Gramineen (Graminéae) oder Gräser, Pflanzenfamilie aus der Gruppe der Monokotyledonen. Dieselbe umfaßt etwas über 3000 Arten und ist somit eine der größten des ganzen Pflanzenreichs, sie ist zugleich auch die wichtigste Familie für den Menschen, denn fast alle Getreidearten (s. Getreide, Bd. VII, S. 927, nebst dazu gehöriger Tafel), sowie die wichtigsten Futterpflanzen (s. unter Futter und Futterbau) für die Haustiere arhentliche faft Fre Verbreitung ist eine außerordentliche; fast überall, wo überhaupt noch phanerogame Gewächse gedeihen, finden sich auch Vertreter aus der Familie der G., sie finden sich noch in den an Reni Alpen, in den kältesten en Oe der arktischen Regionen, sowie in den heißesten Gegenden der Tropenzone. Da die meisten Arten derselben gesellig vorkommen, so bedecken sie oft große Flächen, wie die zahlreichen Steppengräser und diejenigen, welche den Hauptbestandteil der Wiesen bilden. Viele der mehlgebenden G. sind schon seit so langer Zeit in Kultur, daß man über ihr eigentliches Vaterland nichts Sicheres angeben kann, zumal sie sich in der Gestalt, wie sie jetzt als Kulturpflanzen vorhanden sind, nirgends mehr wild wachsend finden. Die meisten G. sind krautartige einjährige, zwei-Acreit oder perennierende Gewächse, nur in der teilung der Bambuseen finden sich baumartige Renel Die ausdauernden Arten besitzen in der egel Rhizome, die entweder mit langen Internodien versehen sind und kriechend fortwachsen, oder knollenförmige Gestalt mit verkürzten und verdickten mπ besitzen. Da aus ein und demselben Rhizom zahlreiche Halme hervorsprossen, o bilden diese G. meist dichte Rasen und werden eshalb auch als crasenbildender bezeichnet. Etwas Ahnliches findet sich bei den Getreidearten, die nur ein-oder zweijährig sind und kein Rhizom besitzen; hier werden aus den untersten Partien der Halme zahlreiche Seitenknospen gebildet, sodaß aus einem Korne eine größere Anzahl von Halmen hervorzusprossen scheinen; man bezeichnet diese Verzweigung als 4Bestockungy. Dieselbe ist selbstverständlich für den Gesamtertrag der Getreidearten von hoher Wichtigkeit. Einige im losen Sande der Dünen sehr gut gedeihende Gräser haben wegen ihrer Eigenschaft, durch reich verzweigte Rhizome jenen Sand zusammenzuhalten und gewissermaßen zu befestigen, eine große Wichtigkeit Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. der manche Küstenpartien erlangt; 10 werden z. B. er Sandhafer (Elymus arenarius), sowie der Sand31009 (Ammophila arenaria), an den Küsten der ord⸗ und Ostsee im großen Maßstabe angebaut, um die Dämme zu schützen. Die einjährigen Arten besitzen stets eine sog. Faser⸗ oder Zaserwurzel, die dadurch entsteht, daß die Hauptwurzel bald nach der Keimung abstirbt und an Stelle derselben sehr zahlreiche fadenförmige Nebenwurzeln treten. Die mit Rhizomen versehenen Arten besitzen büschelige oder ebenfalls faserförmige Wurzeln an den Internodien der Rhizome. Die oberirdischen Stammorgane, auch Halme genannt, sind bei den einheimischen Gräsern meistens unverzweigt, wenigstens in ihren obern Partien, bei den größern Formen der wärmern Gegenden, hauptsächlich bei den baumartigen Bambuseen, ist dagegen die Verzweigung häufig eine äußerst reichliche. (S. Tafel: Gramineen, Bambusa arundinacea, Fig. 13.) Die Stengel sämtlicher G. sind mit Knoten versehen und haben in der Regel hohle Internodien. Wenn Biegungen, Krümmungen oder dergleichen an den Stengeln eintreten, etwa durch Einwirkung des Lichts oder der Schwerkraft, so finden dieselben stets in der Nähe der Knoten statt, da an diesen letztern Orten auch an ausgewachsenen Halmen noch wachstumsfähige Zellgruppen gelagert sind, die infolge jener Einwirkungen Wachstum in bestimmter Richtung zei-Haar Es ist dadurch dem Halme der G. die Mögichkeit gegeben, sich geotropisch (Q. Geotropismus) wieder aufzurichten, wenn er durch äußere Einflüsse, wie Wind oder Regen, an den Boden angedrückt worden ist; eine Erscheinung, die beim Getreide bekanntlich sehr häufig eintritt. Die Blattorgane der G. sind in der Regel lang und schmal, und besitzen eine den Halm vollkommen umschließende Blattscheide, welche ringsum den Knoten, auf dem das Blatt inseriert, angewachsen ist und das darüberstehende Internodium meist bis fast zur Hälfte seiner Höhe oder auch noch höher hinauf umgibt. Diese Scheide ist jedoch nicht volikommen geschlossen, sondern ist nichts anderes als der cylindrisch eingerollte Basalteil des Blattes, sodaß sie also an der dem Blatte gegenüberliegenden Seite aufgeschlitzt ist. An der Stelle, wo die eigentliche Blattspreite an die Scheide ansetzt, findet sich in den meisten Fällen als Fortsatz der röhrenförmigen Scheide ein zartes, farbloses, oft in zwei oder mehrere Lappen gespaltenes Häutchen, die sog. Ligula, deren Größe bei den verschiedenen Gattungen eine sehr variable ist. Die