FeedGrimm (Wilh. Karl)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Grimm (Wilh. Karl), ausgezeichneter Germanist, der Bruder des vorigen, geb. 24. Febr. 1786 zu Hanau, besuchte mit seinem Bruder das Lyceum zu Kassel und ging, um sich gleichfalls der Rechtswissenschaft zu widmen, 1804 auf die Universität zu Marburg. Seine Jugend trübte eine langwierige gefährliche Krankheit, von der er nur langsam seit 1809 genas. Er wurde 1814 als Sekretär bei der Bibliothek zu Kassel angestellt und ging mit seinem Bruder 1830 nach Göttingen, wo er Unterbibliothekar und 1835 außerord. Professor in der philos. Fakultät wurde. Auch er gehörte zu den Sieben, welche gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes sich verwahrten, und wurde deshalb seines Dienstes entlassen, durfte aber in Göttingen noch verweilen bis Okt. 1838, wo er sich nach Kassel zu seinem Bruder begab, mit dem zugleich er 1841 einem Rufe nach Berlin folgte. Hier starb er 16. Dez. 1859. Ein echter Geistesgenosse seines Bruders und mit ihm in Liclts wifenis amtlichen Verhältnissen wie durch gleiches wissenschaftliches Streben innig verbunden, hat er seine Forschungen namentlich der Poesie des deutschen Mittelalters zugewendet. Dahin gehören seine Ausgaben des «Grave Ruodolf v (Gött. 1828; 2. Aufl. 1844), Bruchstücke eines Gedichts des 12. Jahrh.; des «Hildebrandsliedes o (Gött. 1830), des Freidank' (Gött. 1834; 2. Ausg. 1860), des Rosengarteno (Gött. 1836), des «Rolandsliedeso (Gött. 1838), des Wernher vom Niederrheind (Gött. 1839), der „Goldenen Schmiede (Berl. 1840) und des «Silvestero von Konrad von Würzburg (Gött. 1841), des «Athis und Prophiliaso (Berl. 1846; Nachtrag, Gött. 1852), der «Altdeutschen Gesprächer (2. Abteil., Berl. 1851). «Altdän. Heldenliedere gab er in einer übersetzung (Heidelb. 1811) heraus, dann eine Untersuchung «über deutsche Runenv (Gött. 1821). Sein Hauptwerk ist „Die deutsche Heldensages (Gött. 1829; 2. Aufl., Berl. 1867), eine fleißige, mit feinem Sinn angelegte Sammlung der Zeugnisse für dieselbe, mit einer Abhandlung über ihren Ursprung und ihre Fortbildung. Mit der «Exhortatio ad plebem christianamo (Berl. 1848) verbunden ist eine Abhandlung über die 4Glossae Cassellanae , welche zu den ältesten Denkmälern der deutschen Sprache gehören, sowie eine andere «über die Bedeutung der deutschen Fingernamenv. Sonst sind noch zu erwähnen die gelehrte Untersuchung über Die Sage vom Ursprung der Christusbilderd (Berl. 1843), die Abhandlung «über Freidanko (Berl. 1850; Nachtrag 1 u. 2, Gött. 1852 — 55) und die ungemein reichhaltige Zur Geschichte des Reimsv(Berl. 1852). Eine vollständige Ausgabe seiner Recensionen, Aufsätze und Abhandlungen erscheint unter dem Titel Kleinere Schriftend (Bd. 1—3, Berl. 1881 -83). Eine Reihe anderer Schriften, namentlich die «Kinder⸗ und Hausmärcheno, an denen ihm der Hauptanteil gebührt, gab er in Verbindung mit seinem Bruder Jakob Grimm (s. d.) heraus. Eine minder großartig angelegte Natur als sein Bruder, wußte er seinen Arbeiten durch liebevolle Hingebung, emsigen Fleiß, saubere Ausführung und poetisches Verständnis ihren wose beindet Wert zu geben. Seine Selbstbiographie befindet sich wie die des Bruders in dem Werke von Justi und ist auch im ersten Bande seiner Kleinern Schrifteno abgedruckt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 424Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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