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ErdkundeBrockhaus 1882

Gibraltar, Vorgebirge mit einer berühmten, seit 1704 den Engländern gehörigen Festung und Stadt in der span. Provinz Cadiz in Andalusien, liegt 22 Em im NO. von deren und von ganz Europas südlichstem Punkte Tarifa. Der Berg Gibraltar oder der Gibraltarfelsen ist durch den sog. neutralen Grund, eine niedrige, mit Lagunen erfüllte und aus alluvialem Flugsande bestehende Landzunge von 2,s EKm Länge und kaum 1,8 km Breite, mit dem Festlande verbunden und scheint daher, von ferne gesehen, mitten im Meere zu liegen. Er erstreckt sich fast genau südwärts 4,45 km weit, ist 4,62 Kmlang, 1245 m breit und erreicht die Höhe von 425 m. Seine Felsmasse ist auf silurischen Schiefern ruhender Jurakalk, der mehrere Höhlen einschließt, wie die durch ihre schönen Tropfsteinbildungen berühmt gewordene Michaelshöhle (Cueva de San Miguel). Der Kamm, ein fast überall schmaler, dachartig zugespitzter Felsengrat, spaltet sich in drei niedrige Kuppen, auf deren mittlerer, dem kulminierenden Punkte, die Signalwarte (Signal house) steht. Gegen Süden verlängert sich der Fels in ein zungenförmiges Plateau, welches allmählich immer niedriger wird und auf der äußerst schroff abgeschnittenen Südspitze, der sehr stark befestigten Punta de Europa (36e 6“23“ nördl. Br., 12 19“ 56“ östl. L. von Ferro), einen Leuchtturm trägt. Der Westabhang, zwar auch steil und felsig, doch regelmäßiger als die Südseite abgedacht und an den meisten Stellen noch zugänglich, hat, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, die Anlage der Stadt G. gestattet. Dagegen stürzen der östliche und der nördl. Abhang fast senkrecht ab, ersterer zum Meere, letzterer zu jener flachen Landzunge, dem sandigen, Linea genannten Isthmus, die, wo sie sich an das Festland anschließt, von dem span. Gebiete früher durch eine hauptsächlich zur Beschränkung des Schmuggelhandels aufgeführte Mauer mit zwei Bastionen und Forts an den Ecken abgesperrt war, während jetzt nur noch ein Erdwall und einige Wachthäuser die Grenze bilden, hinter welcher Linie die span. Stadt San-Roque auf hohem Felsen liegt. Durch Natur und Kunst bildet der Gibraltarfels eine uneinnehmbare Festung, in den Händen der Engländer den Schlüssel des Mittelmeeres. R. sehr großer kenge starren dem Beschauer die vielfach mit Kühnheit den Steilwänden abgerungenen Werke der terrassenartig angelegten Linien entgegen. Mit Ausnahme der gänzlich unzugänglichen und darum auch der künstlichen Verteidigungsmittel entblößten Ostseite trifftmanüberall auf Batterien, Forts, crenelierte Mauern, Kaponnièren, Redouten und Wälle. An 800 schlagfertige Feuerschlünde, Kanonen, Mörser und Haubitzen, deren Zahl leicht auf 2000 vermehrt werden kann, stehen bereit, um jede feindliche Annäherung zu verhindern. Die Festungswerke sind zum Teil in den Fels ge⸗ Topohauen. Besonders merkwürdig sind die abr hochgewölbten un breiten Felsgalerien, die, während der letzten spar Belagerung (1779—81) in einer absoluten Höhe vo 180 und 244 m auf der Nordseite durch den Fei gesprengt, zwei übereinander hinlaufende bedeck Gänge bilden, die mit 100 der schwersten Geschüt bewaffnet sind. Die Felsgewölbe bieten sichern Rau für die 5104 Mann starke Garnison. Acht bombe feste, 40000 t fassende Cisternen und ein reich Süßwasserbrunnen schützen den Platz im Fal einer Belagerung vor Wassermangel. G. hat de 3wärmste Klima in Europa, gehört aber mit; igesündesten Orten der Erde, abgesehen vor „endemischen Gibraltarfieber und dem die 9 efangreifenden Ostwinde. Die zwar völlig rnische, aber durch die abkühlende Luftströmui „Meeres gemilderte Hitze läßt alle Kulturget „Südeuropas hier gedeihen. Der Berg il nUnackter Fels. Rindvieh, Schafe und Ziegen graphische Lage von Gibraltar. ndan den Felsenspalten eine immergrünende n. tation, und überdies ist jedes Fleckchen fi on ren Landes mit den mannigfaltigsten, teil lswachsenden, teils veredelten Fruchtbäumen kte G. ist — der einzige Punkt in Europa, tze