FeedGlied
TechnikBrockhaus 1882

Glied (künstliches) nennt man im allgemeinen jeden mechan. Apparat, der nach dem Verlust einer Extremität die physiol. Funktionen des betreffenden Teils mehr oder minder vollkommen zu ersetzen vermag. Das Bestreben, derartig Verstümmelten einen künstlichen Ersatz zu verschaffen, ist uralt. Schon im Altertum finden sichhierher gehörende Versuche erwähnt; so berichtet z. B. Plinius von einem röm. Ritter Marcus Sergius, daß er sich als Ersatz für seine im zweiten Punischen Kriege verlorene rechte Hand eine künstliche Hand von Eisen machen ließ, welche ihn vollkommen zu weiterm Kriegsdienst befähigt haben soll. Am bekanntesten ist jedoch die 1505 durch einen Waffenschmied verfertigte und noch heute im Schloß Jaxthausen gezeigte eiserne Hand des Ritters Götz von Berlichingen, welche, vollkommen aus Stahl gefertigt und durch eine hohle Schiene am Vorderarm befestigt, nicht nur durch Druck an einem Knopf im Handgelenk gebeugt, sondern auch mit Hilfe der andern natürlichen Hand in allen Fingergelenken beliebig gebogen werden konnte, indem ein Stahlzapfen in ein in jedem Gelenk befindliches gezahntes Rad einsprang und so das G. in der gegebenen Lage feststellte. Durch Druck auf einen andern Knopf sprangen die Finger mittels einer Feder in die gestreckte Stellung zurück. Da auch der Daumen einen ähnlichen sinnreichen Mechanismus besaß, so vermochte Götz sein Schwert vollkommen sicher zu führen. (Das Weitere darüber, sowie eine Abbildung dieser eisernen Hand, s. unter Berlichingen, Gd. II, S. 834.) Ähnliche, wenn auch minder kunstreiche Vorrichtungen trugen der Seeräuber Horuk (1511), der Herzog Christian von Braunschweig (1622), der Soldat La Violette (1761) u. a. In der neuern Zeit 5. die Anfertigung künstlicher Gliedmaßen infolge der großen Fortschritte der Technik, der Einführung geeigneterer Materialien, wie des Kautschuks, des Hartgummis u. dgl., und infolge der fabrikmäßigen Herstellung, welche besonders durch den amerik. Bürgerkrieg angeregt wurde, zu hoher Vollkommenheit gediehen. ö X Ein künstliches G. soll im allgemeinen so konstruiert sein, daß es die Amputationsnarbe nirgends drückt und bei einem möglichst geringen Gewicht doch hinreichende Festigkeit, Einfachheit und Dauerhaftigkeit besitzt. Ein jeder derartiger Apparat, so verschieden auch im übrigen seine Konstruktion sein mag, besteht aus drei Hauptbestandteilen, aus dem sog. Körper oder der Hülse, welche im allgemeinen die Form des verlorenen G. nachahmt und genügend fest und dauerhaft sein muß, aus dem sog. Mechanismus, welcher die einzelnen Hülsenteile miteinander verbindet und durch Scharniergelenke, Metallfedern, Kautschukstränge, Darmsaiten u. dgl. gewisse Stellungsveränderungen derselben vermittelt, und den sog. Hilfsapparaten, denen die Befestigung des künstlichen G. am Amputationsstumpfe obliegt. Hinsichtlich der untern Extremität galt lange Zeit der Stelzfuß für das beste Ersatzmittel, ein hinreichend starker 5 erner Stiel, an welchem eine! ülse befestigt ist, die zur Aufnahme des Amputationsstumpfes dient (s. beistehende Fig. 1), und in der That erlangen viele Verstümmelte eine ganz außerordentliche Fertigkeit und Geschicklichkeit im Gebrauche ihres Stelzfußes; doch haben sich, ganz abgesehen von der Verunstaltung, die übermäßige Belastung des gesunden Fußes sowie die Notwendigkest, beim Gehen mit dem zruß abnorme Drehbewegungen vorzunehmen, und die bei jungen Individuen hieraus entspringende Gefahr einer dauernden Verkrümmung der Wirbelsäule als schwerwiegende Nachteile heraus⸗ Fig. 1. gestellt. Das erste brauchbare künstliche Bein rührt von Pott in Chelsea (1816) her, welcher dasselbe für den Marquis von Anglesey anfertigte und zuerst einen besondern Mechanismus für die eugung des Knie⸗ und Fußgelenks anbrachte. Dieses in England sehr verbreitete Anglesey-Pottsche Bein besteht aus einem Lindenholzkörper mit Stahlscharniergelenk, wiegt 3,½0 kg und kostet ungefähr 35 Pfd. St. Als wichtigste Verbesserungen sind zu nennen: das Bein des Dr. Palmer in Amerika, welches sich durch einen außerordentlich sinnreichen und komplizierten Mechanismus auszeichnet, aber häufige Reparaturen erfordert (Preis 150 Doll.); das Bein von William Selpho in Neuyork, welches sich von andern künstlichen Beinen durch zweckmäßige Anbringung einer Fersensehne unterscheidet (Preis 150 Dollars); das Bein des Dr. Douglas Bly in Rochester, bei dem die Bewegungen nicht durch Metallfedern, sondern durch komprimierten Kautschuk hervorgebracht werden und dessen Sprunggelenk aus einem freibeweglichen Glaskugelgelenk zesteht (Preis 175 Doll.); das Bein des Prof. Smarch mit sinnreichem Kniegelenkmechanismus, Hesonderer Federvorrichtung für Beugung des Kniezelenks und Streckung des Fußgelenks und sehr reiem Zehenmechanismus (Preis 150 Mark); das Zein des Amerikaners A. Marks, dessen aus Weichummi bestehender Fuß mit dem Unterschenkel durch inen feststehenden Holzzapfen