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ErdkundeBrockhaus 1882

Göttingen, Kreisstadt im Landdrosteibezirk Hildesheim der preuß. Provinz Hannover, in einem Kassel und Frankfurt-Bebra-G. der Preußischen Staatsbahnen, ist Sitz eines Landgerichts, eines Amtsgerichts, eines Kreisamts, einer Handelskammer, einer Reichsbanknebenstelle, einer General⸗ „superintendentur, hat fünf evang. Kirchen, worunter die Jakobikirche mit schönem Turm und die Johanniskirche, eine reform. und eine kath. Kirche, eine Synagoge, eine Universität, ein Gymnasium, ein Realgymnasium, eine Irrenanstalt, das große Ernst-Schlachthaus, einen Centralfriedhof, drei neue große bem ken Schulen, eine neue Quellwasserleitung vom benachbarten Hainberge und teilweise Kanalisation. Auf dem Wilhelmsplatz steht das eherne Standbild Wilhelms IV. (von Bandel), vor dem Neuenthor das Denkmal für die im Deutsch-Französischen Kriege von 1870 und 1871 Gefallenen und dem Bahnhofe gegenüber das Langensalza-Denkmal. Die Stadt breitet sich außerhalb des mit Linden-Jalleen besetzten und zur Promenade dienenden Walls immer mehr aus und zählt (1880) 19963 meist evang. E., welche Fabriken in Tuch⸗ und Wollwaren, Leder, Tabak, physik. und optischen Instrumenten, Bürstenwaren, Buntpapier etc. unterhalten. Berühmt sind die Göttinger Mettwürste. Die Universität zu Göttingen, eine der berühmtesten Deutschlands, wurde von König Georg II. (daher Georgia Augusta) 1734 begründet, 17. Sept. 1737 eingeweiht und gedieh unter der besondern Fürsorge des Ministers Freiherrn von Münchhausen rasch zu hoher Blüte. Unter den bunden und, ueh Anstalten, die mit derselben verbunden sind, steht die Bibliothek obenan, die zu den vorzüglichsten Deutschlands gehört und sich nicht nur durch die Größe ihres Büchervorrats (über 500000 Bände und 5000 Handschriften), sondern auch durch ihre vorzügliche Anordnung auszeichnet. Die mit der Universität verbundene, 1750 auf Albrecht von Hallers Anregung gestiftete und 1770 zweckmäßiger eingerichtete Gesellschaft der Wissenschaften besteht aus einer mathem., physik. und histor. Klasse. Dieselbe gibt Nachrichteno über ihre Sitzungen und »Abhandlungeno ihrer Mitglieder heraus; unter —* Aufsicht erscheinen die Göttinger gelehrten Anzeigenv, das älteste der noch bestehenden wissenschaftlich-kritischen Litteraturblätter Deutschlands. Zur Universität gehören außerdem ein theol. Seminar mit Repetentenkollegium; ein anatom. Theater, ein physiol. und pharmakol. Institut, im Ernst-August-Hospital eine mediz. und chirurg. Klinik, ein ophthalmol. Hospital mit Klinik, ein Entbindungshospital, eine psychiatr. Klinik, ein athol. Institut, ein Thierarznei-Institut und ein Institut für mediz. Chemie und Hygiene; ferner ein chem. Laboratorium, ein philol. Seminar und Proseminar, ein Winoolo⸗ archäol. und mathem.⸗ physo Seminar; ein zoo og.⸗zootom., ein pflanzenphysiol. und ein physik. Institut; ferner eine archäol. Sammlung (Gipsabgüsse, Münzen), eine Sammlung von Olgemälden und Kupferstichen, eine mineralog.⸗paläontol. Sammlung (mit der zoologischen zusammen in einem neuen großen Museumsgebäude), ein botan. Garten, eine Sternwarte; endlich ein landwirtschaftliches Institut. Auch das Litterarische Museum, das eine reiche Sammlung wissenschaftlicher und polit. Zeitschriften und Zeitungen nebst einer Auswahl von Broschüren und Büchern der sozialen Litteratur und zugleich Gelegenheit zu geselliger Unterhaltung bietet, steht mit der Universität in Verbindung. schon zeichnete sich die Universität durch die Vielseitigkeit der Vorlesungen, vorzüglich in der philos. Fakultät, aus. Diese Richtung verdankt sie zunächst dem Freiherrn von krenlichen Pr ihrem ersten Kurator, dann einzelnen trefflichen Professoren, die in gleichem Geiste auf die Angelegenheiten derselben einwirkten, wie Joh. Matth. Gesner, Ch. G. Heyne, Kästner, Joh. Tob. Mayer, Lichtenberg, Schlözer, Spittler, Gatterer, Pütter, Eichhorn (Vater und Sohn) u. a. Trotz einzelner Störungen durch Studentenunruhen (1790, 1806 und 1818) und die Kriegsjahre belief sich 1823 die Zahl der Studenten auf 1547. Dieselbe betrug 1831 noch 1123, als die Frequenz infolge der Unruhen dieses Jahres einen