Affen aufhalten (der nordafrik. Inuus ecat im die meist auf der unzugänglichen Ostseite ha n⸗ Der Gibraltarfelsen ragt hinein in die her enge oder Straße von Gibraltar lle cho de G.), das Fretum Herculeum der as !U den Verbindungskanal zwischen Mittelme dem Atlantischen Ocean, zwischen dem 417 m hohen Monte-⸗Picacho auf spanischer und der 855 m hohen Löwenspitze auf afrik. Seite. Die Meerenge hat 275 memittlerer Tiefe, ohne Klippen und Untiefen in der Mitte, an der schmalsten Stelle 300 m, weiter östlich 900 m Tiefe, ist aber dennoch Schiffen, besonders wenn sie aus dem Mittelmeere kommen, leicht gefährlich wegen der starken, im Mittel 4, km, aber bis 10 km messenden Strömung, die aus dem Ocean hereindringt; unterhalb dieser geht eine in entgegengesetzter Richtung nach außen. Der oceanische Eingang (die Pontes Gadirides), 13 kmtbreit, ist zwischen Kap Trafalgar und Kap Espartel, der mediterrane, 20,35 km breit, zwischen der Punta de Europa und der Punta de Afrika, dem nordöstlichsten Vorsprunge des Felsens von Ceuta (Mons Avila). Die schmalste Stelle, die nur 12,95 Km mißt, befindet sich zwischen Punta Canales im Norden und Punta de Cires im Süden. Während das afrik. Gestade der Meerenge eine ungegliederte Wand bildet, ist das europäische mehrfach aufgerissen, namentlich an ihrem Ostende durch den Golf von Gibraltar, nach der gegenüberliegenden span. Stadt Algeciras (s. d.) auch Golf von Algeciras enannt. Dieser Golf bildet ein beinahe halbkreisörmiges, 7 km im Durchmesser haltendes Becken, welches tief in das Land einschneidet, fast ringsum von flachen, reich mit Molen versehenen Ufern umgeben ist, zwischen G. und der Punta del Carnero bei Algeciras sich öffnet und einen der geräumigsten, sichersten Häfen der Welt abgibt. Ein Teil desselben ist die Reede von Gibraltar, vor der erwähnten Landzunge gelegen und geränmig genug für eine große Flotte. 1 00 elbe ist, mit Ausnahme des Südwindes, gegen alle Winde e uuch gesichert, obwohl wegen der nahen afrik. Küste au bei Südwind keine schwere See stehen kann. Terrassenförmig steigt an der Westseite des Festungsbergs die Stadt Gibraltar empor. Obgleich nach ihrer Einäscherung während der erwähnten letzten Belagerung neu aufgebaut, bietet sie keineswegs einen besonders schönen Anblick dar. Der obere Teil liegt bedeutend höher als der untere. Sie ist sehr unregelmäßig gebaut, ihre Gassen sind eng, dunkel, chaussiert, staubig, die Häuser meist im span. Stile aufgeführt, und, um den deutlichen Einblick aus der Ferne zu erschweren und um das Blenden und die Erhitzung zu mindern, meist dunkel angestrichen, sodaß sie in der grauen Farbe des Felsens verschwinden. Nur hier und da werden die Häuser von Gärten und grünen Plätzen eingefaßt. Vor der Stadt liegt ein prachtvoller, mit exotischen Bäumen und Sträuchern geschmückter Park (Klameéeda Garden), von dem aus längs des Bergabhangs eine Chaussee zwischen Festungswerken, Kasernen, Magazinen, Villen und Gärten bis zur Punta de Europa führt. Offentliche Gebäude von Bedeutung sind nicht vorhanden. Von den einst zahlreichen, aber seit der engl. Herrschaft eingezogenen und in Magazine u. s. w. verwandelten kath. Kirchen und frommen Stiftungen ist nur noch die kath. Marienkirche übrig. Außerdem besitzt G. eine Synagoge, gute Unterrichtsanstalten, eine ausgezeichnete öffentliche Bibliothek, Gasthöfe, Cafés, schöne Läden und ein kleines Theater. Schöne neue Gebäude sind das Civilhospital und das Asyl für Geisteskranke. Auf einer Erhöhung an der Nordseite der Stadt befinden sich die Artilleriekasernen und das Militärgefängnis in dem sog. maurischen Kastell aus dem 8.8 ——— dessen beherrschende Lage und in Ruinen noch edle Außenseite von seiner ehemaligen Bedeutung zeugen. Die Stadt zählt (1881) ohne die Garnison 18381 E. Die Halbinsel G., d. h. der ganze engl. Besitz, der unter einem besondern Gouverneur und Oberbefehlshaber steht, umfaßt nur 5 qkm. Obgleich fast alle Lebensbedürfnisse eingeführt werden müssen, herrscht doch Fülle und Überfluß