Griechische Musik. Die erhaltenen Schriften des Aristoxenus, Ptolemäus, Aristides Quintilianus, Alypius, Boethius und anderer musikalischer Theoretiker berichten ausführlich über die Theorie der Musik bei den alten Griechen, dagegen ist von der praktischen Ausübung ihrer Musik nur durch wenige Fragmente von Melodien, welche zu Oden und Hymnen des Pindar, Dionysius und Mesomedes gehören, eine höchst unvollständige Kunde erhalten. Diese wenigen Fragmente jedoch, welche mit dem Charakter des Gregorianischen Kirchengesangs einige Verwandtschaft zeigen, sind wahrscheinlich als echt anzusehen. Sie zeigen stellenweise sehr melodiöse Wendungen, enthalten aber von einem harmonischen Kontrapunkt ebenso wenig irgend eine Spur, als eine solche in den Schriften der Theoretiker vorkommt, weshalb es, trotz der von neuern Schriftstellern mit Bestimmtheit ausgesprochenen Behauptung des Gegenteils, als gewiß anzusehen ist, daß eine Harmonik im modernen Sinne eines drei⸗ und mehrstimmigen Tonsatzes in eben dem Grade erst eine Erfindung christl. Zeitalter gewesen ist, wie z. B. in der Dichtkunst die gereimten Versmaße, oder in der Architektur der Spitzbogen. Nur muß man zwischen der modernen, wesentlich auf den beiden Dreiklängen beruhenden Harmonik und dem Zusammenklange einfacher Intervalle, wie der Quinte oder Quarte, wohl unterscheiden. Harmonische Zweiklänge (symphona genannt) waren den Alten bekannt; doch wird ihr zweistimmiger Tonsatz mehr technisch als künstlerisch, und daher eine Handwerkskenntnis der betreffenden Instrumentalisten gewesen sein, weil sonst die Theoretiker darüber schwerlich ein gänzliches Stillschweigen beobachtet hätten. Um so reichhaltiger ausgebildet war bei ihnen die Theorie der melodischen Oktavengänge (harmoniai genannt), deren sie sieben unterschieden. Denn unserer Durtonleiter, welche ihnen unter dem Namen der Lydischen Oktave, und unserer Molltonleiter, welche ihnen unter dem Namen der Hypodorischen Oktave bekannt war, stellten sie noch fünf andere ur Seite. Diese sieben Oktaven bildeten das alte —— Heptachord oder veränderliche System, entsprechend den Untertasten unserer heutigen Klaviaturen in folgender Weise: 1) Lydisch, e — e (unser Dur); 2) Phrygisch, Id; 3) Dorisch, e—e; 4) Hypolydisch, t; 5) Hypophrygisch, 2—g; 6) Hypodorisch, a —a (unser Moll); 7) Mirolydisch, h—h. Diese Grundlage des ältesten griech. Tonsystems, welches bis auf Terpander (um 650 v. Chr.) und Polymnestus (um 700 v. Chr.) zurückdatirt, war zwar ebenso reich und mannigfaltig, als in sich klar und faßlich, genügte aber nicht der schnell fortschreitenden Kunst. Bei dem System der Oktavengattungen war die Oktave gleichwohl nicht wirklich, sondern nur nominell das Bestimmende. In Wirklichkeit galt in der ganzen alten Musik nur die Viertonreihe (das Tetrachord), wie denn auch die alte Lyra nur vier Saiten besaß. Als aber Pythagoras (um 540 v. Chr.) durch seine Erfindung der mathem. Tonmessung die Oktave als solche zum ersten mal in der Musiktheorie zur Geltung brachte, konnte er das alte System damit nicht sofort verdrängen, sondern mit der Zeit fand eine Ausgleichung statt, wodurch gewisse, dem strengen Tonmaß widerstrebende Inkorrektheiten des alten Systems verbessert wurden. Im Grunde blieb zwischen dem alten Tetrachordsystem und der Pythagoräischen Tonleiter ein ungelöster Widerspruch bestehen, der für die gesamte griech. Musik charakteristisch ist und die alten musikalischen Schriftsteller in zwei Gruppen oder Parteien scheidet, von denen die eine mehr nach den