Görlitz, Stadt und Stadtkreis im Regierungsbezirk Liegnitz der preuß. Provinz Schlesien, die zweite der ehemaligen Sechsstädte des Markgrafentums Oberlausitz, am linken Ufer der Lausitzer Neisse, 205 müber dem Meere, Knotenpunkt von fünf Eisenbahnen (der Linien Berlin-G. Donderg den G.⸗Lauban, G.⸗Zittau und G.⸗Seidenberg der Preußischen und Dresden-G. der Sächsischen Staatsbahn), ist Sitz des Landratsamts für den Landkreis G., eines Land⸗, Schwur- und Amtsgerichts, eines Eisenbahnbetriebsamts, eines Bergreviers, eines Hauptsteueramts und zählt (1880) 50307 E. (darunter 5267 Katholiken und 683 Juden). Die Stadt besitzt eine vorzügliche Wasserleitung, sowie eine in drei Linien die Stadt durchkreuzende Pferdeeisenbahn. Unter den fünf evang. Kirchen zeichnet sich aus die große, schöne Hauptkirche zu St. Peter und Paul (aus dem 15. Jahrh.), mit trefflicher Orgel und sehr großer Glocke. Sonst sind von Bauwerken noch bemerkenswert: die Frauenkirche (1450 —90 erbaut) mit schönem durchbrochenen Portal und Chor, die 1853 vollendete neue kath. Kirche, das Rathaus mit dem Wappen des Königs Matthias von Ungarn, einer merkwürdigen Steintreppe, sowie einer kunstvollen Decke von Holzschnitzwerk aus dem 16. Jahrh., erst 1873 bei Renovationsbauten wieder aufgefunden; die alte Bastei Kaisertrutz (zur Hauptwache eingerichtet), das Ständehaus inmitten schöner Anlagen, das 1851 erbaute städtische Theater, das 1856 im got. Stil aufgeführte Gymnasialgebäude, das stattliche neue Mittelschulgebäude, die 500 melange und 406m hohe Eisenbahnbrücke auf 32 Bogen u. s. w. Merkwürdig ist die Nachbildung des Heiligen Grabes zu Jerusalem, welches sich auf einem Hügel bei der kleinen Kirche zum Heiligen Kreuz befindet, sowie der sehr ausgedehnte Friedhof mit vielen Grabmonumenten. An Denkmälern besitzt G. das des Oberbürgermeisters Demiani (gest. 1846) auf dem Marienplatz, das Schiller-Denkmal, Humboldt-Denkmal, das Kriegerdenkmal für 1813 und das Kriegerdenkmal für 1870/71 mit Fries von Siemering. Von höhern Unterrichtsanstalten bestehen zu G. außer dem Gymnasium noch ein Realgymnasium, eine Mittelschule, autiehllen⸗ Töchterschule und mehrere höhere Privatschulen, darunter zwei Institute für Vorbereitung zum Militärdienst. Die Naturforschende Gesellschaft besitzt reiche Sammlungen und ebenso die 1778 begründete, 1790 neugestaltete Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften, welche eine ansehnliche Bibliothek nebst Sammlungen von Kunstsachen, Münzen und Naturalien besitzt und außer einer Zeitschrift auch einige schätzbare Werke zur Geschichte der Lausitz mhischer Ater hat. Ein städtisches Museum lausitzischer Altertümer ist (1884) in der Entstehung begriffen. In der hiesigen Industrie „steht die Tuchfabrikation mit Export nach Japan, „Ostindien, der Levante, Südeuropa und Skandi⸗ „navien nebst ihren Nebengewerben (Färbereien, )Appreturen u. s. w.) obenan. Daneben werden be⸗ „sonders noch viel Wollwaren, Tabak, Cigarren, babnmater auch Maschinen und namentlich Eisenahnmaterialien, Spiel- und Posamentierwaren und Elfenbeinschnitzereien fabriziert. Der sehr lebhafte und in stetem Wachstum begriffene Handel, der sich besonders auf die Produkte der städtischen Hundelen und Getreide erstreckt, wird durch eine andelskammer, eine Reichsbankstelle und die von den Ständen der Oberlausitz begründete Kommunalständische Bank unterstützt. Nahe bei der Stadt befindet sich eine Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke. G. gehört wegen seines Besitzes von 27558 ha Forst und vielen Gütern und Vorwerken den reichsten Städten Schlesiens. G. war schon zu Ende des 12. Jahrh. eine starke Festung und zuerst böhmisch; 1250—1319 gehörte es zur Mark Brandenburg,‚, 1319—29 zum Herzogtum Jauer, seit 1329 wieder zu Böhmen; 1303 wurde der Stadt durch die Markgrafen von Brandenburg magdeburgisches Recht zuteil. Ihre Blüte entfaltete sie unter König Johann von Böhmen und Kaiser Karl IV., welche sie mit kostbaren Privilegien begabten. Letzterer bildete aus G. und einem ansehnlichen Gebiete ein eigenes Fürstentum dieses Namens und gab dasselbe seinem Sohne Johann, der aber die Görlitzer zur . reizte, sodaß sie ihn 1390 verjagten. In die bald darauf beginnenden langdauernden Religionszwiste wurde G., als zu Böhmen gehörig, unmittelbar verwickelt. Durch den Prager Frieden von 1635 gelangte dasselbe an Sachsen. Am 7. Sept. 1757 fand in der Nähe der Stadt ein Treffen zwischen Preußen und Osterreichern statt, in welchem Friedrich d. Gr. den General von Winterfeld verlor. Im J. 1815 fiel die Stadt mit einem großen Teil der Oberlausitz an Preußen. Seit der Entwickelung des Zollvereins, besonders aber seit Herstellung der Sächsisch-Schlesischen Eisenbahn hat G. eine neue Blütezeit begonnen. In der Nähe liegt isoliert die Landskrone, ein 432 m hoher kegelförmiger Granit- und Basaltberg, der früher eine 1402 zerstörte Raubburg trug und eine treffliche Aussicht gewährt. Auch hat die Stadt selbst an ihrer Ost- und Südseite ausgedehnte Promenaden mit sehr schönen Anlagen. In G. lebte und starb der Theosoph Jakob Böhme (s. d.). Vgl. Büsching, Altertümer der Stadt G.» (Görl. 1825); Neumann, „Geschichte von G.» (Görl. 1850) und ⸗Wegweiser durch G.v (Görl. 1850); G. und seine Umgegendo (2. Aufl., Görl. 1875). Im Landkreise Görlitz, der auf 867 qkm (1880) 51437 E. zählt, liegt die Stadt Reichenbach mit 1854 E.