FeedGrimm (Jak. Ludw.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Grimm (Jak. Ludw.), unter den Sprachforschern aller Zeiten einer der größten, unter den Germanisten der ausgezeichnetste, der Begründer der deutschen Sprach⸗ und Altertumswissenschaft, wurde 4. Jan. 1785 zu Hanau geboren und erhielt seinen ersten Unterricht durch den Präzeptor Zinkhan zu Steinau an der Straße, seine weitere Bildung auf dem Lyceum zu Kassel. Seit 1802 studierte er sodann zu Marburg die Rechte und folgte 1805 einer Einladung seines Lehrers Savigny nach Paris, dem er dort bei litterarischen Arbeiten half. Nach der Rückkehr nach Hessen wurde er 1806 Kriegssekretär. Die Muße, welche ihm sein Amt sparsam gönnte, widmete er dem Studium der Litteratur und der Dichtkunst des Mittelalters, dem er sich schon in Paris zugewendet hatte. Nach Begründung des Königreichs Westfalen erhielt G. auf Johs. von Müllers Empfehlung 1808 die Aufsicht über die schon vom Kurfürsten angelegte Bibliothek zu Wilhelmshöhe und wurde später noch daneben Staatsratsauditor. Bei des Kurfürsten Rückkehr folgte er 1814 dem hess. Gesandten als Sekretär in das Hauptquartier der Verbündeten auch später nach Paris und zum Kongreß na Wien, wo er bis Juni 1815 verweilte. Einen Monat darauf wurde er im Auftrage der preuß. Regierung nochmals nach Paris gesandt, um die aus verschiedenen Gegenden dort zusammengebrachten Handschriften zu ermitteln und zurückzufordern. Nach Vollziehung dieses Auftrags wurde G. 1816 als zweiter Bibliothekar in Kassel angestellt, wo er nun bei der ihm gewordenen Ruhe eine Reihe von Jahren seinen Studien fleißig obzuliegen und die Früchte derselben dem Publikum allmählich vorzulegen Gelegenheit fand. Als 1829 nach Völkels, des ersten Bibliothekars, Tode der kurhess. Historiograph Rommel die erste Stelle an der Bibliothek erhielt, fühlte sich G. durch die Zurücksetzung gekränkt und nahm 1830 den Ruf als Professor und Bibliothekar nach Göttingen an. Hier hielt er Vorlesungen über deutsche Sprache, Rechtsaltertümer und Geschichte der Litteratur. Als einer der sieben Professoren, die 1837 gegen Aufhebung des Staatsgrundgesetzes Einsprache thaten, wurde er im Dezember seines Amtes entsetzt und mit Dahlmann und Gervinus des Landes verwiesen. Die nächsten — lebte G. in Zurückgezogenheit zu Kassel, bis er 1841 nach Berlin berufen wurde, wo er als Mitglied der Akademie zugleich auch Vorlesungen zu halten berechtigt war, von welchem Rechte er jedoch nur in den ersten Jahren Gebrauch machte. Er wurde zweimal zum Vorsitzenden der Germanistenversammlungen, zu Frankfurt 1846, zu Lübeck 1847, gewählt, saß 1848 in der Nationalversammlung zu Frankfurt und tagte 1849 mit zu Gotha. Wie bei diesen und andern Gelegenheiten in seinem öffentlichen Wirken und Reden, so zeigte er sich auch in allen seinen wissenschaftlichen Bestrebungen durchdrungen von der edelsten Vaterlandsliebe, dem lautersten Sinn für Recht und Wahrheit. Seine Forschungen waren namentlich darauf gerichtet, das geistige Leben des deutschen Volks, wie es sich in dessen Sprache, in seinem alten Recht und Glauben, in seiner Sitte und Dichtung kundgegeben, an sich und in seinen Beziehungen zu andern Völkern geschichtlich zu ergründen und darzulegen. Durch seine leider unvollendet gebliebene „Deutsche Grammatik o (Bd. 1, die Formenlehre enthaltend, Gött. 1819, 2. Aufl. 1822 (daraus der Vokalismus neu bearbeitet 1840]; vermehrter Abdruck der 2. Aufl., herausg. von Scherer, Berl. 1870; Bd. 2—4, 1826 —37; vermehrter Abdruck des 2. Bandes, Berl. 1878) hat G. recht eigentlich nicht bloß die histor. Grammatik der deutschen Sprache, sondern die histor. Sprachforschung überhaupt begründet. Andere 4%½½%½ des geistigen Lebens des deutschen Volks verfolgte er in den noch unübertroffenen Werken «Deutsche Rechtsaltertümerd (Gött. 1828; 3. Ausg. 1881) und Deutsche Mythologied (Gött. 1835; 4. Aufl., Berl. 1875 —78, in 3 Bdn. mit Jakob G.s Nachträgen). In seiner (Geschichte der deutschen Spracher (2 Bde., Lpz. 1848; 4. Aufl. 1880), unstreitig einem der bedeutendsten Werke, welche auf dem Gebiete der deutschen Sprach- und Geschichtsforschung erschienen, gab er Gesichtspunkte an die Hand, die für die Auffassung deutscher Geschichte vielfach umgestaltend wirkten. Ein Quellenwerk ersten Rangs für die Geschichte des deutschen Rechts ist die Sammlung