FeedGranville (George Leveson-Gower, Graf)
GeschichteBrockhaus 1882

Granville (George Leveson-Gower, Graf), hervorragender liberaler Staatsmannn, Sohn des vorigen, geb. 11. Mai 1815, verbrachte seine Kindheit in Paris und studierte dann in Orford. Er wurde hierauf seinem Vater als Attache beigegeben, 1837 für Morpeth ins Parlament gewählt und 1839 zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt ernannt, welchen Posten er 1841 durch den Rücktritt der Whigs verlor. Als diese Juli 1846 wieder ins Amt traten, erhielt G., der kurz vorher die Peerage geerbt die Stelle des Oberjägermeisters (Master of the buckhounds), die er im Mai 1848 mit der Vizepräsidentschaft des Handelsamts vertauschte. Nach dem Ausscheiden Lord Palmerstons im Dez. 1851 zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannt, rechtfertigte er die von ihm gehegten Erwartungen durch die Festigkeit, mit der er, die Politik seines Vorgängers verfolgend, in der Flüchtlingsfrage den Kontinentalmächten getemmen auftrat, während er durch offenes Entgegenommen die mit den Vereinigten Staaten entstandenen Mißhelligkeiten beizulegen wußte. Allein schon 22. Febr. 1852 * bei dem Falle des Whigministeriums G. mit seinen Kollegen seine Entlassung. In dem von Aberdeen gebildeten Koalitionsministerium wurde er Jan. 1853 Präsident des Geh. Rats, welches Amt er auch seit 1855 unter Palmerston fortführte. Im Febr. 1858 in den Sturz Palmerstons verwickelt, kehrte er mit diesem 1859 an seinen frühern Posten zurück und übernahm später den Vorsitz in der Kommission für die internationale Ausstellung von 1862. Nach Lord Palmerstons Tode (Okt. 1865) wurde ihm in dem Ministerium Russell das Staatssekretariat für die Kolonien übertragen, das er auch in dem Ministerium Gladstone (Dez. 1868) wieder übernahm. Außerdem wurde ihm an des gealterten Grafen Russell Stelle die Leitung der Debatten im Oberhause übertragen, zu der seine weltmännischen Formen und seine rednerische Gewandt⸗ * ise des Aue eigneten. Als im Juni 1870 der inister des Auswärtigen, Graf Clarendon, starb, folgte G. ihm in diesem wichtigen Amte nach. Die allgemeine Lage der Dinge schien damals vollkommen friedlicher Natur. Die aufregendste Angeleenheit, welche das Auswärtige Amt in London eschäftigte, war die Verhandlung mit Griechenland wegen der Ermordung engl. Reisenden in Attika. Aber kurz darauf begann der Deutsch-Französische Krieg, und bald forderten drei staatsmännische Probleme ersten Rangs Erledigung: das Verhältnis Englands zu den beiden kriegführenden Mächten, die Pontusfrage und die Differenzen mit Amerika. 9 allen dreien war eine friedliche und eine kriegerische Politik möglich. G. entschied für eine Politik des Friedens. Er brachte dieselbe zur Ausführung, indem er Deutschland und Frankreich gegenüber die Neutralität wahrte. In der Pontusfrage trat er dem Anspruch Rußlands auf eine eigenmächtige Lösung vertragsmäßiger Verpflichtungen mit Entschiedenheit entgegen, bot aber die Hand zum Vergleich, als jener Anspruch zurückgezogen wurde, und 2.7 in der im Jan. 1871 in London gehaltenen Konferenz durch zeitgemäße Zugeständnisse ein übereinkommen herbei. Die von dreien seiner Vorgänger (Russell, Stanley und Clarendon) ihm unerledigt hinterlassenen Differenzen mit Amerika in Bezug auf die Alabamafrage brachte G. wesentlich zur Schlichtung, indem er eine königl. Kommission nach Amerika schidte, deren Beamerit mit einer zu demselben Zweck ernannten amerik. Kommission im Juni 1871 den Vertrag von Washington zur Folge hatten. Die in diesem Vertrag gemachten Zugeständnisse wurden ihm mehrfach, als der Würde Englands zuwider, vorgeworfen. Man empfand es in England tief, als das schiedsrichterliche Tribunal, welches, dem Vertrag von er ohwalten gemäß, zu endgültiger Entscheidung der obwaltenden Streitfragen in Genf zusammentrat, im Sept. 1872, nach langen Verhandlungen, England die Zahlung einer Entschädigungssumme von 3 Mill. Pfd. St. auferlegte. So lebhaft man sich daher einerseits zur Erhaltung des Friedens Glück wünschte, so unzweifelhaft trug andererseits das Gefühl, daß Englands Ansehen im Auslande durch die gemachten Zugeständnisse gelitten habe, zur Schwächung des Ministeriums bei. Mit dem Falle desselben im Jan. 1874 erreichte auch G.s Verwaltung des Auswärtigen Amts ihr Ende. Während des dann folgenden Ministeriums Disraeli-Beaconsfield (1874 —80) verwaltete er den schwierigen Posten des Führers der liberalen Opposition in dem überwiegend konservativen Oberhause von neuem mit Geschick. Nach dem Sturze des Ministeriums Beaconsfield (April 1880) beauftragte die Königin zuerst G. mit der Bildung einer neuen Regierung, doch lehnte er diese Aufgabe ab und wies auf Gladstone hin. In dem Ministerium Gladstone übernahm er dann wieder das Auswärtige Amt. Die von befolgte Politik war jedoch namentlich hinsichtlich der ägypt. Frage von verschiedenen Mißerfolgen begleitet, sodaß im Febr. 1884 das engl. Oberhaus einen diese Politik verurteilenden Antrag mit großer Majorität annahm, während das Unterhaus ein beantragtes Tadelsvotum ablehnte. (S. unter Großbritannien.) loder Gran.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 296Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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