FeedGneisenau (Aug., Graf Neithardt von)
ErdkundeBrockhaus 1882

Gneisenau (Aug., Graf Neithardt von), preuß. Generalfeldmarschall, geb. 27. Okt. 1760 zu Schilda in der preuß. Provinz Sachsen, aus einer alten österr. Familie Neithardt, welche Schloß G. bei Efferding besaß, war der Sohn eines sächs. Artillerielieutenants von Neithardt, dem die aus Würzburg gebürtige Gattin in den Krieg gefolgt war. Diese blieb in Schilda zurück und starb bald, während der Vater bei der Reichsarmee gegen Preußen im Felde stand. Der Knabe wurde von fremden Leuten aufgenommen, hütete die Gänse und ging barfuß zur Schule, bis er, neun Jahre alt, von seinem mütterlichen Großvater, dem Artillerie-Oberstlieutenant Müller in Würzburg, der erst jetzt Kenntnis von seinem Dasein erhielt, abgeholt wurde. G.erhielt nun in Würzburg seine Erziehung in einer Jesuitenschule und kehrte nach dem Tode des Großvaters, 1772, ins väterliche Haus nach Erfurt zurück, besuchte 1777 die dortige Universität, trat 1779, namentlich durch Geldnot veranlaßt, in ein zu Erfurt stehendes österr. Regiment ein, 1780 aber in den Dienst des Markgrafen Alexander von Ansbach-Bayreuth und wurde hier 1782 Offizier unter dem Namen Neithardt von G., nach dem Gute in Österreich genannt, das früher seiner Familie gehört hatte. Noch in demselben Jahre ging er mit den Ersatztruppen für die bei Norktown gefangenen markgräfl. Regimenter nach Amerika, kam dort war nicht zum Kampfe, da der Friede 1783 erjolgte gewann aber neuartige Anschauungen über das Kriegswesen, den Volkskrieg, die Vorzüge eines Volksheers und eine veränderte Kriegführung und Taktik. Nach seiner Rückkehr bewarb er sich bald um eine Anstellung in der preuß. Armee und wurde 1786 von Friedrich d. Gr. als Premierlieutenant in das Gefolge aufgenommen, im August desselben Jahres aber in eins der neuerrichteten Freiregimenter nach Löwenberg in Schlesien versetzt, welche Friedrich Wilhelm II. in Füsiliere verwandelte. G. wurde 1790 Stabskapitän, marschierte 1793 nach Polen und wohnte dem Feldzuge von 1794 bei. In dem folgenden Garnisonleben in Jauer bis 1806 widmete er sich militärischen und polit. Studien, verheiratete sich 1796 mit Karoline Baronin von Kottwitz aus dem Hause Kauffungen und marschierte 1805 mit seinem Bataillon nach Franken. Im Kriege von 1806, dessen Unglück er voraussah, wurden zuerst seine Talente bemerkt. Er nahm an der Schlacht bei Saalfeld, sowie im Stabe Hohenlohes an der Schlacht bei Jena teil, wurde zum Major befördert und führte dann eine Brigade von vier in Litauen neu aufgestellten Reservebataillonen. Im März 1807 wurde er von Königsberg nach Danzig und von dort im April an Stelle des hochbetagten Obersten von Lucadou nach Kolberg als Kommandant geschickt, wo er durch zweckmäßige Anstalten alle Angriffe des Feindes zurückschlug und in glänzender Verteidigung, auch durch Ausfälle und Gegenarbeiten, die Festung bis zum Tilsiter Frieden hielt. Noch während der Belagerung war er zum Oberstlieutenant befördert worden und empfing den Orden pour le mérite; nach dem Frieden berief ihn der König in die Reorganisationskommission und ernannte ihn im Sept. 1807 zum Chef des Ingenieurkorps. G. entwickelte nun, mit den ausgezeichnetsten Männern, genne un tein und Scharnhorst, in Verbindung, eine umfassende Thätigkeit für die Wiedergeburt des Staats und wurde 1809 zum Obersten befördert; aber von der franz. Partei verdächtigt, erbat er nach der Entlassung Steins seinen Abschied, den er auch für die Dauer des Friedens erhielt. Er bereiste hierauf England, Schweden und Rußland und wurde vielfach zu wichtigen geheimen