FeedGöschen (George Joachim)
GeschichteBrockhaus 1882

Göschen (George Joachim), engl. Staatsmann, Sohn des Bankiers Wilhelm Heinrich G., wurde 15. Aug. 1831 in London geboren. Nachdem er die Schule in Rugby besucht und seine Universitätsstudien in Orford mit Auszeichnung beendet hatte, trat er 1853 als Associé in das Bankgeschäft der Firma Frühling u. Göschen ein. Allgemeiner bekannt wurde er zuerst 1863 durch sein Werk The theory of foreign exchanges o (Lond. 1863; 9. Aufl. 1876), das ihn als einen Finanzmann von großem Scharfsinn und ungewöhnlicher Weite des Gesichtskreises kennen lehrte und dessen Eindruck es vorzugsweise zuzuschreiben war, daß 1864 die City von London ihn als einen ihrer Vertreter ins Parlament wählte. G.s tüchtige Kenntnisse, die praktische Richtung seiner Denkweise und sein unzweifelhaftes Rede⸗ und Debattiertalent erwarben ihm hier bald eine anerkannte Stellung, sodaß Lord Russell ihn schon 1865 als Vizepräsidenten des Handelsamts ins Ministerium berief. Im Jan. 1866 wurde er zum Kanzler des Herzogtums Lancaster ernannt, wodurch er Sitz und Stimme im Kabinett erlangte; er bekleidete dieses Amt bis zum Fall des Ministeriums Russell im Juli 1866. Als zwei Jahre nachher (Dez. 1868) die liberale Partei unter Gladstones Führung von neuem ans Ruder zurückkehrte, erhielt G. den schwierigen Posten des Ministers des Armenwesens. Sein Verwaltungs- und Organisationstalent fand hier ein fruchtbares Feld der Bethätigung, und er entwickelte auf demselben einen umsichtigen, energischen Reformeifer, der ihm allgemeine Anerkennung erwarb. Als im März 1871 der Marineminister Childers sein Amt wegen Kränklichkeit niederlegte, wurde er zu dessen Nachfolger ernannt. In dieser wichtigen Stellung erzielte G. in der Verwaltung und Reorganisation der engl. Marine bedeutsame Erfolge. Unter anderm war ihm die Errichtung der höhern Seeschule (Royal Naval College) in Greenwich zu danken. Er verlor seinen Posten als Marineminister bei dem Falle des Ministeriums Gladstone im Jan. 1874 und kämpfte seitdem wieder in den Reihen der Opposition. Im Okt. 1876 unternahm er auf den Wunsch der engl. Aktionäre der ägypt. Stgatsanleihen eine Mission an den Vizekönig von Agypten, dem er Vorschläge zu einer umfassenden Reform der ägypt. Finanzen vorlegte, welche in allen Hauptpunkten von dem Vizekönig genehmigt wurden und die Herstellung der engl.⸗ franz. Kontrolle zur Folge hatten. In das im April 1880 gebildete zweite Ministerium Gladstone trat G. nicht ein, weil er in Bezug auf eine durch Gladstone in Aussicht gestellte wichtige Reformmaßregel, die Assimilation des Wahlrechts der Grafschaften mit dem der Städte, abweichender Meinung war. Dagegen übernahm er im Mai 1880 den Ranuteines außerordentlichen Gesandten in Konstantinopel, mit dem besondern Zwecke, die schwebende montenegrinische Frage zur Erledigung zu bringen, und trug durch ein ebenso energisches als taktvolles Auftreten viel zu dem befriedigenden Ausgange der Unterhandlungen mit der Pforte bei. Bei den Neuwahlen von 1880 zum Abgeordneten für Ripon gewählt, nahm er nach seiner Rückkehr von Konstantinopel von neuem seinen Platz im Parlament ein, wo er seitdem, als unabhängiges und im Heren einem mäßigen Fortschritt geneigtes Mitglied er liberalen Partei, öfters in wirkungsvoller Weise seinen Einfluß geltend gemacht hat.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 214Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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