Griechische Philosophie (Hellenische Philosophie). Das hohe Interesse, welches die Entwickelung des philos. Denkens der Griechen noch gegenwärtig erregt, beruht nicht nur darauf, daß in derselben der Anfang der menschlichen Wissenschaft als einer gesonderten nptshlih aut überhaupt zu sehen ist, sondern hauptsächlich auch darauf, daß die griech. Philosophie, auf dem Boden eines in sich geschlossenen Volkslebens erwachsend, die Grundrichtungen alles philos. Denkens mit durchsichtiger Klarheit und Einfachheit ausgeprägt und in stetiger Fortbildung entwickelt hat. Zwar ist es nicht zu verkennen, daß die griech. Philosophie einen beträchtlichen Teil ihres Kenntnisstoffs und auch ihrer erklärenden Begriffe aus den Anschauungen der eigenen Religion und der orient. Völker übernommen hat, aber trotzdem besteht ihre volle Ursprünglichkeit und Selbständigkeit gerade darin. daß sie dieses Material zum ersten mal in rein wissenschaftlicher Weise verarbeitet, sich von demselben zu einer prinzipiellen Auffassung der wissenschaftlichen Methoden erhoben und auf diese Weise die Wissenschaft aus den übrigen Geistesthätigkeiten zu einem eigenen Organ der menschlichen Vernunft herausgebildet hat. Die Anfänge der griech. Philoben⸗ agen in der Peripherie des griech. Kulturlebens, da, wo in den sog. Kolonien die Eigentümlichkeiten des griech. Geistes sich in lebhafterer Bethätigung entfaltet hatten und im friedlichen wie feindlichen Kontakt mit andern Völkern zu eigener Lebendigkeit erstarkt waren. Hier traten nach der Periode der moralisierenden Reflexion, welche als das Zeitalter der Sieben Weisen (f. d.) bekannt ist, auf der östl. Seite etwa seit 600 v. Chr. die ion. Naturphilosophen auf, welche aus der Betrachtung der Thatsache, daß alle Dinge in der Natur veränderlich sind und ineinander übergehen können, die Frage nach dem einen Weltstoff, welcher allen Dingen zu Grunde liege, aufwarfen. Sie beantworteten dieselbe teilweise unter Anschluß an alte mythisch⸗-kosmogonische Auffassungen dahin, daß sie einen der bekannten Stoffe für den ursprünglichen erklärten, wie Thales das Wasser, Anaximenes die Luft, andere die feuchten nebeligen Zwischenzustände. Den bedeutendsten Fortschritt aber machte unter ihnen Anaximander, indem er die mythische Vorstellung des Chaos zu dem Begriffe der unendlichen und qualitativ unbestimmten Materie verklärte. Bald darauf gab auf der westl. Seite in den Städten Großgriechenlands Pythagoras einen weitern Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit; er legte nicht nur im Zusammenhang mit der sittlich-religiösen Reformation, welche er anstrebte, den ersten Grund für eine wissenschaftliche Behandlung des monotheistischen Gottesbegriffs, sondern beförderte auch in der von ihm gestifteten Schule hauptsächlich die mathem. Studien, welche später einen so außerordentlich fruchtbaren Einfluß auf die griech. Philosophie und alle weitere Wissenschaft ausüben sollten. Nach ihm trat auf demselben Boden Xenophanes mit der Verkündigung einer reinen Gotteslehre im ausgesprochenen Gegensatze gegen die polytheistische Volksreligion hervor. War so allmählich das Problem erwachsen, wie der Zusammenhang zwischen der unveränderlichen Welteinheit und der veränderlichen Vielheit der Einzeldinge zu denken sei, so standen nun bei dem Versuche, dasselbe zu lösen, in Heraklit und in der eleatischen Schule die beiden Gegensätze des metaphysischen Standpunktes auf, welche von da an für alle Zeiten typisch geblieben fsind. Der eine, Heraklit, lehrte, daß das einheitliche Weltwesen, welches er durch das Feuer repräsentiert dachte, in einer ewigen und rastlofen Bewegung bestehe, welche sich nach innerm Gesetze und unveränderlicher Notwendigkeit stets in Gegensätzen entwickele. Dem gegenüber that Parmenides, der Gründer der eleatischen Philosophie, dar, daß das Seiende seinem Begriffe nach nur als einheitlich, einzig, unveränderlich, ungeworden und unvergänglich gedacht werden könne und daß deshalb alle Vielheit und Veränderung als trügerischer Schein angesehen