deutscher „Weistümers (Bd. 1—4, Gött. 1840—63), die nach G.s Tode von Schröder und andern bis zum siebenten Bande (1878) weitergeführt worden ist. Zahlreiche besondere Untersuchungen legte er in Haupts Zeitschrift für deutsches Altertumo, in Pfeiffers Germaniar und den (Abhandlungenv der berliner Akademie nieder. Diese letztern nebst einer Reihe anderer zerstreuter Aufsätze erschienen in einer Gesamtausgabe: Kleinere Schrifteno (6 Bde., Berl. 1864 — 82), die populärsten daraus als Auswahl aus den kleinern Schrifteno, Berl. 1871). Von seinen übrigen Schristen und Ausgaben alter Sprach- und Litteraturdenkmäler sind noch zu nennen: «über den altdeutschen Meistergesango (Gött. 1811), Irmenstraße und Irmensäuler (Wien 1815), «Silva de romances viejoso (Wien 1815), eine althochdeutsche Interlinearversion lat. Kirchenhymnen, Hymnorum veteéris ecclesiae XXVI interpretatio Theotiscay (Gött. 1840), die angelsächs. Dichtungen „Andreas und Elener (Kass. 1840), im Verein mit Schmeller die Lat. Gedichte des 10. und 11. Jahrh. v (Gött. 1838), darunter namentlich der Waltharius manu fortiso. Im «Reinhart Fuchso (Berl. 1834) gab G. den mittelhochdeutschen Reinhart, den mittelniederländ. Reinaert nebst andern kleinern deutschen und lat. Gedichten der mittelalterlichen Tiersage heraus, mit einer wichtigen Einleitung über die Entfaltung des wunderbaren Wesens der letztern. Hierzu folgte später eine Ergänzung Sendschreiben an K. Lachmann. Über Reinhart Fuchso (Lpz. 1840). Alle Werke G.s zeugen von einem mächtigen, Massen bezwingenden Fleiß, großartiger Gelehrsamkeit, tiefdringendem, ordnendem Verstand, von sicherm Gefühl für den Gang histor. Entwickelung und vom frischesten, ebenso kräftigen als zarten Sinn, ohne welchen es niemals gelingt, die Geheimnisse des Sprachgeistes zu ergründen. Gemeinschaftlich mit seinem Bruder Wilhelm Grimm (s. d.) gab er heraus: Die beiden ältesten dentschen Gedichte, das Lied von Hildebrand und Hadubrand, und das Weißenbrunner Gebety (Kass. 1812), «Altdeutsche Wälders (3 Bde., Kass. u. Frankf. 1813—16), „Der arme Heinricho von Hartmann von der Aue (Berl. 1815), Lieder der alten Eddap (Bd. 1, Berl. 1815), Irische Elfenmärcheno (Lpz. 1826). Hem weitere, in Verbindung mit seinem Bruder herausgegebene Werke, die von weitgreifendster Wirkung waren und eine Menge ähnlicher Schriften hervorriefen, sind: Kinder⸗ und Hausmärcheno (3 Bde., Berl. 1812—22 u. öfter, kleine Ausgabe, 32. Aufl., Berl. 1883) und «Deutsche Sagen » (2 Bde., Berl. 1816—18; neue Aufl. 1865). Am Abend seines Lebens vereinigte er sich noch einmal mit seinem Bruder zu einer gemeinsamen Arbeit, dem «Deutschen Wörterbuch v (Lpz. 1852 fg.), welches den gesamten neuhochdeutschen Sprachschatz von Luther bis Goethe umfassen sollte und, wenn vollendet, dem so verdienstlichen Wirken beider die Krone aufgesetzt haben würde. Doch sollte ihnen die Vollendung nicht mehr vergönnt sein. Er starb 20. Sept. 1863 zu Berlin, wenige Jahre nach Wilhelm G., nachdem das Wörterbuch nur bis zur ersten Lieferung des vierten Bandes gediehen war. Dasselbe wird seitdem durch Heyne, Hildebrand, Weigand und Lexer fortgesetzt. Seine Selbstbiographie, zuerst abgedruckt in Justis Grundlage zu einer hess. Gelehrtengeschichtey (Marb. 1831), steht auch in seinen «Kleinern Schriften» (Bd. 1) und in der „Auswahlv. Gegen Ende 1883 trat ein Grimm-Verein (mit dem Sitz des Centralkomitees in Hanau) zusammen, welcher beabsichtigt, den beiden Brüdern Jakob und Wilhelm G. in ihrer Vaterstadt Hanau ein Denkmal zu setzen; der Grundstein soll 4. Jan. 1885, dem 100. Geburtstage Jakob G.s, gelegt werden. Vgl. Scherer, Jakob G.» (Berl. 1865); 4Briefwechsel zwischen Jakob G. und Friedrich David Graetero (herausg. von Herm. Fischer, Heilbr. 1877); Freundesbriefe von Wilhelm und Jakob [G.» (herausg. von A. Reifferscheid, Heilbr. 1878); „Briefwechsel des Freiherrn Karl Hartwig Gregor von Meusebach mit Jakob und Wilhelm G.»(herausg. von C. Wendeler, Heilbr. 1880); 4«Briefe von Jakob G. an H. W. Tydemano (herausg. von A. Reifferscheid, Heilbr. 1883); Briefwechsel zwischen Jakob und Wilhelm G. aus der Jugendzeito Weim. 10 von Hermann G. und Gustav Hinrichs, eim. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 423Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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