jeder Art. Die Menge der um G. ankernden Schiffe (in manchen Jahren 10000) beziehen ihre Bedürfnisse von der Stadt und machen dieselbe zu einem lebhaften Platze mit großem Verkehr. Zudem ist G. seit 1704 ein Freihafen und daher der Tummelplatz aller Nationalitäten. Es treibt ansehnlichen Handel, namentlich auch starken Schleichhandel mit Spanien. Der Hafen wird besonders häufig von Dampfern zur Ergänzung ihres Kohlenvorrats besucht. Im J. 1879 liefen 5613 Schiffe ein mit 2975039 t, 5723 Schiffe von 2994052 t aus. Bei diesem Handel sind hauptsächlich England, Spa-Dereil Portugal, Marokko, Frankreich und Italien eteiligt. Im Altertum hieß der Fels von G., der zu Hispania Baetica gehörte, Calpe, und in Gemeinschaft mit Avila (bei dem jetzigen Ceuta) auf der afrik. Küste bildete er die sog. Herculessäulen. Als 711 die Araber bei ihrem Einbruch in Spanien an dieser Stelle (28. April) landeten, gründete Tarik, der Feldherr des Kalifen Walid, zur Deckung des übergangs seiner Völker aus Afrika U ein festes Kastell und nannte dies und den erg nach ihm Gebl (Dschebl) al Tarik (Berg des Tarik). Zwar gelang es dem König Ferdinand II. von Castilien, den Mauren die Festung 1302 zu entreißen, doch schon 1333 eroberten sie dieselbe aufs neue, bis sie ihnen unter Heinrich IV. durch Guzman, Herzog von Medina-Sidonia, 1462 auf immer entrissen wurde. Hierauf kam G. zunächst an die Krone von Castilien und Leon. Karl V. ließ die altmaurischen Festungswerke durch den berühmten Ingenieur Speckel aus Straßburg nach den Grundsätzen der europ. Befestigungskunst umändern. Im Spanischen Erbfolgekriege wurde die Festung den Spaniern durch die Engländer entrissen. Eine engl. Flotte unter Admiral Rook, die 21. Juli 1704 in den Gewässern von G. erschien, landete ein kleines, aber tapferes Korps von ungefähr 1800 engl. und holländ. Kriegern, das bereits 4. Aug. unter Anführung des kaiserl. Feldmarschalllieutenants Prinzen Georg von Hessen-Darmstadt die Festung durch einen üÜberraschenden Streich nahm. König Philipp V. ließ zwar hierauf G., um es wieder zu erobern, vom 12. Okt. 1704 an mit 10000 Mann von der Landseite angreifen, während der Admiral Poyez dasselbe zugleich mit 24 Schiffen an der Seeseite einschloß. Allein das Unternehmen wurde teils durch die Batterien des Platzes, teils durch die Hilfeleistung der engl.⸗holländ. Flotte vereitelt. Auch die Wiederholung des Versuchs 1705 hatte nur die Folge, daß der Admiral Pontis im Hafen von G. selbst eine Niederlage erlitt. Im Utrechter Frieden wurde hierauf durch Separatvertrag vom 13. Juli 1714 der Besitz G.s den Engländern bestätigt. Seitdem that England alles, um G., das Bollwerk seines Handels auf dem Mittelmeere, unüberwindlich zu machen. Mit der Furchtbarkeit des Platzes stieg jedoch auch wieder das Interesse Spaniens,. und so begann 7. März 1727 eine neue Belage rung, welche durch die Ankunft des engl. Admirals2 Wager mit 11 Kriegsschiffen ebenfalls einen un-d lücklichen Ausgang nahm. Spanien mußte im Vertrage von Sevilla 1729 allen Ansprüchen entsagen, begann jedoch 1779 aufs neue, G. zu Wasser und zu Lande einzuschließen. Der engl. Admiral Rodney führte aber der bedrohten Festung Verstärkung und Munition zu, und die Besatzung machte 27. Nov. 1781 unter des Generals Elliot und des Generals Roß Anführung einen siegreichen Aus-t fall nach der Landseite hin. Der Plan der Spanier, durch schwimmende Batterien von der See-i seite aus die Festung zu erobern, scheiterte an Lord Elliots geschickten Gegenmaßregeln (13. Sept. 1782). Der Friede von 1783 sicherte endlich den Engländern die Festung abermals. Seitdem wurde G. in allen engl.⸗spanischen und franz.⸗span.⸗engl. Kriegen nur von der Landseite eingeschlossen. Die Geschichte G.s behandelten in neuerer Zeit Montero (Cadiz 1860) und Tubino (Sevilla 1863). Vgl. auch Gilbard, Gibraltar» (Gibr. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 20Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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