werden müsse; den letztern Teil dieser Lehre suchte Zeno durch Aufzeigung der in der gewöhnlichen Weltauffassung enthaltenen Widersprüche zu erhärten, während Melissus den Eleatismus an die materialistischen Theorien der Jonier annäherte. Die Aufgabe der folgenden Denker bestand darin, die heraklitische und die eleatische Lehre in der Weise zu versöhnen, daß man unter Annahme von mehrern Seienden, von denen jedes dem parmenideischen Begriffe der Einheit und Unveränderlichkeit entsprechen sollte, die Vielheit der Dinge aus der wechselnden Vereinigung und Trennung dieser Elemente begreifen wollte. Indem man aber dann nach dem Grunde dieser Bewegung des Seienden forschte, bildete sich der Gegensatz eines bewegten und an sich unveränderlichen Stoffs und einer denselben bewegenden Kraft aus, welchen die griech. Philosophie nicht zu überwinden vermocht hat. So stellte zuerst Empedokles seine Lehre von den vier Elementen: Feuer, Luft, Wasser und Erde, auf, deren abwechselnde Mischung und Entmischung er in mythischer Weise auf die Grundkräfte der Liebe und des Hasses zurückführte; so nahm Anaxagoras eine unendliche Menge qualitativ verschiedener Grundstoffe an, deren zweckmäßige Verbindungen ihm nur 9 erklärbar erschienen, daß man den ersten Anfang ihrer Bewegung aus einem feinsten und beweglichsten, dabei aber intelligenten Stoffe, der Vernunft, herleitete; so lehrten die Atomistiker Leukippos und Demokritos eine unendliche Menge von Atomen, welche, qualitativ gleich, sich nur durch Größe, Gestalt und Lage unterscheiden sollten und bei denen die Verschiedenartigkeit der Bewegung aus ihrer verschiedenen Schwere, welche als eine Funktion der Größe aufzufassen sei, hervorgehen sollte. In anderer Richtung versuchten die Pytha—⸗ goräer die bewegliche Vielheit der Dinge aus der Einheit des Urwesens nach dem Schema abzuleiten, welches sie in der Zahlenlehre durch die Verwandlung der Eins in das Zahlensystem zu besitzen glaubten, und symbolisierten danach die Grundformen des Naturgeschehens wie des geistigen Lebens durch die verschiedenen Zahlenverhältnisse. Endlich machten sich, als die Energie dieser kosmologischen Spekulation erlosch, zahlreiche Vermittelungsversuche zwischen diesen verschiedenen Lehren geltend, von denen derjenige des Diogenes von Apollonia der bedeutendste war. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. v. Chr. jedoch nahm im Zusammenhange mit andern Erscheinungen der griech. Volksentwickelung auch das wissenschaftliche Denken der Griechen mehr und mehr den Charakter der Selbstbesinnung auf das Wesen und die Aufgaben des Menschen an, und diese zweite Periode der griech. Philosophie, diejenige der anthropol. Richtung, fand zunächst ihre Vertreter in den Sophisten. Das in dem raschen Aufschwunge des griech. Lebens nach den Perserkriegen steigende Bedürfnis nach wissenschaftlicher Bildung ließ an die Stelle einsamer Denker öffentliche Lehrer der Wissenschaft treten, und das Gewicht, welches bei den staatlichen Verhältnissen der Griechen auf die freie Rede fiel, brachte es mit sich, daß diese Lehrer ihre Thätigkeit hauptsächlich auf den Unterricht in der Beredsamkeit richteten. Dadurch aber wurden die Untersuchungen dieser Männer wesentlich auf die subjektiven Verhältnisse der menschlichen Überzeugungen hingeführt, und je mehr sie der Begründung der verschiedenartigsten Ansichten nachgehen mußten, um so begreiflicher ist es, daß sie schließlich zu der Lehre kamen, es wohne allen menschlichen Gedanken nur relative inne, und daß die Aufklärung, welche sie dem Volke brachten, zugleich eine Zersetzung aller theoretischen wie aller sittlichen überzeugungen wurde. Es hing mit den allgemeinen Verhältnissen Griechenlands zusammen, daß um die gleiche Zeit auch die Philosophie aus den Kolonien in das Centrum des griech. Lebens, nach Athen, wanderte, und hier trat denn auch den Sophisten der siegreichste Gegner in Sokrates entgegen. Dieser beschränkte sich zwar auch auf die Untersuchung der menschlichen Vernunftthätigkeit, allein indem er das