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ErdkundeBrockhaus 1882

Hannover, bis 1866 die Hauptstadt des Königreichs und Residenz des Königs von Hannover, seitdem die Hauptstadt der gleichnamigen preuß. Provinz, ist der Sitz des Oberpräsidiums, des Generalkommandos des 10. Armeekorps, der Stäbe der 19. und 20. Division, eines Militärreitinstituts, einer Kriegsschule, des evang.⸗Iuth. Landeskonsistoriums, des Konsistoriums für die Landdrosteien H., Hildesheim und Lüneburg, der Provinzialsteuer⸗, der Finanzdirektion, der Landesdirektion, der Direktion der hannov. Staatsbahnen, einer Oberpost⸗ und Telegraphendirektion, einer Landdrostei, eines Amtes, eines Magistrats, eines Landes⸗ und eines Amtsgerichts u. s. w. Sie liegt in ebener, wohlangebauter Gegend zu beiden Seiten der von hier aus schiffbaren Leine im ehemaligen Fürstentume Kalenberg, ist Station der Linien Berlin-H.⸗Köln, H.⸗Altenbeken, H.⸗Kassel, H.⸗Harburg und H.⸗Geestemünde der Preußischen Staatsbahnen und zählt (1880) 122 843 (mit dem unmittelbar daranstoßenden Vororte Linden 145 227) C., worunter 108974 Evangelische, 10130 Katholiken und 3450 Juden. Die Stadt zerfällt in die Altstadt, die Egidien-Neustadt, den Georgs- und Marienstadtteil (1859 mit der Stadt vereinigte Vorstädte) und den in großartigem Stile angelegten neuen Ernst-August-Stadtteil. Zehn zum Teil schöne Brücken verbinden die verschiedenen Teile des Ganzen, Pferdebahnen vermitteln die Kommunikation nach den meisten entlegenen Punkten. Im Osten wird die Stadt halbkreisförmig von einem städtischen Forst (Eilenriede) umschlossen. Unter den öffentlichen Plätzen sind hervorzuheben: der Waterloo⸗, Friederiken⸗, Georg- und Theaterplatz, der Altstädter und der Neustädter Markt, der Klagesmarkt, der Bahnhofs⸗, jetzt Ernst-August-Platz. Unter den öffentlichen Ge-loo⸗ und bäuden nimmt das königl. Residenzschloß die erste städtische Stelle ein. Dasselbe wurde 1636—40 von Herzog malt. Georg erbaut, seit 1817 aber völlig umgestaltet stalt, da und mit prachtvoller Kolonnade an der Leinstraße Wissensch versehen. Die Schloßkapelle enthält ein von LukasLyceen, Cranach gemaltes Altarblatt und, größtenteils in gerschule, kostbaren Behältern, einen sehenswerten Reliquien⸗ bahnhof und Antiquitätenschatz, welchen Heinrich der Löwe! Telegrap 1172 zum Teil aus Palästina mit nach Braun-1878 —8 schweig brachte. Sonst zeichnen sich aus: das alte, gebäude, von Hase wiederhergestellte, architektonisch berühmte Viehhof. Rathaus (1439 und 1455 erbaut); das dem alten den diene Residenzschlosse gegenüberliegende königl. Palais; Katholiker das prächtige, an 2000 Zuschauer fassende Hof⸗ und der theater (Sept. 1852 eröffnet); ferner das Stände⸗ ist die ber haus, die Kalenbergische Landschaft, die königl. wert die Reitschule, das Zeughaus, die Kasernen am Water-Neustädte „Welfenplatze, das Militärhospital, das Krankenhaus in Linden, die Henrietten⸗ (Diakonissenanstalt), die Entbindungsan-S 1856 errichtete Museum für Kunst und haft, die Polytechnische Hochschule, die die 4½% en und die höhere Bür⸗ „ die hofshalle, der große Centralmit Anlagen und das neue Post⸗ und )hengebäude am Ernst-August-Platze, von nover. 