FeedGrevy (Frangois Paul Jules)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Grevy (Frangois Paul Jules), Präsident der Französischen Republik, geb. 15. Aug. 1813 zu Mont-sous-Vaudrey (Juradepartement), studierte die Rechte in Paris, wo er 1837 Advokat wurde und bald als trefflicher Geschäftsanwalt und als eifriger Verteidiger der Angeklagten von der radikalen Partei sich einen Namen erwarb. Nach der Februarrevolution ernannte ihn Ledru-Rollin zum Regierungskommissar im Juradepartement, in welcher Eigenschaft er sich durch seine Klugheit und Mäßigung allgemein geachtet und beliebt machte. Das Departement bezeigte ihm dadurch seine Erkenntlichkeit, daß es ihn fast einstimmig zum Abgeordneten in die Constituante wählte. G. gehörte hier der demokratischen Partei an und zeichnete sich als Redner durch Klarheit und scharfe Beurteilung der Verhältnisse und Personen aus. In seinem nur zu sehr begründeten Mißtrauen gegen die Pläne des Prinzen Napoleon stellte er bei den Debatten über die neue Verfassung, zu den Paragraphen über die künftige Exekutivgewalt, 7. Okt. 1848 ein Amendement, welches an der Stelle eines vom allgemeinen Stimmrecht auf gewisse Zeit erwählten Präsidenten der Republik einen von der Nationalversammlung mit absoluter Stimmenmehrheit auf ungewisse Zeit ernannten und jederzeit abberufbaren Präsidenten des Ministerrats vorschlug. Dieser Antrag wurde mit 643 Stimmen gegen 158 verworfen und die Wahl eines Präsidenten auf vier Jahre durch ein Plebiszit beschlossen. Nach der Wahl vom 10. Dez. bekämpfte er in der Gesetzgebenden Versammlung die Regierungstendenzen des Präsidenten Ludwig Bonaparte und protestierte nach dem Staatsstreich vom 2. Dez., mit den andern in der Mairie des 10. Arrondissements versammelten Deputierten, gegen denselben, wurde verhaftet, aber nach kurzer Gefangenschaft wieder in Freiheit gesetzt. G. zog sich nun vom polit. Schauplatz zurück und lebte ganz seinen Berufsgeschäften, bis er 1868, nachdem er Vorsteher des pariser Advokatenstandes geworden war, bei den Wahlen im Juradepartement mit großer Stimmenmajorität über den Regierungskandidaten siegte und auch im folgenden Jahre in den Gesetzgebenden Körper gewählt wurde. Nach dem Sturz des Kaisertums erkärte er sich gegen die Errichtung einer Diktatur und für die Berufung einer neuen Constituante, daher er auch von der provisorischen Regierung kein Amt annahm. Bei den Wahlen 8. Febr. 1871 wurde er in den Departements der Rhönemündungen und des Jura gewählt, für welches letztere er sich entschied. Am 17. Febr. berief ihn die Nationalversammlung zu Bordeaux auf den Präsidentenstuhl, welches Amt er viermal nacheinander bekleidete, bis er 1. April 1873, als die Rechte gegen einen von ihm erlassenen Ordnungsruf, der den Abgeordneten von Grammont betraf, protestierte, den Vorsitz niederlegte und die Wiederwahl, weil sie mit zu geringer Majorität erfolgt war, nicht annahm. Seine Broschüre Le gouvernement nécessairen (1873) ist gegen die monarchistischen Intriguen gerichtet. Bei den Wahlen 20. Febr. 1876 für das Arrondissement Döle (Juradepartement) abgeordnet, wurde er nach dem Zusammentritt der Deputiertenkammer 13. März mit 462 gegen 6 Stimmen wiederum zum Präsidenten gewählt und hielt nach dem Tode Thiers' diesem 8. Sept. 1877 die Grabrede. Nach dem Rücktritt des Präsidenten Marschall Mac-Mahon 30. Jan. 1879 zum Präsidenten der Republik auf sieben Jahre erwählt, unterzeichnete er in dieser Eigenschaft unter anderm 1880 die Märzdekrete gegen die vom Staate nicht anerkannten Kongregationen, sprach sich 1882 gegen die von dem radikalen pariser Gemeinderat beantragte Errichtung einer Centralmairie aus und wirkte, wenn auch nicht offiziell, der von Gambetta geplanten Listenwahl entgegen, dessen «Politik der Abenteuer von G. überhaupt gemißbilligt wurde. Andererseits freilich ließ er 1883 die Aufnahme des chauvinistisch gesinnten Generals Thibaudin als Kriegsminister in die zwei aufeinander folgenden Ministerien Fallieres und Ferry zu und unterzeichnete das von Thibaudin ihm vorgelegte, gegen die Prinzen von Orléans gerichtete Dekret vom 15. Febr. 1883. Bei dem Besuche, welchen König Alfons von Spanien 29. Sept. 1883 der Stadt Paris abstattete, unterließ er es, dem durch die Presse vorzubeugen, und willigte nur mit Widerstreben in die Entlassung des Kriegsministers Thibaudin, welcher jedem offiziellen Verkehr mit dem König ausgewichen und infolge dessen vom Ministerpräsidenten Ferry zum Rücktritt aufgefordert worden war. (Vgl. Frantreich, Geschi te.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 346Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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