Griechische Mythologie nennt man die Gesamtheit der Sagen oder Geschichten, welche die alten Griechen von Göttern und Heroen, göttlichen und halbgöttlichen Wesen, erzählten, sowie die Wissenschaft davon, und insofern das, was die Griechen von ihren Göttern glaubten, im wesentlichen eben in den Mythen enthalten ist, begreift man darunter wohl auch die Wissenschaft von der Religion der Griechen. Zwar deckt sich beides nicht vollständig. Denn die Religion äußert sich ebenso sehr in dem Kultus, der den Göttern dargebracht wird, als in den Mythen, welche von ihnen geglaubt und erzählt werden, und wenn die Mythologie in der ältesten Zeit so ziemlich mit dem religiösen Glauben zusammenfällt, so tritt auch hierin hernach eine wesentliche Anderung ein. — Immer kann man sich bis auf einen gewissen Grad aus der Mythologie der Griechen den Glauben derselben in der frühesten Periode ihres Volkslebens rekonstruieren, wo der Volksgeist, zum begrifflichen Denken noch nicht erstarkt, die Dinge und Kräfte, von welchen die Menschen in jedem Augenblick sich beeinflußt fühlen, statt als solche als beseelte mächtigere Wesen dachte, die nicht nach bestimmten Gesetzen, sondern wie Menschen nach den Eingebungen ihres Charakters, ihrer Affekte, Leidenschaften, Entschlüsse handeln. Vor allem fand sich der Mensch abhängig, gefördert oder geschädigt durch Erscheinungen und Kräfte der Natur, durch das Licht der Sonne (Apollon) und des Mondes (Artemis), durch den vom Himmel (Zeus) fallenden, in jenen südlichern Ländern oft so heiß ersehnten Regen, der, bald in den Regenwolken vom Winde (Hermes) herbeigeführt, bald unter Blitz und Donner im wilden majestätischen Aufruhr der Elemente vom Himmel herabstürzend, die Erde (Demeter) neu befruchtet. Und wie von Himmel und Erde, deren schreckliche Tiefe im Hades personifiziert wurde, so fühlte man sich abhängig von dem nassen Element, das in lebenspendenden Quellen hervorsprudelt, oder in fruchtbar machenden Strömen und Flüssen die Gefilde bewässert, oder endlich in erhabener, bald milder, bald furchtbarer Majestät die Küsten und Inseln umrauscht (Poseidon). Dann wieder war es die geheimnisvolle Macht des glänzenden Feuers, das im Blitze vom Himmel herabfährt (Prometheus) oder in feuerspeienden Bergen in unbändiger Macht aus der Erde hervorquillt, dann aber auch den Menschen auf die vielfältigste Weise sich nützlich erweist (dephästos), während ebendasselbe, von den Altären der Götter oder von den Feuerherden inmitten der Wohnstätten, wo es zugleich zur Bereitung der Speisen diente, aufflammend die Gaben der Menschen zu den Göttern hinaufzutragen schien (Hestia). Und da man nun in all dem nicht notwendige, nach bestimmten Gesetzen vor sich gehende Wirkungen erkannte, sondern es mit mächtigen lebendigen Persönlichkeiten zu thun zu haben glaubte, so wurden diese Wirkungen als Handlungen von Wesen aufgefaßt, die ebenso sehr Segen spenden und entziehen als Verderben schicken oder abwehren zu können schienen. Der Beschreibung der Erscheinungen der Natur und der Ergründung ihrer Gesetze geht die Erzählung, der verstandesmäßigen Darlegung (dem 16½/os) geht der Mythos voraus. Da wurde erzählt, daß der Himmelsgott Zeus unter Donner und Blitz sich mit der Erdgöttin vermählte, die ihm den Gott des himmlischen und irdischen Nasses und des durch dieses bedingten Wachstums, der Vegetation, speziell des Weins und Weinstocks (Dionysos) gebar. Wenn die Erdgöttin Semele, die in dieser Sage mit Zeus verbunden ist, später zur Heroine herabsank, so ist die Mutter Persephones, die insbesondere Personifikation der Saatfrucht ist, Demeter, stets große Göttin geblieben, obgleich auch sie wie andere Gestaltungen der Erdgöttin vor Hera, als der einzig rechtmäßigen Gemahlin von Zeus, 8 weichen müssen. Die Erscheinung nämlich, daß Zeus so viele Geliebte hat, erklärt sich aus zwei Ursachen. Einmal vermag der Himmelsgott vermöge seiner umfassenden Natur verschiedenartige Verbindungen einzugehen, mit Erdgöttinnen wie mit Himmelsgöttinnen (Dione) oder Mondgöttinnen (wie Jo und Europa); fürs zweite aber ist nicht