1 im Renaissancestil erbaut, das Justizdas Konzerthaus, der Schlacht⸗ und Von den 15 gottesdienstlichen Gebäuen 10 den Lutheranern und je eins den n, Reformierten, Israeliten, Baptisten Englischen Gemeinde. Die äkteste Kirche reits 1238 erwähnte Marktkirche, sehensneue (1864) got. Christuskirche. In der erkirche befindet sich Leibniz' Grabmal. Von Denkmälern besitzt H. seit 1861 die Reiterstatue des Königs Ernst August (von A. Wolf modelliert), die 47 m hohe, mit einer Victoria geschmückte Waterloosäule, das Leibniz-Monument auf dem Waterlooplatze, das eherne Standbild des Generals Graf Alten neben dem Archive, das Denkmal Schillers (von Engelhart) auf dem Georgsplatze, das des Komponisten Marschner auf dem Theaterplatze, das des Technologen Karmarsch daselbst, das des Pastors Bödeker auf dem Marktplatze und das Kriegerdenkmal am Ende der Königstraße. Für den Unterricht ist auf das tresslichste gesorgt. Außer den 15 öffentlichen Volksschulen, zahlreichen Privatinstituten und Warteschulen bestehen zu H. eine berühmte technische Hochschule, zwei Lyceen, ein Kaiser-Wilhelms-Gymnasium, zwei Realgymnasien, zwei höhere Rittlerh Siadt zwei höhere Töchterschulen und vier mittlere Stadttöchterschulen. Hierzu kommen von Fachlehranstalten drei militärische Anstalten, Prediger⸗ und Schullehrerseminar, Tierarzneischule, Entbindungslehranstalt, Handels- und Gewerbeschule und Blindenanstalt. Von den Sammlungen für Wissenschaft und Kunst sind besonders hervorzuheben: die königl. Bibliothek (175000 Bände), die Stadtbibliothek mit seltenen Handschriften, die Societätsbibliothet (32000 Bände), die Bibliothek des Senators Culemann u. s. w.; ferner die Münzsammlung, das Welfenmuseum (Merkwürdigkeiten in Beziehung auf die Geschichte des vormaligen Herrscherhauses enthaltend), die früher Hausmannsche Gemäldegalerie, das Museum für Kunst und Wissenschaft und das Kestnersche Museum. Seit 1863 befindet sich im städtischen Forst ein zoolog. Garten. Neben einem Gartenbau⸗, einem Gewerbe⸗ und einem Landwirtschaftlichen Vereine besitzt H. auch viele wissenschaftliche Vereine (Architekten und Ingenieure, Arzte, Naturhistorische Gesellschaft, Historischer Vereinj, Kunstvereine u. s. w. Die Zahl der Gesangvereine beträgt über 50, die der Turnvereine 4. Zwei Dritteile der Bevölkerung leben von Industrie, Handel und Verkehr. Seitdem H. der Mittelpunkt des nördl. deutschen Eisenbahnsystems geworden, hat es sich zu einer Fabrikstadt von Bedeutung entwickelt. Größere Etablissements sind: die Reparaturwerkstätte der Staatsbahn, eine Baumwollspinnerei und Weberei mit 70776 Spindeln, 3478 Doublierspindeln und 7 Webstühlen, eine mechan. Baumwollweberei mit 1530 Stühlen, eine Flachs⸗ und Hedegarn-Maschinenspinnerei mit 3780 Feinspindeln; ferner eine Wachstuchfabrik, 10 Maschinenfabriken, 6 Eisengießereien mit 1524 Arbeitern. in bestehen Fabriken je eine für Geschosse und Kriegsmaterial, Zündhütchen, Gold- und Silberwaren, Bronze⸗ und plattierte Waren, 9 für Pianofortes, 13 für Chemikalien und Farben, 3 für Tapeten, 7 für lackierte Waren (Lampen), 40 für Tabak und Cigarren. Auch zählt man 2 Fournierschneidereien, 2 Kalkbrennereien, 19 Ziegeleien, 11 zum Teil bedeutende Brauereien, 26 Brennereien. Neben 31 Buchdruckereien bestehen 30 Buchhandlungen. Der Handel, vorzugsweise Produkten⸗ und Speditionshandel, ist in neuerer Zeit durch die Eisenbahnverbindungen großer Blüte gediehen. Die Ledermärkte sind sehr besucht. Seit Jan. 1876 hat H. eine Reichsbankshweig, A (für die Wandenr H., Oldenburg, Braunchweig, Lippe und Waldeck). Außerdem besteht hier „die Hannoversche Bank, eine