Ränder der Blätter sind bei vielen G. schneidend scharf, welche Eigentümlichkeit ihren Grund in kurzen, zackenartigen Fortsätzen der an den Rändern liegenden Epidermiszellen hat; da zugleich diese Zellen verkieselte Wände haben, so erklärt sich daraus ihre Schärfe. überhaupt zeichnen sich die G. durch ihren großen Gehalt an Kieselsäure aus, und zwar ist es vorzugsweise die Epidermis der Halme, in denen sich dieselbe ablagert, dieselbe erhält 1 eine gewisse Sprödigkeit und trägt so wohl auch 0r Gesamtfestigkeit der Stammorgane etwas bei, och jedenfalls nicht wesentlich, denn auch ohne Zusatz von Kieselsäure kultivierte G. können sich nicht minder gut aufrecht erhalten, als die unter normalen Verhältnissen aufgezogenen. Der Blütenstand der G. bietet große Verschiedenheiten dar. Die Blüten stehen zunächst in sog. Ahrchen, die nur wenige Blüten enthalten, häusig sogar bloß einblütig sind. Diese Ahrchen sind nun wiederum in mannigfachster Weise floreszenzen gruppiert, vorzugsweise in Rispen, Ahren und Trauben. (S. Tafel: Blüte und Blütenstand und Tafel: Gramineen.) Die einzelnen Blüten haben einen eigentümlichen Bau; in der Regel sind dieselben so zusammengesetzt, wie es die beistehende Skizze der Blüte von Bromus 0 zahl vorhanden und die Griffel XV stehen zu zwei, sie krümmen sich Fig. 2. außen. Von diesem Blütenbau o besitzen einige Gattungen, wie Bambusa, drei arben, eine andere, Nardus (s. Tafel: Graminee echs 6), nur eine Narbe, die Reisarten (Oryza) sechs Staubgefäße, die Gattung Anthoxanthum dagegen nur zwei. Der Fruchtknoten ist einächerig und enthält nur eine Samenknospe. Die rucht ist eine Schließfrucht und zwar eine sog. Caryopse; sie bleibt gewöhnlich umhüllt von den beiden Spelzen und oft auch noch von den darunterstehenden en Arten. u den Kelchspelzen (Glumae). Bei einigen Arten, wie bei dem Roggen und Weizen, fällt sie bei der Reife nackt aus den Spelzen heraus. Die systematische Einteilung der G. in mehrere Unterabteilungen ist zwar nicht in allen Systemen die gleiche, immerhin aber sind die wichtigsten Gruppen ziemlich sicher umgrenzt; dieselben sind folgende: 1) Oryzeae, hierher der Reis, Oryza Sativa (Fig. 10); 2) Maydeae, hierher der Mais, Zea Mais; 3) Paniceae, hierher die Hirse, Panicum miliaceum; 4) Androprogoneae, hierher das Zuckerrohr, Saccharum officinarum; 5) Phalarideae, hierher dasjenige Gras, welches den Canariensamen liefert, Phalaris canariensis (Fig. 3); ferner einige Wiesengräser, wie Alopéecurus pratensis (Fig. 11) und das durch seinen Gehalt an Cumarin (s. d.) ausgezeichnete Anthoxanthum odoratum (Fig. 4), welches dem Heu den bekannten Cumaringeruch verleiht; 6) Agrostideae, hierher das zu getrockneten Bouquets vielfach Verwendung findende Federgras, Stipa pennata (Fig. 15), sowie der zu ähnlichen Zwecken benutzte Windhalm oder Windfahne, Apera spica venti (Fig. 12); 7) Aveneae, zu denen die verschiedenen Haferarten gehören; 8) Chlorideae, hierher das durch seinen eigentümlichen Blütenstand ausgezeichnete Cynodon dactylum (Fig. 7); 9) Festuceae, zu denen die meisten Futtergräser gehören, wie das durch seine kammartigen Deckblättchen charakterisierte Cynosurus cristatus (Fig. 2), ferner das Zittergras, Briza media (Fig. Y, die zahlreichen Festucaarten Festuca ovina (Fig. ); auch das zierliche Perlgras, Melica nutans (Fig. 5), sowie das im Wasser flutende Süßgras, Glyceria fluitans (Fig. 14), dessen Samen, Mannagrütze oder Mannahirse, als Nahrungsmittel Verwendung finden, gehören hierher; 10) Hordeae, welche die wichtigsten Getreidearten umfassen, wie Roggen (Secale cereale), Weizen (Triticum vulgare), Dinkel (Triticum spelta), Gerste (Hordeum distichum), ferner gehören hierher der vielfach als Giftpflanze betrachtete Taumellolch, Lolium temulentum (Fig. 8) und das Borstengras, Nardus stricta (Fig. 6), welches, wie schon erwähnt wurde, dadurchecharakterisiert ist, daß in den Blüten nicht wie bei den meisten übrigen G. zwei, sondern nur eine Narbe vorhanden ist; 11) Bambuseae, zu denen viele baumartige Gräser, wie die Arten der Gattung Bambusa gehören. Fossile Gräser kennt man nur wenige; zwar sind viele Arten beschrieben und in verschiedene Gattungen, wie Bambusium, Culmites, Poacites u. a. zusammengefaßt worden; doch ist die genaue Bestimmung dieser Reste gewöhnlich nicht möglich, da nur von sehr wenigen Blütenstände erhalten sind, die sichern Aufschluß üÜber die systematische Stellung aäth können, von den meisten finden sich nur lätter oder vielmehr Blattfragmente. Litteratur. Linné, «Fundamenta agrostoplantarum etc. (Bd. 1: «Agrostographia synoptica , Stuttg. 1833); derselbe, Distribution méthodique de la famille des graminéeso (Par. 1835); Reichenbach, «Icones Florae germanicae et helvetiae etco (Bd. 1, Lpz. 1823—70); Steudel, Synopsis plantarum glumacearumo (2 Tle., Stuttg. 1855).