Allgemeingültige aufsuchte, stellte er einerseits eine methodische Bearbeitung der Begriffe als die wesentliche Aufgabe der Wissenschaft auf, und indem er andererseits diese Methode in seinen Gesprächen auf die sittlichen Fragen anwendete, wurde er der Schöpfer einer Weltauffassung, welche in dem sittlichen Ideal den Mittelpunkt aller Erkenntnis suchte. Die von ihm ausgestreuten Keime entwickelten sich in der großen Anzahl seiner Schüler auf die mannigfachste Weise, zunächst so, daß die in dem Grundgedanken des Sokrates vereinigten Begriffe von Tugend und Glückseligkeit von den beiden Schulen der Cyniker und der Cyrenaiker (s. d.) in entgegengesetzte Beziehungen gebracht wurden. Auf Grundlage der Sokratischen Begriffsmethode aber erhob sich die griech. Philosophie unter glücklicher Verknüpfung der Gesichtspunkte der beiden vorhergehenden Perioden zu ihrer höchsten Vollendung dadurch, daß sie durch die Erkenntnis des vernünftigen Wesens des Menschen hindurch zur Erkenntnis der Welt zurückzukehren suchte. Nach den vorbereitenden Untersuchungen der megarischen Schule, welche zuerst auf die Verwandtschaft der unveränderlichen Allgemeinbegriffe des Sokrates mit der Seinslehre der Eleaten aufmerksam geworden zu sein scheint, eroberte Plato (s. d.) diese höchste Position des griech. Denkens mit einem Schlage, indem er für die beiden verschiedenen Erkenntnisweisen: die wechselnde Meinung, auf welche die Sophisten das menschliche Wissen hatten beschränken wollen, und die allgemeinen Begriffe, welche Sokrates gesucht hatte, zwei verschiedene Welten statuierte, welche sich in ähnlicher Weise zueinander verhalten sollten, wie jene beiden Denkarten: die Welt der Sinne, der Gegenstand der Erfahrung, ebenso wechselnd, ebenso wandelbar, wie diese, sollte gänzlich dem heraklitischen Prinzip des ewigen Werdens unterworfen sein; auf der andern Seite die Welt der Ideen, der Gegenstand der sich auf sich selbst besinnenden Vernunft, sollte wandellos und unvergänglich bestehen als ein Reich ewiger Schönheit, Wahrheit und Güte, eine inhaltsvolle Vertiefung und Ausfüllung des leeren Seinsbegriffs der Eleaten, und von dieser höhern Welt sollten die Erscheinungen nur einen schwachen Teil haben oder eine unvollkommene Nachahmung sein. Waren so in dem platonischen System alle Fäden des frühern Denkens zusammengelaufen, so war der Dualismus, welcher das schließliche Resultat desselben bildete, und die schroffe Entgegensetzung der geistigen und der materiellen Welt ein dem Griechentum so innerlichst fremder Gedanke, daß der große Schüler Platos, Aristoteles, denselben in prinzipieller und umfassender Weise zu überwinden bestrebt war. Allein obwohl Aristoteles (s. d.) durch seine Lehre vom Verhältnis des Allgemeinen zum Besondern die Ideenwelt als das innerste Wesen der Erscheinungen darzuthun suchte, deren bewegende Kraft sie ebenso bildete wie ihren letzten richtenden Zweck, und obwohl er die Starrheit der platonischen Begriffe durch ihre schmiegsame Einfügung in die Durcharbeitung der gesamten alt nusno der natürlichen ebenso wie der sittlichen Welt flüssig machte, so blieb doch nicht nur in seiner Theologie, welche die Gottheit als das reine Denken darstellte, sondern auch in seiner Ethik, in der die bloße Betrachtung und das wissenschaftliche Leben als das höchste Ziel des Menschen erschien, ein Rest von reiner Geistigkeit übrig, welcher die griech. Philosophie in diesem ihrem abschließenden System als ein Produkt charakterisierte, das, auf dem Boden der griech. Kultur erwachsen, dieselbe von innen heraus sprengte. Nach dem Tode des Aristoteles änderte sich nicht nur die äußere Stellung der griech. Philosophie, indem dieselbe von nun an schulmäßig fortgepflanzt und behandelt wurde, sondern auch ihr innerer Charakter, welcher infolge der djelbändig der spekulativen Energie und der Verselbständigung der Erfahrungswissenschaften mehr und mehr in denjenigen einer Aufsuchung des sittlichen Lebensideals überging. So behandelten die Stoiker und die Epikureer ihre sensualistische