Landeskreditanstalt, ein Ritterschaftlicher Kreditverein, eine Vereinsbank und eine Renten⸗ und Kapitalversicherungsanstalt. tIm Nordwesten der Stadt führt eine prächtige Lindenallee durch ausgedehnte königl. Parks zu dem „Schlosse Derenhausen (. d.) und dem neuerbauten, schönen, fünftürmigen Welfenschlosse, welches für die heschichtlich Fachschule umgebaut ist. Geschichtliches. Die Stadt H., der zuerst 1163 Erwähnung geschieht, fiel 1203 bei der Teilung der welfischen Länder unter die drei Söhne BHeinrichs des Löwen dem Pfalzgrafen Heinrich zu, wurde aber 1223 von diesem mit seinem übrigen Erbbesitze seinem Neffen Otto dem Kinde, dem Stifter der ältern braunschw. Linie, übergeben. Beim Einfalle König Heinrichs von Hohenstaufen in die welfischen Länder ging jedoch 1227 auch H. verloren, welches sich dem Grafen Konrad von Lauenrode unterwarf, von diesem aber 1241 an Otto wieder zurückgegeben wurde. Bei der 1269 zu Quedlinburg erfolgten Teilung der welfischen Länder fiel H. dem Herzog Johann zu, dessen Sohn Otto der Strenge die Stadt sehr begünstigte und sie 1309 mit einer Mauer umgab. In dem Friedensschlusse, welcher der Fehde zwischen Otto und dem Bischofe Siegfried II. von Hildesheim ein Ende machte, wurde H. und das Schloß Lauenrode an letztern abgetreten, von diesem aber wieder an Otto als Lehen übertragen und fiel 1369 beim Tode Wilhelms mit dem großen Beine an Herzog Magnus mit der Kette von Braunschweig. Zugleich begann aber der Lüneburgische Erbfolgekrieg mit Albrecht von Sachsen, in welchem 1371 das Schloß Lauenrode von Albrecht mit Hilfe der Hannoveraner erobert und von den letztern zerstört wurde. Bei dem 1388 geschlossenen Frieden huldigte die Stadt H. den lüneb. 1 Bund. Bernhard und Heinrich, trat 1481 in den Bund der Hansa und wies 1490 tapfer den überfall Herzog Heinrichs des Altern von Braunschweig zurück. Bei der Länderteilung 1495 fiel H. an Herzog Erich den Altern von Göttingen, unter welchem zu Anfang des 16. Jahrh. die prot. Lehre in H. durch Urbanus Regius eingeführt wurde. Im J. 1636 verlegte Herzog Georg von Celle seine Residenz nach H., wo sie bis 1714 blieb, in welchem Jahre der Kurfürst Georg den Thron von Großbritannien bestieg. Als 1837 die Personalunion mit England aufhörte, wurde auch H. wieder die Residenz der Könige. Beim Beginne des Deutschen Kriegs von 1866 wurde H. 17. Juni von den Preußen besetzt, kam dann mit dem gesamten Königreiche an die preuß. Monarchie und ist seitdem die Hauptstadt der Provinz H. Vgl. Hoppe, Geschichte der Stadt H. (Hannov. 1845); Andreage, «Chronik der Residenzstadt H. v (Hildesh. 1859); Thies, 4H. und seine benachbarten Gebieteß (Hannov. 1873); R. Hartmann, «Geschichte der Residenzstadt H. von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwarto (Hannov. 1879); „Die königl. Residenzstadt H.y (Hannov. 1883). Der Landdrosteibezirk Hannover besteht aus dem ehemaligen Fürstentum Kalenberg und den ehemaligen Grafschaften Hoya und Diepholz, umfaßt 5783 qakm mit (1880) 462099 C. (75 auf den Quadratkilometer), worunter 435232 Cvangelische, 20450 Katholiken und 5656 Juden, und zerfällt in den Stadtkreis H. und die Landkreise H. (974 akm mit 87921 E.), Diepholz, Hameln, Hoya, Nienburg und Wennigsen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 826Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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