Sendungen gebraucht. Bei der Erhebung 1813 kehrte er aus England zurück, wurde als Generalmajor und Generalquartiermeister des Blücherschen Korps angestellt und nach Scharnhorsts Tode Chef des Generalstabes der schles. Armee. In dieser Stellung hatte er hervorragenden Anteil an den Erfolgen der Befreiungskriege. In vollkommenem Einverständnisse mit seinem Oberfeldherrn drängte er immer zur entscheidenden That, doch erwog er stets in sorgfältiger Berechnung die Kriegslage und war Meister im Entwerfen kühner, dabei aber jedes vermeidliche Wagniß ausschließender Operationspläne: so 1813 nach dem Waffenstillstande bei dem Zaudern des Kronprinzen von Schweden, so 1814 in Frankreich Vorn Schwarzenbergs Ansichten den Hlan zum Wmarsch auf Paris. Nach der Schlacht von Leipzig wurde er Generallieutenant. Nach dem Pariser Frieden erhob ihn der König in den Grafenstand und gestattete ihm, sich eine Domäne von 10000 Thlr. jährlicher Einkünfte auszuwählen. Im Jahre 1815 war er wieder Chef des Blücherschen Generalstabes. Er ordnete nach der Schlacht bei Ligny den Rückzug wegen Blüchers Erkrankung selbständig und derart, daß die Armee zwei Tage darauf durch ihr für den Feind überraschendes Erscheinen die Schlacht bei Waterloo entschied, und bewirkte durch die, trotz der Ermüdung der Truppen mit Nachdruck unmittelbar vom Schlachtfelde aus begonnene, von ihm selbst geleitete Verfolgung, daß dieser Sieg den Widerstand Frankreichs brach und dem ganzen Kriege ein Ende machte. Als besondere Auszeichnung wurde ihm neben der Ernennung zum General der Infanterie der hohe Orden vom Schwarzen Adler verliehen, welcher in Napoleons Wagen gefunden worden war. Nach dem zweiten Einzuge in Paris nahm er teil am Friedensschlusse und wurde zum kommandierenden General des 8. (rhein.) Armeekorps ernannt. Hierauf begleitete er Blücher nach England. Schon 1816 fühlte er indes teils aus Gesundheitsrücksichten, teils aus polit. Gründen sich bewogen, seinen Abschied zu fordern, der ihm für die Dauer des Friedens gewährt wurde. Er zog sich nach seinem Schlosse Erdmannsdorf (bei Warmbrunn in Schlesien) zurück. Nach Kalckreuths Tode ernannte ihn der König 1818 zum Gouverneur von Berlin und Mitglied des Staatsraths und 1825 zum Generalfeldmarschall. Im März 1831 wurde ihm, als der poln. Aufstand sich der preuß. Grenze näherte, der Oberbefehl über die vier östlichen preuß. Armeekorps 5 2., 5. und 6.) anvertraut. G. begab sich nach Posen und starb dort an der Cholera in der Nacht vom 23. auf den 24. Aug. 1831. Am 21. Mai 1855 wurde ihm auf dem Opernplatze in Berlin ein von Rauch gefertigtes Erzstandbild errichtet. Mit den umfassendsten Kenntnissen und allen Eigenschaften eines Feldherrn vereinigte G. die kiebenswürdigste Becheidenheit und Menschenfreundlichkeit, und sein ritterlicher Charakter, seine feine gesellige Bildung und seine Tugenden als Familienvater erwarben ihm die allgemeinste Achtung und Liebe. Eine namentlich an urkundlichem Material sehr reichhaltige Biographie G.s veröffentlichte Pertz (3 Bde., Berl. 1864—69; Bd. 4 und 5 von Delbrück, 1880; einen Auszug daraus Delbrück, 2Bde. Berl. 1882). Sein dritter Sohn Bruno, Graf Neidhardt von G., geb. 3. Mai 1811, führte während des vreih. Armeetorpe, Kriegs die 31. Brigade des 8. preuß. lrmeekorps, wurde nachher Generallieutenant und Kommandant der Festung Magdeburg, später Gouverneur der Festung Ulm und ist seit 1882 General der Infanterie z. D.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 136Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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