FeedGüterumlauf
VerkehrBrockhaus 1882

Güterumlauf, s. Gütercirkulation. Güterverteilung. Die Produktion der wirtschaftlichen Güter ist nicht Selbstzweck, sondern sie hat nur insofern Sinn und Wert, als sie Mittel zur Konsumtion, zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse schafft. Daher ist auch das Verhältnis, in welchem die produzierten Güter an die verschiedenen Klassen der Gesellschaft zur Konsumtion verteilt werden, für die Beurteilung eines volkswirtschaftlichen Systems von entscheidender den Schul Man wirft der engl. volkswirtschaftlichen Schule nicht ohne Berechtigung vor, daß sie ihr Augenmerk zu ausschließlich auf die Produktion geri tet habe und über die unzweifelhaft vorhandenen Mißstände in der G. entweder mit optimistischen Verheißungen für die Zukunft leicht hinweggegangen sei oder sich darüber mit dem Hinweis auf angeblich unabänderliche Naturgesetze beruhigt habe. Die sozialistische Kritik der bestehenden Produktions⸗ und Verteilungsordnung c0 wenigstens in Deutschland auch auf die Wissenschaft den günstigen Einfluß geübt, daß sie zu einer tiefern Auffassung der Lehre von der G. gelangt ist und, von der Kritik derselben ausgehend, auch praktische Mittel zur Milderung der vorhandenen libel sucht. In der arbeitsteiligen Ge-Inderdi mit privatem Grund-und Kapitaleigentum indet die Verteilung des Produkts derrationellen Arbeit durch mancherlei Vermittelungen in der Weise statt, daß ein Teil den besitzlosen Arbeitern als Lohn (. Arbeiter und Arbeitslohn) überwiesen wird und diese dadurch abgefunden werden, während aus dem andern Teil die Grundbesitzer ihre Rente (s. Bodenrente) entnehmen und der Rest als Kavitalgewinn im weitern Sinne zunächst in den Händen der Unternehmer bleibt (s. Unternehmergewinn). Ein Teil dieses Kapitalgewinns ist jedoch als Vergütung für die Arbeit des selbstthätigen Unternehmers anzusehen, ein anderer Teil aber bildet den Kapitalzins (s. Zins), den die bloßen Darleiher von Kapital zu fordern im Stande sind und den der Unternehmer, ebenso wie auch die Grundrente, sich für sein eigenes Kapital oder seine eigenen Grundstücke ebenfalls in Anrechnung bringen wird. Mittels der Grundrente und der Kapitalzinsen können also auch solche Personen einen Anteil am Nationalprodukt erhalten, die durch eigene Arbeit zu der Produktion gar nichts beitragen, und den selbstthätigen Unternehmern fließt aus diesen Quellen ein größerer Anteil zu, als dem wirklichen Werte ihrer eigenen Arbeitsleistung (die etwa mit der eines besoldeten Direktors zu vergleichen ist) entspricht. Gleichwohl muß der Grundrente und dem Kapitalzins unter den gegebenen Umständen volle Berechtigung zuerkannt werden, nicht nur, weil diese Reizmittel für die bisherige Entwickelung der wirtschaftlichen Produktion und der Kultur überhaupt thatsächlich unentbehrlich gewesen sind, sondern weil auch noch jetzt und für alle absehbaren Zeiten der Grundbesitzer und Kapitalbesitzer auch ohne persönliche Arbeitsthätigkeit eine organisatorische Funktion ausüben, ohne welche der ganze Mechanismus der Produktion ins Stocken geraten würde. Sie haben die Verfügung über die Produktionsmittel und überweisen dieselben auf ihre Gefahr denjenigen, die sie zur wirklichen Produktion benutzen, eine Funktion, die, wenn auch in anderer Form, auch im sozialistischen Staate, sei es durch den Staat selbst oder durch genossenschaftliche Organe, erfüllt werden müßte. Die Hauptfrage aber betrifft die Größe der Quote, die auf die Arbeit einerseits und auf den Grund- und Kapitalbesitz andererseits entfällt. Wenn auch das Ricardosche «eherne Lohngesetzo, nach welchem der Arbeitslohn stets auf das Existenzminimum herabgedrückt werden soll, keineswegs allgemeine Gültigkeit hat und höchstens für die allerunterste, verhältnismäßig wenig zahlreiche Schicht der Arbeiterklasse zutreffen mag, so zeigt sich doch im allgemeinen eine Tendenz, daß bei Vermehrung der Produktivität der Arbeit durch neue Erfindungen, Verbesserungen u. s. w. die auf die Arbeiter fallende Quote des vermehrten Nationalprodukts nicht entsprechend zunimmt, also der Hauptvorteil der Produktionsverbesserungen dem Kapital zufällt. Es hängt dies damit zusammen, daß der Arbeitslohn sich durch Angebot und Nachfrage bestimmt, durch neue Erfindungen, Maschinen u. s. w. aber zunächst menschliche Arbeit disponibel gemacht wird. Dieses Mißverhältnis des Anteils der Arbeit kann aber sehr leicht auch auf das Kapital ungünstig zurückwirken, indem es gleichbedeutend ist mit einer ungenügenden Konsumtionsfähigkeit der Masse der Bevölkerung, und daher Überproduktion und Krisis herbeiführen kann. Indes erzeugt andererseits die zunehmende Kapitalansammlung in Verbindung mit der fortwährenden Erweiterung der menschlichen Bedürfnisse auch wieder vermehrte Nachfrage nach rbeit, und manche stellen daher eradezu den Satz auf, der Anteil des Kapitals am Produktionsertrag werde zwar absolut (infolge der fortwährenden Steigerung der Produktivität der Arbeit) immer mehr zunehmen, relativ dagegen, also als Quote des Gesamtertrags, zu Gunsten der Arbeit mehr und mehr abnehmen. Wenn auch diese Behauptung in keiner Weise genügend bewiesen ist, so hat man sich —35 zu hüten, aus den in Übergangszeiten und Krisen hervortretenden Erscheinungen allzu pessimistische allgemeine Schlußfolgerungen 5 ziehen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 650Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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