zu übersehen, daß die griech. Mythologie aus Sagen verschiedener Stämme und Völkerschaften zusammengewachsen ist. Wenn in Theben Zeus' Gemahlin, die Mutter des Dionysos, Semele hieß, so hieß in Argos des Perseus Mutter von Zeus Danaé, und wieder war in Dodona mit ihm Dione verbunden, während in Sparta Leda die Dioskuren und Helena von ihm empfängt und noch in einer andern Sage auf Delos Leto ihm Apollon und Artemis gebiert. „Aber mit der fortschreitenden Herausbildung einer gemeinsamen hellen. Mythologie galt es nicht bloß, die Masse der verschiedenartigen Mythen zu einem Ganzen zu verschmelzen; gleichzeitig fand eine Umbildung statt, welche mit Notwendigkeit aus der Doppelnatur dieser Götter sich ergab. Denn wenn dieselben gleich Geuet Substrat nach Naturgewalten und Naturerscheinungen vorstellen, so sind sie nichtsdestoweniger menschenähnliche Persönlichkeiten, also teilhaftig an menschlichem Seelen- und Geistesleben. Von vornherein enthalten sie also ein seelisches, ideales Prinzip, sind in ihnen auch die ethischen, geistigen Mächte, die das Menschenleben beherrschen, verkörpert, und diese sind es, welche, je konkreter, individueller die göttlichen Persönlichkeiten werden, immer mehr die Natur derselben erfüllen, ihr wahres Wesen ausmachen. Nun ward vor allem aus dem Gott des allumspannenden, bald in milder Klarheit leuchtenden, bald in furchtbarer Majestät unter Donner und Blitz erscheinenden Himmels der ebenso milde als erhabene höchste König und Vater der Götter und der Menschen, der als solcher das Recht beschützt, das Unrecht straft, dem eine rechtmäßige Gemahlin in Hera zur Seite steht, der Beschützerin der rechtmäßigen Ehen und Ehefrauen, und aus Athena, die im Gewittersturm aus seinem Haupte entsprungen ist, eine Tochter, welche alles lichte, klare Denken, Wollen und Schaffen freudig fördert; da ward aus denn alles erleuchtenden Gotte des Lichts Apollon ein alles sehender Beschützer und Verleiher der Reinheit der Seele wie des Leibes, und heller, hoher Einsicht und Weisheit, und damit auch der Kunst des Dichters und Sehers wie des Arztes, ward aus Dionysos, dem Gott des üppigen Wachstums, der Vegetation und vor allem des Weins, ein Gott, der ebenfalls seine Verehrer mit Begeisterung erfüllt, nur eben nicht mit der klaren, bewußten, lichten, apollinischen, sondern mit einem mehr leidenschaftlich erregten Enthusiasmus, ward aus der Erdgöttin Demeter eine Lehrerin und Beschützerin des Ackerbaues und der an den Ackerbau geknüpften Kultur und festen Ordnungen des sozialen und bürerlichen Lebens, ward aus dem fruchtbaren Regen pendenden Windgott Hermes der windschnelle Bote der Götter und ein Beschützer und Förderer jedweden menschlichen Verkehrs und Handels und gewandter, gewinnender Rede, ward Hephästos der BBeschützer der mit dem ia d arbeitenden Gewerbe und Künste, wurde Hestia die Göttin, welche den Verband der um das heilige Herdfeuer wohnenden Familien und der gleich den einzelnen Häusern ein gemeinsames heiliges Herd⸗ und Opferfeuer unterhaltenden Städte und Staaten heiligte und festigte, ward Poseidon ein Beschützer der Schiffahrt. Da wurden aus Nymphen der rauschenden Quellen in den Musen die n Lehrerinnen aller Künste,‚ wurden die Chariten, die Göttinnen der in wunderbarem Reize blühenden Natur, die Spenderinnen holder Anmut u. s. w. Und während so die alten Naturgötter mehr und mehr Vertreter ethisch-religiöser Ideen wurden, traten an ihre Seite auch Gottheiten, die von Haus aus Personifikationen ethischer Ideen sind, wie Themis, Dike, Nike, Eirene, und blasser und abstrakter Aidos Scham, Eleos das Erbarmen u. dgl. Bei all diesen Gottheiten macht sich nun aber ganz besonders das einzige poetische und künstlerische Genie der Griechen geltend. Während bei andern Völkern die Gestalten der Götter wie die Sagen von ihnen mehr oder weniger blasse Schattenbilder bleiben, gelangen sie bei den Griechen,‚ zuerst durch die Dichter, zur vollendeten, ebenso individuellen als idealschönen Gestaltung. In diesem Sinne ist es wahr, daß Homer und Hesiod den Griechen ihre Göttersage