügliches Futtergras ist. Die vierte Abteilung, zu welcher der hohe Wiesen⸗ oder Glatthafer, auchfranzösisches Raygras genannt (A. elatior L.) gehört, ist die Gattung Arrhenatherum (s. d.). Vgl. Krafft, «Lehrbuch der Landwirtschaft⸗ (Bd. 2: «Die Pflanzenlehrey, 3. Aufl., Berl. w188NJ.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 695Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Pflanzenreich 6