Eindrücken der altgewohnten praktischen Musik, die andere dagegen nach den theoretischen Ergebnissen der neuern Tonmessung sich richtete. Die erstere Gruppe ist als die eigentlich griechische anzusehen, und die andere jüngere als diejenige, welche den ersten bleibenden Grund legte für die ganze spätere Entwickelung der Tonkunst. Nach den Längenmaßen einer tönenden Saite bestimmte nämlich Pythagoras den Ton und seine Oktave als das Verhältnis von 1:2, wodurch die Oktave sofort als das Grundverhältnis der ganzen Musik feststand und nicht mehr, wie in der frühern Theorie, beliebig in zwei Tetrachorde (3. B. in ef und ga hc; oder in a hed und ef ga) zerfiel. Das nächstwichtige Verhältnis war ihm das der Quinte, welche sich verhält wie 2:3, dann das der Quarte von 3:4; der Hauptton wurde als 89 bestimmt. Dies ergab nun eine einzige normale Grundtonleiter, das sog. unveränderliche System (systema ametabolon), auf welches sich von dieser Zeit an eine neue Theorie der Musik gründete, die auch das System der Kanoniker (vom Pythagoräischen Kanon oder Monochord) genannt wurde und durch ihre festere wissenschaftliche Grundlage das ältere aus praktischer Routine entsprungene System, welches das heptachordische oder das System der Harmoniker (von harmonia - Tonleiter) hieß, zwar allmählich etwas aus dem Wege drängte, aber zugleich auch von der Tetrachordlehre desselben so viel aufnahm, daß dadurch die neue Theorie bedeutend verdunkelt wurde. Die in ihr enthaltene Normaltonleiter (die oktachordische) wurde nämlich in Tetrachorde (Reihen von vier Tönen) eingeteilt und würde in jetziger Darstellungsweise einer Tonreihe von folgender Gestalt ähnlich sehen: A, Hede, efga, abcd, hede, ef ga. Für ucde) auch oberwärts anschlossen. Zu ihnen kamen einerseits die Obertöne (eg a), andererseits die Untertöne (EHode), und zum Schluß der tiefste (A) als der hinzugenommene Ton ('roslambanomenos), welcher zu Platos Zeit (um 400 v. Chr.) noch nicht in das System aufgenommen gewesen sein soll. Auch diese Wertlegung auf die Töne des mittlern Tetrachords (efga der eingestrichenen Oktave) ist als ein Rest der Lehre der altgriech. Praktiker anzusehen, da die Theorie des Pythagoras in ihrer Konsequenz vielmehr dahin führen mußte, den Haupt- oder Grundton in der Tiefe zu suchen. Will man sich von der praktischen Musik der Griechen eine annähernd richtige Vorstellung machen, so ist besonders im Auge zu behalten, daß dieselbe durchgehends bei feierlichen Gelegenheiten in Tempeln und in großen offenen Theatern stattfand, daß daher eine außerordentliche Tonkraft erforderlich war, um vernehmlich zu werden. Hiernach mußte sich also, bei dem damaligen Mangel einer kunstvoll mehrstimmigen Musik, die Instrumentalbegleitung gestalten, die in öffentlichen Aufführungen zum Solo- und Chorgesange hinzutrat. Dieselbe begleitete, d. h. verstärkte den Gesang entweder im Einklange oder in der obern Oktave, und es liegt in der Natur der Sache, daß sie beim Solo-⸗ gesange oder bei der gesangartigen Recitation eines einzelnen ebenso häufig nur die Haupttöne der Melodie markierte, wie sie beim Chorgesange die getragenen Töne der Sängerschar rhythmisch zu beleben hatte. Für die durchgehende Enthaltsamkeit bei der Begleitung des Sängers, solange derselbe in lebhafter gesanglicher Rede begriffen war, wurde der Instrumentalkünstler aber dadurch entschädigt, daß er die buntesten Auszierungen anbringen konnte, sobald die Stimme des Sängers bei Cadenzen, Einschnitten oder Absätzen in lang ausgehaltenen Tönen zur Ruhe