harten Stoß erlitt, sodaß im Sommersemester 1834 nur 860 Studierende inskribiert waren. Indes konnte sich die Universität G. immer noch rühmen, einen auserlesenen Verein großer Gelehrten und ausgezeichneter Lehrer zu besitzen, wie Blumenbach, Dahlmann, Dissen, Ewald, Gauß, Gervinus, Gieseler, Göschen, die Gebrüder Jak. und Wilh. Grimm, Hausmann, Heeren, Herbart, Himly, Hugo, Langenbeck, Lücke, Mitscherlich, Mühlenbruch, Otfr. Müller, Siebold, Stromeyer u. a. Als sie im Sept. 1837 ihre neue Aula r und zuscten rhundertjähriges Stiftungsjubiläum feierte, chien eine neue glanzvolle Ara für sie anzuheben. Doch durch die in demselben Nibre —n Vertreibung der sieben Professoren Albrecht, Dahlmann, Ewald, Gervinus, Gebrüder Grimm und Wilh. Weber, weil sie gegen die einseitige Aufhebung der Verfassung von 1833 zu protestieren sich gedrungen gefühlt hatten, sowie auch 1840 durch den Tod O. Müllers erlitt die Universität wieder einen empfindlichen Stoß, von dem sie sich nur allmählich erholte. Das J. 1848 führte von den Vertriebenen Ewald und W. Weber wieder zurück; auch bewies König Ernst August gegen Ende seines Lebens eine erhöhte Teilnahme an den Angelegenheiten der Universität. Die Regierung seines Nachfolgers war eifrig bestrebt, die Georgia Augusta aufs neue zu heben, wie die Berufung einer Anzahl ausgezeichneter Gekehrten, neue Institute, die neuen Treibhäuser, das chem. Laboratorium und das 1865 vollendete schöne Auditoriengebäude bekunden. Auch die preuß. Regierung sorgt seit 1866 fortwährend mit großer Umsicht für die Blüte der Anstalt, insbesondere durch ein großartiges nen Kandwieß neues naturwissenschaftliches Museum, landwirtschaftliche Akademie, pflanzenphysiol. Institut etc. So ist die Zahl der Studierenden immer in langsamem Wachsen begriffen und betrug Winter 1883—84 wieder 1086; gleichzeitig lehrten an der Hochschule 61 ord., 29 außerord. Professoren, 24 Docenten und 5 Exerzitienmeister. Unter den Professoren zählen Männer wie Dove, Hanssen, Henle, von Pering, König, de Lagarde, Leber, Mejer, Reuter, A. Ritschl, Sauppe, Thöl, Weber, von Bar, Schultz, Klein zu den ersten Namen in ihrer Wissenschaft. Vgl. Pütter, „Versuch einer akademischen Gelehrtengeschichte der Universität zu G.» (2 Bde., Gött. 1765—88; fortgesetzt von Saalfeld, Hannov. 1820, und von Ssterley, Gött. 1838); Rößler, „Die Gründung der Universität G.»(Gött. 1855); Unger, „G. und die Georgia Augusta (Gött. 1861); „(Göttinger Professoreno (Gotha 1872); 4G. in Vergangenheit und Gegenwarte (Gött. 1878). Die Universität hat zu ihrem Haupte einen alljährlich von den ord. und außerord. Professoren aus der Mitte der erstern erwählten Prorektor. G. wird schon im 10. Jahrh. genannt und erhielt durch Pfalzgraf Heinrich und Kaiser Otto IV. städtische Gerechtsame, welche Otto das Kind 1232 und Herzog Albrecht 1288 bestätigten. In den J. 1286 —1463 war der Ort Haupt⸗ und Residenzstadt des nach ihm benannten braunschw.⸗lüneburg. Fürstentums und stand als wichtiges Glied der Hansa besonders wegen seiner Tuche und anderer Manufakturwaren in großem Ansehen. Seit 1531 wurden die kirchlichen Verhältnisse im Geiste der Reformation geändert. Im Dreißigjährigen Kriege hatte die Stadt viel zu leiden. Nach einer 7. Juli 1626 begonnenen Belagerung bekam sie 2. Aug. Tilly in seine Gewalt, und sie blieb in den Händen Kaiserlichen, bis sie im Febr. 1632 wieder an die Schweden unter dem Herzog Wilhelm von Weimar überging. Infolge dieser Ereignisse ins äußerste Elend versunken, gelangte die Stadt erst wieder durch die Stiftung der Universität zu Wohlstand. Auch im Siebenjährigen Kriege geriet die Stadt wiederholt in Feindes Hand. it dem Frieden nahm G. einen erhöhten Aufschwung und die Jahre von 1770 bis zum Ausbruch der Französischen Revolution bilden die Zeit seines höchsten Glanzes. Die westfäl. Zeit zeigt ein tiefes Sinken, die nach den Freiheitskriegen einen um so höhern Aufschwung, besonders der Universitätsfrequenz. Der Kreis Göttingen zählt (1880) auf 835 qakm 74 168 meist prot. E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 238Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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