Fortführung der logischen Untersuchungen sowie ihre Erneuerung teils der heraklitischen, teils der demokritischen Naturauffassung wesentlich nur als Vorbereitung für ihre ethischen Untersuchungen; in diesen veredelten die Stoiker den Naturalismus der cynischen Ethik zu dem Ideal ernster Charakterbildung, während der unmittelbare Lebensgenuß der cyrenaischen Schule von den Epikureern zu einer wohlüberlegten Lebenskunst des feinsten Egoismus ausgebildet wurde; beide Richtungen aber entfremdeten ihre Anhänger dem nationalen Staatsleben, die eine durch Aufstellung eines kosmopolitischen Gesellschaftsideals, dessen äußere Form im röm. Weltreiche realisiert war und dessen tiefster Gehalt im Christentum seine Vollendung fand; die andere durch den völligen Rückzug aus dem öffentlichen Leben, in dessen allgemeinem Niedergang der Einzelne nur noch so viel als möglich von persönlichem Behagen retten zu können schien. Neben diesen beiden Schulen wirkten die von Plato und Aristoteles gestifteten fort; die letztere, die Peripatetische, bildete in ihrem Schulhaupt Straton die naturalistischen und pantheistischen Elemente der Lehre des Aristoteles energischer aus, kehrte jedoch später mit wesentlich kommentierender Thätigkeit zu dem ursprünglichen System zurück. Die Platonische Akademie machte mehrere Phasen der Entwickelung durch, von denen die wichtigste die durch Arkesilaos und Karneades vertretene skeptische Periode war. Schon früh nämlich war neben den dogmatischen Systemen der Zweifel an der Möglichkeit abschließender Erkenntnis hauptsächlich durch Pyrrho und seine Anhänger verfochten worden; jetzt erweiterte die Akademie diese skeptischen Betrachtungen und gab denselben verhältnismäßig große Verbreitung. Später knüpfte der Skeptizismus in Enesidemos wieder an die ursprünglichen Lehren des Pyrrho an. Am meisten jedoch, zumal seit der Verbreitung der griech. Bildung in dem röm. Weltreiche, griff die eklektische und synkretistische Richtung um sich, welche jedoch sich nicht auf die Verschmeldeng philos. Lehren beschränkte, sondern auch mit en religiösen Vorstellungen in ähnlicher Weise zu verfahren begann. In dieser Beziehung nahm der Platonismus in wachsender Ausdehnung religiöse Bedeutung an und verband sich in besonders wichtiger Weise durch Philo mit jüdischen und später mit andern religiösen Theorien. Als dann überhaupt das religiöse Bedürfnis in den Vordergrund des Interesses trat, erhob sich die griech. Philosophie noch einmal wesentlich in Reaktionen gegen das siegreiche Christentum zu eigentümlicher Neugestaltung. Der Neupythagorismus war in phantastischen Schwärmern, wie Apollonius von Tyana, vorangegangen; die neuplatonische Schule suchte durch eine mehr oder minder vollständige Vereinigung platonischer und aristotelischer, teilweise auch stoischer Lehren eine ekstatische Erkenntnis der Gottheit zu gewinnen und die gesamte geistige und materielle Welt als ein Stufenreich von Ausstrahlungen (Emanationen) aus dem Urquell zu begreifen, in welchen sie zurückkehren müsse, um ihre Erlösung zu finden. Auf Grund dieser Lehre machte Jamblichus einen mystisch symbolisierenden Versuch zur Wiederherstellung des polytheistischen Volksglaubens, und entwarf endlich Proklos ein scholastisches System aller auf diese Weise verschmolzenen Lehren. Doch verkümmerte diese ganze Gedankenwelt gegenüber der lebendigen Entwickelung des Christentums schon in sich selbst so sehr, daß es kaum noch des Schlusses der atheniensischen Schule (529 n. Chr.) bedurfte, um das Lebensende der griech. Philosophie zu konstatieren. Vgl. Brandis, «Handbuch der Geschichte der griech. röm. Philosophiev (3 Tle., Berl. 1834 -60); derselbe, „Geschichte der Entwickelungen der griech. Philosophies (2 Tle., Berl. 1862 u. 1864); Zeller, „Die Philosophie der Griecheno (3 Tle., 3., resp. 4. Aufl., Lpz. 1852—77); Schwegler, Geschichte der griech. Philosophier (Tüb. 1859; 3. Aufl., besorgt von Köstlin, 1883); Strümpell, «Die Geschichte der griech. Philosophier (2 Tle., Lpz. 1854 u. 1861). (S. Philosophie.)