kam. In all diesem war die altgriech. Weise nicht abweichend von dem, was noch jetzt im Morgenlande bemerkt werden kann, nur veredelt, und mit der ganzen, wunderbar vollendeten Kunst dieses Volks in die vollkommenste Harmonie gebracht. Mehr, als von der Musik selbst, ist uns von den musikalischen Instrumenten der Griechen erhalten. Sie gebrauchten teils Leiern oder Zithern, worunter überhaupt alle Arten von Saiteninstrumenten verstanden wurden, auch die Harfen; teils Flöten, womit gewöhnlich Blattflöten oder Klarinetten gemeint sind, obwol auch unsere Querflöte (unker dem Namen der Libyschen) bekannt, aber nicht geschätzt war; endlich verschiedene Arten von Blechinstrumenten, wie Trompeten und Hörner. Die Virtuosität auf den Saiteninstrumenten sowohl als den Klarinetten stieg schon früh zu großer Höhe. Schon zu den Zeiten des Pythagoras wurden mit dem bloßen Spiele dieser Instrumente ohne Gedewomen. bei den Pythischen Spielen Preise gewonnen. lle Saiteninstrumente, waren mit Darmsaiten bespannt; auch kannte man die Gebinde an den langhalsigen Saiteninstrumenten, ähnlich wie bei unsern Guitarren; die Klarinetten waren mit Löchern und Klappen wohl versehen. Metallsaiten kommen im ganzen Altertum ebenso wenig vor als irgend eine Art von Streich- oder Bogeninstrumenten. Orgelartige Instrumente mit Klaviaturen scheint es unter dem unbestimmten und vieldeutigen Namen der Magadis schon früh gegeben zu haben; doch findet sich ihre deutliche Spur zuerst in der von Archimedes (um 250 v. Chr.) konstruierten und mit einer Klaviatur versehenen Wasserorgel, welche, von Ktesibius (um 140 v. Chr.) vervollkommnet, später zum Lieblingsinstrument der röm. Kaiser wurde (Nero selbst war Erfinder in orgelartigen Instrumenten), bis sie vom 4. Jahrh. n. Chr. an durch die unterdessen zu größerer Vollkommenheit gebrachte Windorgel, die Orgel des christl. Gottesdienstes und unserer Konzerträume, verdrängt wurde. Die Litteratur über die griech. Musik ist sehr umfangreich. Die ältern Schriften von Aristoxenus (griechisch und deutsch von Marquard, Berl. 1868), Quintilian, Boethius u. a. behandeln fast ausschließlich die Theorie. Der einzige Schriftsteller des Altertums, welcher lediglich die Geschichte und Praxis der griech. Musik beschreibt, ist Plutarch (über die Musiko, griechisch und deutsch von Westphal, Lpz. 1866). Von Neuern vgl. Drieberg, (Wörterbuch der griech. Musiko (Berl. 1835); Bellermann, «Die Tonleitern und Musiknoten der Griecheno (Berl. 1847); Fortlage, Das musikalische System der Griechen in seiner Urgestalto (Lpz. 1847); Westphal, Harmonik und Melopbie der Griechen (Lpz. 1863); den Artikel «Griech. Musiko in Ersch und Grubers «Encyklopädier (Sekt. 1, Bd. 83, Lpz. 1863); Westphal, «Geschichte der alten und mittelalterlichen Musiko (Lpz. 1864). Die ausführliche ältere Geschichte der Musik von Martini, Hawkins, Burney, Forkel und die neuere von Fetis, Gevaert, Chappell enthalten ebenfalls selbständige Forschungen und ausführliche Darstellungen der griech. Musik. Außer der eigentlichen Tonkunst im engern Sinne rechneten die Griechen zur Musik aber auch immer ausdrücklich die Rhythmik der Dichtkunst in ihren mannigfaltigen Versmaßen, deren Theorie bei den Alten eine sehr ausgebildete war. (S. Rhythmus.) Auch wurde dabei noch zuweilen, wie z. B. bei Plato in der «Republiko, unter dem Namen der Musik im figürlichen Sinne eine harmonische Geistesbildung in jeder, besonders in philof. Art verstanden, im Gegensatz zur Gymnastik als der Ausbildung in körperlicher Gewandtheit.