FeedGriechische Schrift
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Griechische Schrift. Nach der Sage soll Kadmos der Phönizier die Buchstabenschrift nach Griechenland gebracht haben, wahrscheinlich lernten die Griechen von den Phöniziern Zeichen zur Darstellung der Sprache und zu Inschriften zu verwenden, aber die Zeichen der griech. Schrift sind nicht einfach von den Phöniziern entlehnt, es sind den nordischen Runen ähnliche Zeichen, welche, wie diese, früher als Zauberzeichen dienten. So erklärt es sich, daß einzelne Zeichen in verschiedenen Städten verschiedene Bedeutung hatten, Aoder Tist bald i, bald s, Mbald m, bald s, O bald th, bald o, E bald b, bald e, A bald g, bald Iu. s. w. Auch die Zeichen selbst variieren bedeutend. Allmählich gelangte die ion. Schrift, wahrscheinlich mit den Homerischen Gesängen, zur Alleinherrschaft und wurde zu Athen im zweiten Jahre der 94. Olympiade angenommen. Von den Phöniziern dürfte auch die Verwendung der Zeichen als Zahlzeichen herrühren, denn die Griechen besaßen, wie die Römer, früher eigene Zahlzeichen, nämlich 1,%½2, HI 3, HII 4, Tente) 5, welche Ziffer mit slll zur Bildung von 6—9 diente, X (deka) 10, H 50, H hekaton) 100, X(chilioi) 1000, Ma(myrioi) 10000. Das altgriech. Alphabet (nach den ersten beiden Namen Alpha Beta genannt) bestand aus 27 Zeichen: 40 50 60 70 80 90 100 200 300 400 ph kh ps oo sch 500 600 700 800 900, worauf 1000 wieder Die Buchstaben dieser Schrift haben sich mit wenig Abänderungen als Kapitallettern bis jetzt erhalten, nur die Lautzeichen y, g und sch entfielen, blieben aber als Zahlzeichen im Gebrauch. Bis zu Anfang unserer Zeitrechnung wurden abs schon die Kapitallettern gebraucht, auch später, als schon andere schreibflüchtigere Formen aufgekommen waren, wurden sie noch verwendet, wie die 1494 zu Florenz gedruckte Anthologie beweist, deren Schrift, durchweg mit Kapitallettern, die Nachbildung einer Handschrift war. Mit dem 3. Jahrh. entwickelte sich die Uncialschrift, als deren lebendiges Zeugnis sich die koptische Schrift der christlichen Agypter erhalten hat; ihre Zeichen sind: Bei dieser Schrift begannen die einzelnen Zeichen die Gleichmäßigkeit der Linie zu überschreiten, sie wurden entweder nach oben oder nach unten verlängert. Neben der Uncial entwickelte sich eine Kursiv, welche schon in ägypt. Papyrusurkunden vorkommt, und aus dieser die Minustel, welche vom 9. Jahrh. ab auch zu Büchern verwendet wurde und sich in den gemeinen Buchstaben der griech. Druckschrift erhalten hat; analog dem Gebrauch in der röm. Schrift entwickelte sich die Verwendung der Kapitalbuchstaben neben den gemeinen Minuskelbuchstaben. Die Minuskelschrift erhielt von Anfang an viele Ligaturen, welche von den Buchdruckern anfangs genau nachgeahmt wurden; erst im 18. Jahrh. wurden dieselben aufgegeben und die Buchstaben einzeln geschrieben. Das jetzige Alphabet der Druckschrift ist folgendes: Name S8 Name Als Zahlzeichen erhalten die Buchstaben einen Strich beigefügt, z. B. 6 2; ferner bestehen die Zahlzeichen 6, 4 90, ꝙù 900, bei Tausend steht der Strich vorn unten, z. B. 1000. Um die richtige Betonung aufrecht zu erhalten, führte Aristophanes Byzantinus (200 v. Chr.) die Accentzeichen Acutus, Gravis und den Circumflex ,‚ um dieselbe Zeit der alexandrinische Aristophanes den Spiritus' lenis und asper ein. Im 5. bis 10. Jahrh. kommt auch eine aus Silbenzeichen bestehende Tachygraphie vor, zwar nur in sehr wenigen Schriftstücken, aber dieselben wurden sowohl in Italien wie in Agypten (Fayum) gefunden. Die Neugriechen bedienen sich einer Schreibschrift, welche sich zur Druckschrift so verhält, wie unsere lat. Schreibschrift zur Druckschrift. Vgl. Kirchhoff, «Studien zur Geschichte des griech. Alphabetso (3. Aufl., Berl. 1877); Wattenbach, „Anleitung zur griech. Paläographien (2. Aufl., Lpz. 1877); Gardthausen, «Griech. Paläographien (Lpz. 1879); Faulmann, „Buch der Schrifte (2. Aufl., Wien 1880); derselbe, «Illustrierte Geschichte der Schrifto (Wien 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 413Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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