Graudenz (poln. Grudzigdz), Kreisstadt im westpreuß. Regierungsbezirk Marienwerder, am rechten Ufer der Weichsel, über welche eine 1092 m lange Eisenbahnbrücke führt, 35 km im SSW. von Marienwerder und 64 km im NNO. von Thorn, Station der Linien Laskowitz-Jablonowo und Thorn-G. der Preußischen Staatsbahn, ist Sitz eines Landratsamts, eines Land⸗, eines Schwur- und eines Amtsgerichts, einer Reichsbankstelle, eines landwirtschaftl. Kreditvereins, hat fünf Kirchen (worunter eine evangelische, zwei für kath. und evang. Kultus benutzte), zwei jüd. Tempel, ein königl. Gymnasium, ein kath. Schullehrerseminar (im 1774 aufgehobenen Jesuitenkollegium), eine höhere Töchterschule mit Lehrerinnenseminar, zwei Waisenhäuser, ein Rettungshaus, ein Zuchthaus und eine Provinzialbesserungs⸗ und Landarmenanstalt, welche nach Konitz verlegt werden soll. Die Stadt zählt (1880) 17321 E. (davon 108859 Evangelische, 5490 Katholiken und 894 Juden), welche außer Getreide⸗ und Holzhandel eine nicht unbedeutende Industrie (Eisengießereien und Maschinenfabriken, Ofenthüren⸗, Bürsten⸗, Ziegel⸗, Tabaks- und Cigarrenfabrikation, Wagenbau, Teppichweberei, Färberei) betreiben. Wolle wird nach Danzig, Vieh nach Berlin und London ausgeführt. G. erscheint zuerst unter dem Namen Grudene 1222 und erhielt w1291 Stadtrechte. Von der 1231 erbauten deutschen Ordensburg (Komturei) sind noch Fundamente und ein Turm vorhanden. Die Aussicht vom mit Anlagen geschmückten Schloßberge auf das Inundationsgebiet der Weichsel, die Stadt und ihren meilenweiten Umkreis zählt zu den schönsten in Deutschland. Im Frieden von Thorn 1466 kam G. unter poln. Schutzherrschaft; 1655— 59 war Schweden im Besitz von G. und 1772 kam es an Preußen. Die Festung Graudenz, 1772 —76 von Friedrich d. Gr. angelegt, liegt 1, km stromabwärts auf einer 63 mehohen Anhöhe. Berühmt ist ihre Verteidigung unter Courbière gegen die Franzosen. Als 1806 alles verloren schien, hielt Courbiere, obschon ein Teil der Garnison unzuverlässig war und bald franz. Truppen G. auf beiden Weichselufern einschlossen, die ihm anvertraute Feste bis zum Tilsiter Frieden. Seit 1873 als Festung aufgegeben, dient sie jetzt als Kaserne, Depöt und Militärstrafanstalt, und zählt (1880) 2121 E. Zwei kleine, die Eisenbahnbrücke beherrschende Werke werden noch erhalten. Auf dem Paradeplatze der Festung wurde 1815 Courbière ein Denkmal errichtet. Der Kreis Graudenz zählt (1880) auf 83138 qkm 63 141 CE. (davon 35791 Evangelische, 25 827 Orane und 1374 Juden, 17000 Polen).