artikuliert und eines desondern Zehenmechanismus entbehrt (Preis 100 reten und von starken Darmsaiten (D) durchbohrt verden, die sich nach abwärts an Stelle der natürichen Sehnen erstrecken und in ihrer Spannung Hzurch Schraubenmuttern (E) erhalten und reguliert verden. Ruht nun beim Gehen das Gewicht des görpers auf der Kugel des Fußgelenkes C, so ist die Kautschukfeder, welche den Wadenmuskel verritt, stark zusammengedrückt, und wenn das Gevicht des Körpers nach vorn auf den andern Fuß jeworfen wird, so hebt sich die Feder und bringt den Fuß nach vorwärts. Auf die gleiche Weise werden die Bewegungen des Kniegelenks vermittelst der Kautschukfeder Eund des Drahtes H, die Bevegungen der Zehen durch die Feder O vermittelt; eschränkt und geregelt wird die Bewegung des mniegelenks durch die Schnur A, die die Stelle der treuzbänder des natürlichen Kniegelenks vertritt. Außerst schwierig ist der künstliche Ersatz der obern Ertremität, da es hier gilt, eine Reihe sehr zusamnengesetzter und verwickelter Bewegungen zu eretzen. Den ersten befriedigenden Apparat der Art tellte der Holländer van Peeterssen (1844) her, welher ziemlich ausgiebige Fingerbewegungen dadurch »rmöglichte, daß Darmsaiten, welche mit dem einen Inde an den künstlichen Fingergliedern, mit dem indern an einem Korsett befestigt sind, durch Verrzung bei verschiedenen Stellungen des Ampuationsstumpfes einen Zug ausüben und dadurch den Widerstand von Federn, welche sonst die Finger in beständiger Beugung erhalten, überwinden. Am kunstvollsten ist der Aendisenin verfertigte durch liche Arm des Tenoristen Roger in Paris, der durch einen ähnlichen Mechanismus nicht nur jede beliebige Beugung und Streckung der Finger, des Handgelenks und des Vorderarms, sondern aue durch Einschaltung einer rechtwinkelig zur Achse d Arms ralo d. festen Scheibe, an deren Rand die außerhalb des Oberarms verlaufenden Saiten angreifen, ergiebige Drehbewegungen (Pronation und Supination) der Hand und des Vorderarms gestattet. Weitere Vorrichtungen dieser Art rühren von Graf . .. Béard, Gremmel, Kolbe, asters, Fichot u. a. her. Der Preis eines künstlichen Arms schwankt en 100 und 225 Mark. Das Außere eines solchen stellt Fig. 3 dar, in welcher a den Amputationsstumpf des Oberarms, b die Hülse für den Oberarm, e das Scharniergelenk des Ellbogens, d die Hülse für den Vorderarm, e das drehbare Handgelenk, k die beweglichen Fingerglieder und g die Hülfsapparate zur Befestigung des künstlichen Arms am Oberkörper darstellt. Bei allen Wimüweuhe Verstümmelten, we schwere Arbeiten zu ver⸗ Jig. 2. richten haben, muß die künstliche Hand zum Abnehmen eingerichtet sein, um je nach Bedarf an deren Stelle einen starken eisernen Haken (zum Heben, Tragen und Fortschaffen von schweren Lasten) oder eine federnde Greifzange (zum festen Greifen und leichtern Arbeiten) einhängen zu können. Die Lehre von der Herstellung und Anwendung künstlicher G. wird als Prothesis bezeichnet. Litteratur. Fritze, Arthroplastik oder die sämtlichen bisher bekannt gewordenen künstlichen Hände und Füße (Lemgo 1842, mit 26 Tafeln); Douglas Bly, «Artificial legs and arms. Remarkable inventions (Rochester 1860); E. Meier, «liber künstliche Beiner (Berl. 1871, mit 24 Holzschnitten); A. Daul, «A. A. Marks' künstliche Glieder mit Kautschukfüßen und ⸗Händeno (nach dem Amerikanischen, Philad. 1871); O. Karpinski, „Studien über künstliche Glieder, im Auftrag des königl. preuß. Kriegsministeriums bearbeitety (Berl. 1881, mit Atlas). Gblied heißt in der Militärsprache die Aufstellung einer Anzahl Fußmannschaften oder Reiter in einer geraden Linie nebeneinander, sodaß die einzelnen Fühlung mit ihren Nebenmännern haben, d. h. daß sie letztere berühren. Die Infanterie wird der Regel nach in zwei oder drei Gliedern, die Kavallerie meist in zwei Gliedern rangiert. Die hintern Glieder der Infanterie stehen von den vordern in einem Abstande, der nach den verschiedenen Reglements zwischen 40 und 64 em vom Rücken des Vorder⸗ zur Brust des Hintermanns schwankt, bei Märschen aber erweitert werden kann. Bei der Kavallerie beträgt der Abstand vom Schwanze bis zum Kopfe der hintereinander „ Oireere Pferde 80—240 em, wobei sich die große Differenz zel reglementarische, hier nicht zu erörternde Einzel-Uinter erklärt. Die in den Gliedern unmittelbar intereinander stehenden Mannschaften bilden eine Rotte. Haben die Infanteristen keine Fühlung, sondern Zwischenräume voneinander, so entsteht aus dem G. eine Kette und aus der geschlossenen die Olicdert Ordnung. liederhülse ist diejenige Form der ESamen hülle der Leguminosen, welche zwischen den Samen zusammengeschnürt ist, sodaß eine querteilige, in mehrere Stücke zerfallende Spaltfrucht entsteht. Eine Gliederhülse besitzen unter andern die Arten von Süßklee (Hedysarum).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 106Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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