gedichtet hätten. Und nachdem die Dichter vorausgegangen waren, stellte hernach die bildende Kunst diese Idealgestalten in Statuen aus Marmor, Erz, Elfenbein und Gold, wie in Gemälden und andern Kunstwerken leibhaftig dar. Diese schöpferische Gestaltungskraft der Griechen erwies sich dann endlich auch besonders mächtig gegenüber noch andern Gliedern ihrer Götterwelt; wenn nämlich die Griechen einige Grundanschauungen und Elemente von Göttern und Sagen aus der gemeinsamen Urheimat des indogerman. Völkerstamms mitbrachten, vor allem den Himmelsgott Zeus, und Sagen von den Kämpfen lichter Götter mit bösen Dämonen der Finsternis im Gewittersturm, vom Raub und der Wiederbefreiung der als Rinderherden angeschauten Sonnenstrahlen oder lichten Wolken; wenn sie andere mit den nächstverwandten Völkern gemein hatten, speziell den Italikern, wie namentlich Hestia-Vesta; wenn sie dann aber vor allem selbst in zahllose Stämme und Völkerschaften gegliedert, wie sie waren, eine unendliche Fülle von göttlichen und halbgöttlichen Wesen und Sagen von diesen hervorgebracht und in immer neuen Wendungen fort- und umgebildet hatten, so hatten sie sich damit doch noch nicht begnügt, sondern guch noch fremdländischen Göttern, Mythen und religiösen Ideen und Kulten Aufnahme in ihren Olymp gewährt, aber eben auch diese dann sich vollkommen angeeignet und ihnen hellenische schöne plastische Form und Gestaltung verliehen. Vor allem gilt dies von der Göttin der Schönheit und Liebe selbst, von Aphrodite, die aus der orient. großen Naturgöttin, der Personifikation der Fruchtbarkeit der Natur, in die schönste Göttin des Olymps umgebildet worden ist, während der wilde Kriegsgott Ares, der ihr bald als Buhle, bald als Gemahl gesellt wird, von den Thrakern entlehnt wurde. ö Freilich war auch diese poetische und künstlerische Gestaltung der Mythologie nicht bloß Fortschritt. Indem die Götter und ihre Mythen Gegenstand der poetischen und künstlerischen Phantasie wurden, trat die Gefahr ein, daß mit der Zeit der religiöse Charakter der Mythologie vom ästhetischen überwuchert und erdrückt werde. Und dies ist denn auch geschehen. Wenn der älteste Mythus einfach von der Befruchtung der Erdgöttin Semele durch den Himmelsgott im Gewittersturm erzählt hatte, so ward später, nachdem Hera als die einzig rechtmäßige Gemahlin des Zeus anerkannt, Semele aber zur Heroine, zur menschlichen Königstochter, zur sterblichen Geliebten des Gottes herabgesunken war, gefabelt, die menschliche Jungfrau habe die Umarmung des Gottes in seiner göttlichen Gestalt nicht ertragen, ja es ward hinzugedichtet, Hera habe aus Eifersucht sie veranlaßt, von Zeus sich die Erfüllung einer Bitte zuschwören zu lassen, und dann die sie notwendig verderbende Bitte an ihn zu richten, er möge ihr in seiner göttlichen Herrlichkeit nahen. Man sieht, wie zugleich der Geist einer moralisch sinkenden Zeit in die Mythen eingedrungen ist, man sieht aber auch endlich, wie mit den religiösen Mythen histor. Sagen sich verflochten haben: Semele hieß die Tochter des Kadmos, der aus Phönizien nach Theben eingewandert sein sollte. Denn auch die histor. Erinnerungen der Völker finden in den frühesten Zeiten einen sagenhaften Ausdruck und verwachsen so mit den religiösen Mythen, in deren Umbildungen sich zum Teil selbst auch die Geschichte der Stämme reflektiert, insofern Sagen von Streitigkeiten und Kämpfen oder auch von Wanderungen von Göttern oftmals nur die Reflexe der Geschichte der sie verehrenden Stämme und Völkerschaften sind. Über die Aufnahme der griech. Götter bei den Römern unter dem eigenen, mehr oder weniger latinisierten Namen oder unter dem einheimischer Götter teils in den offiziellen Kultus, teils in die Litteratur und das Bewußtsein immer weiterer Kreise s. Römische Religion. Die wichtigsten solcher Namen der sog. griechischrömischen Mythologie, in welcher vielen die röm. Namen immer noch geläufiger sind als die griechischen, sind folgende: Zeus (Jupiter), Hera (Juno), Athene (Minerva), Demeter (Ceres), Leto (Latona), Apollon (Apollo), Artemis (Diana), Hephästos (Vulcanus), Poseidon (Neptunus), Hades oder Pluton (Pluto), Hermes (Mercurius), Dionysos oder Bakchos (Baechus), Ares (Mars), Aphrodite (Venus), Eros (Amor), Chariten (Grazien), Persephone (Proserpina), Hestia (Vesta), Asklepios (Askulapius), Herakles (Hercules). Die Quellen der griech. Mythologie sind die Schrift- und Kunstwerke der Alten in dem Umfang, daß kaum ein Schriftsteller und nur eine kleine Minderzahl von Kunstwerken davon auszunehmen sind. Von den litterarischen Quellen sind am wichtigsten die Dichter, voran Homer und Hesiod, dann die Logographen, ferner die Mythographen, welche schon im Altertum Mythensammlungen verfaßten, von denen freilich neben Resten aus den ältern namentlich nur zwei spätere: Apollodor in griech. und Hygin in lat. Sprache, uns vollständiger erhalten sind, endlich Geographen und Periegeten. Von den Kunstwerken sind für die Mythologie neben den erhaltenen Statuen und Reliefs (vgl. die Tafeln: Bildnerei II, III, IVin Bd. III, S. 49) namentlich die Vasenbilder eine reich sließende Quelle. Der Wissenschaft der Mythologie ist nach der gewöhnlichen Auffassung eine doppelte Aufgabe gestellt: die Sammlung und die Deutung der Mythen. Daher gibt es auch Werke, welche sich mehr die eine oder die andere Aufgabe stellen, während die meisten beides gleichzeitig unternehmen. Schon im Altertum und ebenso seit dem Wiedererwachen der Wissenschaften haben die Rätsel der Mythologie (s. d.) immer neue Forscher zu Deutungsversuchen gereizt. Hier sollen nur die Werke verzeichnet werden, welche in neuerer Zeit die Kenntnis der griech. Mythologie wesentlich gefördert haben, freilich größtenteils von einseitigen Standpunkten aus. Doch verbreitet sich unter den neuern Forschern auf dem Boden der griech. Mythologie immer mehr die Erkenntnis, daß ein so unendlich reicher und mannigfaltiger Komplex wie die griech. Mythologie, der von denfrühesten bis in späte Zeiten in stetiger Aus⸗ und Umbildung begriffen war, nur durch eine möglichst unbefangene und allseitigestreng geschichtliche Betrachtungsweise wird erkannt werden können. Eine wahrhafte Geschichte der einzelnen Mythen und der Mythologie im ganzen wird allein auch die sog. Deutung der Mythen geben können. Immer noch die vollständigste Sammlung des litterarischen Materials der griech. Mythologie findet sich in Jacobis Mytholog. Wörterbucho (Lpz. 1847), und ebenso ist für die monumentalen Quellen (Kunstmythologie) immer noch Millins 4„Galerie mythologiquen (deutsch von Tölken, 3. Aufl., Berl. 1848) unentbehrlich, da die „Denkmäler alter Kunst (von O. Müller, 2. Aufl., und Fortsetzung von Wieseler, bisjetzt 2 Bde., Gött. 1846 fg.) noch nicht vollendet und das kolossal angelegte Werk von Overbeck über «Griech. Kunstmythologiep (mit Bd. 2 u. 3, und Atlas, Efg. 1—4, Lpz. 1871 — 78) erst begonnen ist. Außerdem sind als die wichtigsten Werke auf dem Gebiete der mytholog. Forschung hervorzuheben: Creuzer, „Symbolik und Mythologie der alten Völker (3. Aufl., 4 Bde., Lpz. und Darmst. 1836—43); J. H. Voß, «Antisymbolik (2 Bde., Stuttg. 1824 —26); Lobeck, KAglaophamus » (2 Bde., Königsb. 1829); O. Müller, „Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologieꝝv (Gött. 1825); Buttmann, „Mythologus „ (2 Bde., Berl. 1828 fg.); Preller, (Griech. Mythologies (2 Bde., Berl. 1854; 3. Aufl. von Plew, 1872— 75); Gerhard, «Griech. Mythologier (2 Bde., Berl. 1854—55); Welcker, (Griech. Götterlehres (3 Bde., Gött. 1857—62); Petersen in der «Encyklopädier von Ersch und Gruber (Sekt. 1, Bd. 82, Lpz. 1864). Vgl. noch Preuner, «Hestia-Vesta, ein Cyklus religionsgeschichtlicher Forschungen (Tüb. 1864); Lehrs, «Populäre Aufsätze aus dem Altertum » (2. Aufl., Lpz. 1875); Roscher, (Studien zur vergleichenden Mythologie der Griechen und Römer » (Bd. 1 u. 2, Lpz. 1873, 1875); Bursian, «über den religiösen Charakter des griech. Mythos v (Münch. 1875). Die Schriften über einzelne Gottheiten s. in den einzelnen Artikeln. Im Druck befindlich ist ein Handlexikon der griech. und röm. Mythologied, das von Roscher in Verbindung mit mehrern andern Gelehrten hergestellt wird.